Ausbildungsinitiative Joblinge: Wie Maryam doch noch ihren Weg fand
IMAGO/Funke Foto Services
Die Initiative Joblinge hilft jungen Menschen dabei, ihren Ausbildungsweg zu finden, unter anderem mit einem Coaching.
Die Arbeit von Maryam im Motel One in Berlin-Mitte ist abwechslungsreich: Sie arbeitet im Service im Restaurant, betreut Gäste, wird am Empfang eingesetzt oder kümmert sich um Gästekommunikation und Beschwerden. Dass die 24-Jährige seit 17 Monaten eine Ausbildung zur Hotelfachfrau macht, hat ihr Leben verändert: „Der Beruf entspricht genau meinem Charakter. Ich kommuniziere gern, es macht mir Spaß, mit anderen zusammen zu arbeiten. Ich habe meinen Weg gefunden.“
Die Ausbildung im Hotel verlangt hohen Einsatz: Schichtdienst sowie Wochenend- und Feiertagsarbeit sind in der Branche üblich. Dass Maryam mehrere Sprachen spricht – neben fließendem Deutsch ihre Muttersprache Arabisch, sowie Englisch und gutes Türkisch – kommt ihr im Hotelgewerbe zugute. Doch der Weg in den Beruf war nicht einfach für die gebürtige Irakerin, die 2015 nur mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Deutschland geflüchtet ist. Den Ausbildungsplatz im Hotelfach erhielt sie mit Unterstützung des Programms „Joblinge“. Es richtet sich an Jugendliche mit schwierigen Lebensumständen, die zum Beispiel keine guten Schulabschlüsse vorweisen können, lange keinen Ausbildungsplatz finden oder eine Ausbildung abbrechen.
Wie Maryam über Umwege ihre Ausbildung fand
So war es auch bei Maryam: „Vor dem Programm hatte ich keine Perspektive. Nach dem Schulabschluss habe ich eine schulische Ausbildung zur Sozialassistentin begonnen und abgebrochen. Danach folgten sieben Monate lang Aushilfsjobs in mehreren Hotels“, erzählt sie. Dort habe sie die Hotelarbeit kennengelernt. Aber es sei schwer gewesen als Aushilfe. So keimte der Wunsch, „eine richtige Ausbildung zu finden“. Doch auch eine Ausbildung als medizinisch-technische Angestellte erwies sich als die falsche Wahl.
Im Jobcenter erfuhr sie von dem Vermittlungsprogramm „Joblinge“, in dem junge Erwachsene durchschnittlich innerhalb von 4,1 Monaten in Ausbildung oder Arbeit vermittelt werden. Mit einem sogenannten Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein (AVGS) vom Jobcenter in der Tasche stellte sie sich im Büro in Schöneberg vor. „Aktuell kommen 20 bis 30 Prozent der Jugendlichen mit einem AGVS-Gutschein zu uns“, führt Jonas Hettwer, Geschäftsführer des Berliner Büros in Schöneberg, aus. Andere kämen über Vergabeverträge, die „Joblinge“ direkt mit einzelnen Jobcentern abgeschlossen hat. Sie machten weitere 60 Prozent aus, schätzt Hettwer. Ein Teil komme direkt über Social Media, Freunde oder Aktivitäten an Schulen. Diese restlichen zehn Prozent werden nicht von der öffentlichen Hand, sondern durch Spenden finanziert. Die Gelder kommen vor allem aus Unternehmenskooperationen. 2025 wurden eigenen Angaben zufolge 160 Teilnehmende betreut, mit einer Erfolgsquote von 90 Prozent.
Warum persönliches Coaching den Unterschied macht
Vor allem die Mentor*innen von „Joblinge“ waren für Maryam eine enorme Stütze bei der Suche nach einer neuen beruflichen Perspektive. „Ich habe vorher sehr viele Bewerbungen allein verschickt, aber keine Antwort bekommen“, schildert Maryam ihre frustrierenden Erfahrungen während der Suche. Besonders betont sie, wie wichtig das persönliche Coaching war: „Sie haben mir gezeigt, wo meine Stärken sind, was ich kann und was ich nicht kann.“ Auch Bewerbungstrainings seien enorm hilfreich gewesen.
„Unsere Arbeit beschränkt sich nicht nur auf die Unterstützung der Jugendlichen, sondern auch auf die Sensibilisierung des Ausbildungspersonals“, erklärt Jonas Hettwer den Ansatz bei „Joblinge“. „Das verändert die Möglichkeiten, die diese Jugendlichen haben, weil sie sonst schon vorweg aussortiert werden, bevor sie sich überhaupt beweisen können – in einem Praktikum, einer Hospitation oder bei einem Vorstellungsgespräch.“ Mit Blick auf die häufigsten Hürden, mit denen viele der Teilnehmenden zu kämpfen haben, sagt er: „Unsere Jugendlichen sind so divers wie überall. Aber es fällt auf, dass es in der jüngeren Vergangenheit mehr Themen im Bereich der mentalen Gesundheit gibt. Viele waren in und nach Corona sozial sehr isoliert.“
„Joblinge“ in Berlin: Warum die Vermittlungsquote so hoch ist
Darüber hinaus erwähnt er als „klassische Thematik“, dass den jungen Leuten in der Schule und in ihrem Umfeld immer wieder gesagt worden sei, dass sie keine Chance auf eine Zukunft haben. „Deshalb kommen viele junge Menschen zu uns, die überhaupt nicht an sich selbst glauben, und deren Selbstwertgefühl wir stärken müssen. Damit sie verstehen, dass sie in der Gesellschaft und der Arbeitswelt gebraucht werden und nicht nur ein Sozialfall sind.“
Die hohe Vermittlungsquote von „Joblinge“ in Berlin von rund 90 Prozent zeigt aus Sicht Hettwers, dass deutlich mehr möglich ist als die in vielen Fördermaßnahmen üblichen Zielquoten von rund 20 Prozent. Das führt er auf einen Fehler im System zurück: Wenn eine Vermittlung erreicht werde, falle die Finanzierung weg. Mit der Folge, dass viele Bildungsträger die Jugendlichen „so lang wie möglich in ihren Programmen lassen“, so Hettwer. Würde man die Finanzierungslogik umstellen und es belohnen, wenn junge Menschen tatsächlich in den Arbeitsmarkt integriert würden, würde das das System verändern, gibt er sich überzeugt.
Als sie noch ohne Ausbildung und Arbeit war, hat Maryam sich auch einmal gefragt, wo der richtige Platz für sie sei, ob sie in überhaupt in Deutschland bleiben solle. Doch 2025 hat sie ihre Chance genutzt: Sie macht eine Ausbildung, spricht die Landessprache. „Ich habe alles bekommen, was ich mir gewünscht habe.“
Dirk Bleicker
Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.