Inland

Holocaust-Gedenktag: Wie Erinnerungsarbeit in Sozialen Medien gelingen kann

27. January 2026 08:12:39
Erinnerungsarbeit rund um den Holocaust findet zunehmend auch in den Sozialen Medien statt. Welche Herausforderungen das mit sich bringt, zeigt der Auftritt des Konzentrationslagers Neuengamme in Hamburg. Hasskommentare sind hier nun eines der Probleme.
Jemand macht ein Foto vom Holocaust-Mahnmal in Berlin

Kann auch im digitalen Raum angemessen an die Gräueltaten der Nationalsozialisten erinnert werden? (Symbolbild)

Mit jedem Jahr schrumpft die Zahl der jüdischen Holocaust-Überlebenden. Nach Angaben der Jewish Claims Conference leben nur noch etwa 196.600, und etwa jede*r Dritte von ihnen ist 90 Jahre alt oder älter. Das und die Tatsache, dass vor allem junge Menschen Soziale Medien immer öfter auch zur Informationsbeschaffung nutzen, stellt Historiker*innen, Lehrer*innen und andere Menschen in der Erinnerungsarbeit vor die Herausforderung, wie Erinnerungsarbeit in Zukunft aussehen kann.

Die Zukunft der Erinnerungsarbeit liegt im Digitalen

Eine allgemeine Antwort darauf scheint bereits gefunden zu sein: Die Zukunft der Erinnerungskultur liegt für viele offenbar im digitalen Raum. Dafür gibt es viele Beispiele, wie Computerspiele, die Menschen mit moralischen Themen wie Mittäterschaft und Widerstand konfrontieren, digitale Archive, in denen die Schicksale der Opfer des Holocaust eingesehen werden können, und Social-Media-Accounts, die Aufklärungsarbeit leisten.

Die Unterschiede zwischen solchen Social-Media-Accounts sind mitunter groß. Mal werden sie  von Einzelpersonen bespielt wie der Account @keine.erinnerungskultur der Aktivistin Susanne Siegert, mal von Medienhäusern wie der Account @ichbinsophiescholl von SWR und BR. Und mal werden sie als wichtiger Beitrag gefeiert, mal für zu starke Emotionalisierung und gefährliche Verkürzung kritisiert, die Geschichtsrevisionismus befeuern würden.

Insbesondere die Kritik, dass die Zeit des Nationalsozialismus und die Geschichten der Opfer in den Sozialen Medien verkürzt würden, ist nicht aus der Luft gegriffen. Insbesondere auf einer Plattform wie TikTok ist das ein reales Problem. Denn hier werden allein durch den Algorithmus möglichst zugespitzte, maximal eine Minute lange Videos automatisch mehr Menschen angezeigt als solche, die länger sind und mehrere Facetten eines Themas zeigen.

Auch KZ-Gedenkstätten auf TikTok aktiv

„Natürlich kann die Schoa nicht in 60 Sekunden erzählt werden“, meint auch die Historikerin Iris Groschek. „Aber das geht auch nicht in einem einzigen Buch oder einer Doku.“ Groschek arbeitet für die Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte und leitet dort die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Social Media. Damit ist sie auch für den TikTok-Account der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit zuständig.

Dort, unter @neuengamme.memorial, finden Nutzer*innen unter anderem kurze, englischsprachige Videos über die Biografien von Überlebenden, Videos, in denen Teile der Gedenkstätte in einer Art Rundgang gezeigt werden oder in denen über antisemitische Verschwörungstheorien aufgeklärt wird.

Seit November 2021 gibt es den Account, Neuengamme war damit weltweit die erste KZ-Gedenkstätte auf TikTok, erzählt Groschek im Gespräch mit dem „vorwärts“. Doch das ist nicht alles: Insgesamt kümmert sich das kleine Team von rund drei Personen um Accounts auf acht Social-Media-Plattformen als Teil der Öffentlichkeitsarbeit der Gedenkstätte. „Was auf TikTok funktioniert, funktioniert nicht unbedingt auf Instagram“, erklärt Iris Groschek. „Die Plattformen sind da unterschiedlich, und die Community ist auch immer eine andere.“ Auf TikTok wolle man vor allem junge Menschen ansprechen, andere Altersgruppen versuche man eher über Facebook oder Instagram zu erreichen. 

Digitale Erinnerungsarbeit: Das Interesse ist da

„Natürlich ist uns bewusst, dass das kommerzielle Plattformen mit Algorithmen sind, die machen das ja nicht aus rein menschenfreundlicher Intention“, so Groschek. Man habe trotzdem in den sauren Apfel gebissen, denn: „Die Alternative wäre, einfach gar nicht präsent zu sein, und das wäre in der heutigen Zeit falsch.“

Bei den Hamburger Gedenkstätten ist man von diesem Ansatz überzeugt. Es sei schnell klar geworden, dass die Inhalte der Gedenkstätte Neuengamme international auf großes Interesse stoßen. „Wir wurden quasi mit Fragen gelöchert“, erinnert sich Iris Groschek. Ihre Videos, in denen manchmal auch auf die Fragen der Community eingegangen wird, sind zwar kurz, doch durch die hohe Frequenz an Posts muss das nichts schlechtes sein, findet sie. „Ein analoger Besucher ist einmal hier vor Ort, aber ein digitaler Besucher, der unseren Newsletter abonniert und uns auf Social Media folgt, der bekommt ja regelmäßig Informationen über uns und unsere Inhalte.“

Strenge Community-Richtlinien gegen Hasskommentare

Doch neben all dem positiven Feedback und Interesse habe man auch Erfahrungen mit Hasskommentaren machen müssen, erzählt Groschek. Besonders in Erinnerung sind ihr die Kommentare vor der Bundestagswahl geblieben, als die Gedenkstätte ein gemeinsames Video mit dem Holocaustüberlebenden Gidon Lev veröffentlichte. Darauf sei mit so viel Hass und Antisemitismus reagiert worden, wie sie es noch nie erlebt habe, erinnert sich die Historikerin.

Um solche Fälle zumindest etwas einzudämmen, gibt es nun strenge Community-Richtlinien. Hasskommentare werden gelöscht, außerdem habe man sogenannte Stop-Word-Listen erstellt, die dafür sorgen, dass Kommentare, die bestimmte Wörter enthalten, erst angezeigt werden können, wenn sie vom Team freigeschaltet wurden. Die Devise: „Wir wollen einen positiven Austausch und dulden keinen Hass von Bots oder Menschen, die sowieso nicht zuhören“, so Iris Groschek.

Verzerrende KI als neue Herausforderung

In Zukunft dürfte das nicht die einzige Herausforderung für Gedenkstätten wie Neuengamme bleiben. Denn seit Ende 2025 sehen sie sich zunehmend mit einem neuen Phänomen konfrontiert: Mit Künstlicher Intelligenz (KI) erstellte Bilder, die frei erfundene Szenen aus dem Nationalsozialismus zeigen. Am 13. Januar dieses Jahres wandten sich KZ-Gedenkstätten aus ganz Deutschland mit einem gemeinsamen offenen Brief an die Öffentlichkeit und forderten ein konsequentes Vorgehen gegen solche Inhalte auf Social-Media-Plattformen.

„Diese Postings verfälschen die Geschichte durch Verharmlosung und Verkitschung und verändern die Sehgewohnheiten der Nutzer*innen, die zunehmend auch authentische historische Dokumente anzweifeln“, heißt es in dem Brief, den auch die KZ-Gedenkstätte Neuengamme unterzeichnete. Iris Groschek sieht in der digitalen Erinnerungsarbeit von Gedenkstätten eine Art Gegenpol zu solchen KI-Inhalten: Ansprechbar und den Fakten verpflichtet. Die Inhalte, die die Gedenkstätte Neuengamme auf den verschiedenen Plattformen veröffentlicht seien immer durch Historiker*innen geprüft, so Groschek.

Erinnerungen an die nächste Generation weitergeben

So hofft sie, dass die Inhalte von Gedenkstätten wie Neuengamme auch auf lange Sicht gegen die erfundenen KI-Inhalte bestehen können – auch nachdem die letzten Zeitzeug*innen gestorben sind. „Die Stimmen und das, was die Zeitzeugen erzählen, ist dann nicht weg“, so die Historikerin. „Die Aufgabe der Gedenkstätten ist dann, die Geschichten, Biografien und Erfahrungen der Zeitzeugen an die nächsten Generationen weiterzugeben“, findet sie.

Autor*in
FL
Finn Lyko

ist Redakteurin des „vorwärts“.

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