„Albrecht Weinberg“: Wie ein Shoah-Überlebender mit seiner Heimat ringt
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Albrecht Weinberg in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen
Manchmal hilft eine lässig formulierte Frage, um das Unvorstellbare anschaulich zu machen. „Habt Ihr auch ein Tattoo?“ fragt der hochbetagte Mann im Rollstuhl eine Gruppe von Schüler*innen, die sich in der Aula eines Gymnasiums um ihn versammelt haben. Dann zeigt Albrecht Weinberg seinen Arm, auf dem die Zahl 116.977 zu sehen ist. Es ist eine tätowierte Häftlingsnummer. Bekommen hat er sie als junger Mann im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Die jungen Leute staunen über das, was er dort erlitten hat. So wie auch Albrecht Weinberg zeit seines Lebens nicht fassen konnte, was ihm widerfahren ist.
40 Angehörige wurden Opfer der Shoa
Es ist eine der eindrücklichsten Szenen in dem Dokumentarfilm „Albrecht Weinberg. Es ist immer in meinem Kopf“. Die Schule, die der Protagonist an diesem Tag in Ostfriesland besucht, trägt seinen Namen. 1925 kam er als drittes Kind einer jüdischen Familie in der ostfriesischen Gemeinde Rhauderfehn bei Leer zur Welt. Dort befindet sich auch das besagte Gymnasium. 40 Angehörige verlor Albrecht Weinberg während der Shoah.
Nach dem Krieg ging er mit seiner Schwester in die USA und kehrte nach mehr als 60 Jahren für immer zurück. Junge Menschen von seinen traumatischen Erfahrungen zu erzählen und über die Schrecken des Nationalsozialismus aufzuklären, wurde zu seiner Mission. Belohnt wurde sie mit vielerlei Ehrungen, aber auch mit eine spürbaren Anteilnahme. So wie an jenem Tag am Gymnasium in Rhauderfehn.
In ihrem Film lassen die Regisseur*innen Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg Revue passieren. In dieser Zeit wurde er in seiner alten und irgendwie auch neuen Heimat bei öffentlichen Veranstaltungen wie ein Popstar gefeiert. Da war er längst Ehrenbürger von Rhauderfehn und Leer sowie Träger des Bundesverdienstkreuzes.
Keine typische Aufsteiger-Geschichte in den USA
Dass es dazu kommen sollte, war für den Zeitzeugen alles andere als abzusehen. Als Kind und Jugendlicher bekommt er die zunehmende Ausgrenzung unter der NS-Herrschaft zu spüren. Während des Zweiten Weltkrieges muss er Zwangsarbeit verrichten, durchläuft nach Auschwitz auch das Konzentrationslager Mittelbau-Dora, übersteht drei Todesmärsche und wird 1945 im KZ Bergen-Belsen von britischen Truppen befreit.
Nach der Auswanderung führt er die Tradition seiner Familie fort und übernimmt eine Fleischerei in New York. Vieles riecht nach einer typischen Aufsteiger-Geschichte. Doch die Wunden der Vergangenheit bleiben. Wieder in Deutschland zu leben, erscheint Albrecht Weinberg und seiner Schwester undenkbar. Und doch kommt es ab dem Jahr 2012 genauso, wenn auch eher notgedrungen, aus gesundheitlichen Gründen. Und, so könnte man es sagen, Albrecht Weinberg erfindet sich wieder mal neu.
Berührende und überraschende Begegungsmomente
In Albrecht Weinbergs Lebensgeschichte verdichten sich Erfahrungen aus mehreren berüchtigten Symbolorten der NS-Vernichtungsmaschinerie. Das macht seine Erzählungen, die, während Originalschauplätze oder karge ostfriesische Landschaften zu sehen sind, meist aus dem Off kommen, so besonders. Die Begegnungen mit den Menschen von heute bieten immer wieder berührende und überraschende Momente.
Mitunter zeigt der Protagonist dabei auch seine streitbare Seite. Apropos: Vergangenes Jahr hat Albrecht Weinberg sein Bundesverdienstkreuz zurückgegeben: aus Protest dagegen, dass ein Entschließungsantrag der Unionsfraktion zur Migrationspolitik mit den Stimmen der AfD eine Mehrheit im Bundestag gefunden hat. Weil der Film bereits im Jahr 2024 fertiggestellt wurde, konnte dieser Aspekt aber nicht mehr mit einfließen.
Sein unfassbares Leben ist eine Mahnung
Was für ein unfassbares Leben: Das ist einer der ersten Gedanken, wenn man diesen sehr gemächlich erzählten Film auf sich wirken lässt. Am 12. Mai dieses Jahres endete dieses Leben. Es dürfte in Albrecht Weinbergs Sinne sein, in seiner von Leid und Neuanfang geprägten Biografie eine Mahnung zu sehen.
„Was er uns erzählt, scheint aus einer anderen Zeit und gleichzeitig ist es ein wesentlicher Teil unserer Zeit, einer Gegenwart, in der Politiker offen mit NS-Rhetorik Wahlkampf machen“, so Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel in einem gemeinsamen Statement. „Das Unrecht kennt kein Vergessen.“ Ihren Film widmen sie nicht nur Albrecht Weinberg, sondern auch Ostfriesland, dessen NS-Geschichte noch lange nicht aufgearbeitet sei.
Wie langlebig der damit verbundene Schmerz sein kann, zeigt dieser Film in aller Klarheit. Am Anfang zeigt Albrecht Weinberg seinen tätowierten Arm. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass diese Nummer und das, was sie bedeutet, eben „immer in seinem Kopf“ sind.
„Albrecht Weinberg. Es ist immer in meinem Kopf“ (Deutschland 2026), ein Film von Güner Yasemin Balci und Jesco Denzel, 90 Minuten, FSK ab sechs Jahre (angefragt)
Im Kino