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Brandenburg: Ex-Juso-Landeschef schafft fast perfektes Jura-Staatsexamen

13. April 2026 14:08:14
18 Punkte gelten unter Juristen als Sensation. Ron Straßburg hat die Punktzahl zweimal erreicht. Sein Erfolg ging viral. Dennoch fordert der Brandenburger Juso Reformen am Jura-Studium.
Ron Straßburg freut sich über seinen herausragenden Jura-Abschluss.

Ron Straßburg freut sich über seinen herausragenden Jura-Abschluss.

Sie haben sowohl in der mündlichen Prüfung als auch in einer Jura-Examensklausur von Ihrem Erstkorrektor 18 Punkte erhalten. Insgesamt wurde die Klausur mit 17 Punkten bewertet. Was ist das Besondere an Ihrer Leistung?

Unter Juristen gibt es den Spruch: „18 Punkte kriegt niemand, 17 Punkte nur Gott und 16 der Klausurersteller.“ Das ist überspitzt dargestellt, aber es gibt statistische Erhebungen, dass die 18-Punkte-Bewertung so gut wie nie vergeben wird und auch 17 und 16 sehr selten. Es gibt eine Erhebung aus NRW, bei der von einem Examensjahrgang alle Einzelbewertungen ausgewertet wurden. Unter diesen 16.500 Noten wurden einmal 18 Punkte vergeben. Das ganze Spektrum von 16 bis 18 kam auf einen Anteil von 0,3 Prozent. Insofern ist das sehr außergewöhnlich und selten.

„18 Punkte kann man sich nicht als Ziel setzen.“

Haben Sie sich im Vorfeld das Ziel gesetzt, 18 Punkte erreichen zu wollen?

Nein, das kann man sich gar nicht als Ziel setzen, weil unser juristisches Bewertungssystem sehr subjektiv und unvorhersehbar ist. Was der eine Korrektor mit 18 Punkten bewertet, kann der nächste mit 15 oder 14 Punkten bewerten. Mein Ziel war, dass ich insgesamt zweistellig werde. Das habe ich bei Weitem erfüllt.

Hatten Sie unmittelbar nach der Klausur schon das Gefühl, dass das Ergebnis ganz gut geworden sein könnte?

Juraklausuren sind immer Falllösungen. Man bekommt eine Lebensgeschichte und soll zu ihr Stellung nehmen und sie rechtlich bewerten. Als ich die Klausur gesehen habe, wusste ich schon, dass sie entweder richtig gut oder richtig schlecht wird. Denn es war ein Thema, was ich relativ gut kannte und konnte. Es ging um den gutgläubigen Zweiterwerb einer Vormerkung. Eine Vormerkung ist im Grundstücksrecht ein Sicherungsmittel, mit dem ich einen Grundstücksverkauf absichern kann. 

In diesem Fall wurde ein solches Sicherungsmittel von einer Person bestellt, die das gar nicht machen durfte. Es ging in der Argumentation darum, viele verschiedene Personenbeziehungen auseinanderzuhalten und das sehr sauber aufzubauen. Dadurch, dass ich von dem, was die Lösung erwartet hat, stark abgewichen bin, war das ein Spiel mit dem Glück, ob das honoriert wird. Dementsprechend hat mir diese Klausur erst mal schlaflose Nächte bereitet.

Der Erstkorrektor schrieb unter Ihre Klausur, er verneige sich vor Ihrer herausragenden Leistung. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das gelesen haben?

Ich musste das mehrfach lesen. Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich wirklich verstanden habe, was da steht. Es hat mich sehr mit Stolz erfüllt, so eine Bewertung zu bekommen. Das war das I-Tüpfelchen auf dem Gesamtergebnis.

„Plötzlich konnte ich mich vor Nachrichten nicht mehr retten“ 

Ihr Erfolg ging viral. Zahlreiche Medien haben darüber berichtet. Haben Sie damit gerechnet?

Nein. Die Geschichte ging viral, nachdem mein Votum auf einer Instagram-Seite geteilt wurde. Während der Wartezeit auf meine mündliche Prüfung habe ich mein Votum einigen Mitprüflingen gezeigt. Einer von ihnen berichtete, dass ein Bekannter von ihm eine Instagram-Seite betreibe, die Jura-Content veröffentliche. Dieser habe sehr großes Interesse daran, dort mein Ergebnis zu veröffentlichen.

Ich dachte mir, es könne nicht schaden. Auch um Mut zu machen, dass solche Ergebnisse doch erreichbar sind. Denn wir Juristen haben den Ruf, einander relativ stark abzuwerten und uns nichts zu gönnen. Plötzlich ging der Post komplett viral und ich konnte mich vor Anfragen, Kommentaren und Nachrichten nicht mehr retten.

Wie gehen Sie mit diesem Interesse um?

Ich sehe dieses Interesse als gute Möglichkeit, um darauf hinzuweisen, dass wir in unserer aktuellen juristischen Ausbildung extreme Probleme haben. Wir haben einen enormen Reformbedarf, der so in der breiten Öffentlichkeit noch nicht gesehen wird. Das fängt mit unseren Bewertungen an. 

Das geht weiter mit diesem enormen Stress und Druck, der auf Jurastudierende aufgebaut wird. Erst am Ende ihres Studiums schreiben sie nach meist fünf Jahren dieses erste Staatsexamen. Bis dahin bekommen sie von allen Seiten eingetrichtert, dass von diesen zwei Wochen Staatsexamen ihre ganze berufliche Zukunft abhängt. So bekommt man das Gefühl vermittelt: „Wenn ich das nicht schaffe, habe ich meine fünf Jahre Studium komplett verschwendet.“ Deswegen brauchen wir ein Umdenken und sollten Reformen in Angriff nehmen.

„Es würde Druck nehmen, wenn nicht alles von zwei Wochen abhinge.“

Wie könnten die aussehen?

Ich bin der Meinung, dass die Studienleistungen mehr berücksichtigt werden müssen. Momentan setzt sich meine Staatsexamensnote zu 70 Prozent aus den Staatsprüfungen, also den sieben Klausuren plus einer mündlichen Prüfung zusammen, plus der universitäre Schwerpunkt, was noch mal eine Klausur plus Hausarbeit ist, wobei das je nach Bundesland auch wieder abweichen kann. Aber alles, was ich auf dem Weg bis zum Staatsexamen erbracht habe – Klausurnoten, Hausarbeiten und Ähnliches – zählt überhaupt nicht. Es würde Druck rausnehmen, wenn nicht alles von diesen beiden Wochen abhinge. 

Außerdem sollten die Pläne und Pflichtinhalte des Studiums reformiert werden. Wir werden zu Einheitsjuristen ausgebildet, sollen in jedem Rechtsgebiet und jedem Fach Kenntnisse erlangen. Doch ein Jura-Studium sollte nicht dazu führen, dass ich alles auswendig lerne und jedes einzelne Gesetz kenne, sondern es soll mich in die Lage versetzen, mit unbekannten Normen zu arbeiten und diese Methodik zu verstehen, wie man juristisch denkt, systematisch zu Ergebnissen kommt und das sauber darstellt.

Auf Instagram geben Sie Tipps zur Examensvorbereitung. Dort folgen Ihnen fast 10.000 Accounts. Sind Sie jetzt selbst Jura-Influencer geworden?

Es war nie geplant. Nachdem meine Ergebnisse bekannt wurden, habe ich sehr viele Nachrichten mit Fragen nach Tipps bekommen. Am Anfang habe ich noch probiert, alle einzeln zu beantworten, aber das wurde schnell zu viel. Deswegen habe ich mich für dieses Q&A-Format mit kurzen Videos entschieden, um meinen Weg und meine Erkenntnisse zu teilen, in der Hoffnung, dass es anderen auf ihrem Weg hilft.

Wie geht's für Sie weiter?

Ich bleibe an der Universität Potsdam und werde ab dem 1. Mai als akademischer Mitarbeiter an einem Lehrstuhl für Strafrecht anfangen, parallel meine Doktorarbeit schreiben und damit weiter in Forschung und Lehre bleiben, bevor ich mich dem zweiten Examen widme.

Bei Instagram haben Sie im Januar 2025 verkündet, sich nach 8,5 Jahren von allen politischen Ämtern in der SPD zurückzuziehen, um sich auf die Examensvorbereitung zu konzentrieren. Jetzt sind Sie 23. Wann haben Sie angefangen, sich politisch zu engagieren?

Im Oktober feiere ich mein 10. Parteijubiläum in der SPD. Ich bin mit 14 eingetreten, weil ich schon immer ein grundlegendes politisches Interesse hatte, mich gerne mit politischen Inhalten auseinandergesetzt und diskutiert habe. Zunächst habe ich mich in meinem Ortsverein, der SPD Bernau, engagiert, später bei den Jusos auf Landesebene.

Können Sie sich ein politisches Comeback vorstellen, nachdem das Staatsexamen geschafft ist?

Ich blicke auf viele ehrenamtliche Tätigkeiten zurück, war ein Jahr lang Juso-Landesvorsitzender und knapp drei Jahre im Juso-Landesvorstand. In nächster Zeit werde ich vermutlich nicht so aktiv sein, auch weil sich meine Lebensrealität verändert hat, aber ich werde der SPD treu bleiben und mich einbringen, so gut es die Zeit hergibt.

„Über die Forschung Impulse in die Politik zu bringen, könnte ein spannender Weg sein“

Erfahrungsgemäß haben Juristen mit so einem herausragenden Abschluss auch gute Chancen in der Politik.

Schauen wir, was die Zukunft bringt. Ich finde es sehr spannend, den politischen Betrieb mitzubekommen und darin diese Eindrücke gesammelt zu haben, aber ich finde auch die Forschung unglaublich spannend. Auch darüber kann man Impulse in die Politik bringen. Das könnte auch ein spannender Weg sein, um mitgestalten zu können.

Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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