Krankschreibung per Telefon: Warum die Kritik von Merz für Empörung sorgt
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Seit der Corona-Pandemie können sich Beschäftigte auch telefonisch krankschreiben lassen.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat die telefonische Krankschreibung von Beschäftigten grundsätzlich infrage gestellt. Ärzt*innen sei es kaum möglich, den Gesundheitszustand am Telefon zu beurteilen, begründete der CDU-Politiker zum Wochenbeginn seine Haltung. Er verwies auf eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Krankentagen in Deutschland. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erklärte daraufhin, die bisherige Regelung für die telefonische Krankschreibung zu überprüfen.
SPD-Gesundheitsexperte Christos Pantazis: „Telefonische Krankschreibung ist kein Freifahrtschein“
Innerhalb der Sozialdemokratie und auf Seiten der Gewerkschaften wird die Forderung des Kanzlers entschieden abgelehnt. „Die telefonische Krankschreibung ist kein ,Freifahrtschein‘, sondern eine eng begrenzte, ärztlich verantwortete Regelung für leichte Erkrankungen“, betonte Christos Pantazis, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, auf Nachfrage der Zeitungen der Funke-Mediengruppe.
„Wer krank ist, soll sich auskurieren können – und wer das System stabil halten will, muss Krankheiten verhindern, nicht Kranke unter Generalverdacht stellen.“ Die telefonische Krankschreibung sei dafür ein „vernünftiges Instrument im Werkzeugkasten – eng geregelt, ärztlich verantwortet und praxistauglich“, so Pantazis.
Durch telefonische Krankschreibung keine vollen Wartezimmer mehr
„Durch Krankschreibungen per Telefon brauchen leichter erkrankte Menschen, die der Praxis bereits bekannt sind, sich nicht mehr in volle Wartezimmer drängen, wo sie womöglich bei Infektionskrankheiten weitere Personen anstecken", erklärte Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese laut einem Bericht auf „stern.de“. Das Bundesgesundheitsministerium solle sich lieber „den wichtigen Themen“ widmen, verlangte die SPD-Politikerin.
„Wir stehen im Gesundheitsbereich vor großen HerausforderungenKrankenhausreform“, erklärte Drese. Sie nennt die Notfallreform, die Stärkung der ambulanten Gesundheitsversorgung und die Einführung eines Primärarztsystems. Jetzt die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung überprüfen zu wollen, sei eine falsche Prioritätensetzung.
DGB-Chefin Yasmin Fahimi: „Zu viele Menschen gehen krank zur Arbeit“
Deutliche Worte fand auch die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Es sei „hoch unanständig, in welchem Ausmaß krank gemeldete Beschäftigte unter Generalverdacht gestellt werden, als wären sie Drückeberger und Faulenzer", erklärte Yasmin Fahimi am 20. Januar während einer Pressekonferenz in Berlin.
Dass die Krankenkassen eine steigende Zahl von Krankmeldungen registrierten, sei auf einen rein statistischen Effekt zurückzuführen. Seit Einführung der elektronischen Krankschreibung im Jahr 2023 werde jeder einzelne Krankheitstag statistisch erfasst. Dies bedeute nicht, dass mehr Menschen krank machten. „Ein Problem ist vielmehr, dass zu viele Menschen krank zur Arbeit gehen“, so die Gewerkschafterin.
„Wir erfassen nahezu 100 Prozent aller Krankheitstage, andere Länder tun das nicht“, ergänzte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel in einem schriftlichen Statement. Die OECD-Vergleiche, auf die sich Merz offenbar bezogen hat, würden deshalb „gewaltig hinken“. „Die telefonische Krankmeldung hat sich bewährt“, so Piel. „Wer daran rüttelt, misstraut offenbar auch den Ärzten“, so Piel.
Der Durchschnitt liegt bei 14,8 Krankentagen pro Jahr
Laut dem Statistischen Bundesamt waren es im Jahr 2024 durchschnittlich 14,8 Arbeitstage, an denen sich Arbeitnehmer in Deutschland krankgemeldet haben. Das sei der gleiche Wert wie 2022, im Jahr 2023 waren es 15,2.
„Wenn der Bundeskanzler oder die Bundesgesundheitsministerin den Eindruck haben, dass Menschen ,zu häufig’ krank sind, dann ist der richtige Ansatz Ursachenforschung – nicht Misstrauen“, erklärte Cornelia Urban, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion in Thüringen. „Hohe Krankenstände haben Gründe“, so Urban. Sie nennt Arbeitsverdichtung, psychische Belastungen, unzureichende Prävention, lange Wartezeiten auf Facharzt- und Therapietermine oder auch wiederkehrende Infektwellen.
Urban machte klar: „Wer Gesundheitspolitik ernst nimmt, stärkt betriebliche Gesundheitsförderung, Arbeitsschutz und Versorgung – statt an einem sinnvollen Verfahren herumzuschrauben.“ Bestehende Schutzmechanismen seien konsequent anzuwenden und – falls nötig – zielgenau nachzuschärfen, statt ein bewährtes Instrument insgesamt infrage zu stellen.
Krankschreibung per Telefon oder via WA