Bärbel Bas: „Es darf kein junger Mensch durchs Raster fallen“
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Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas will mit einem neuen Regierungsprogramm gegen steigende Zahlen von Jugendlichen ohne Schulabschluss vorgehen.
Rund 62.000 Jugendliche haben im vergangenen Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen – ein Anstieg von mehr als einem Drittel innerhalb von drei Jahren. Woran liegt das?
Der Anstieg hat mehrere Ursachen. Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien oder mit schwierigen Bildungsbiografien haben ein deutlich höheres Risiko, ohne Abschluss von der Schule abzugehen. Was man zudem nicht außer Acht lassen darf ist, dass die Corona-Pandemie Lernlücken vergrößert hat, die nachträglich kaum zu kompensieren waren. Damit alle Jugendlichen eine Chance haben, müssen wir auf vielen Ebenen ansetzen, an den Schulen sind vor allem die Länder gefragt.
Jugendliche, die erst später in unser Schulsystem kommen, müssen schnell die deutsche Sprache lernen. Das ist der Schlüssel zu Bildung, Ausbildung und Integration. Deshalb brauchen wir ausreichend Lehrkräfte, damit Schülerinnen und Schüler ihren jeweiligen Bedürfnissen entsprechend gefördert werden.
Wer keinen Schulabschluss hat, findet häufig auch keine Ausbildung. Fast 2,8 Millionen junge Erwachsene haben keinen Berufsabschluss. Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?
Die hohe Zahl von jungen Menschen ohne einen Berufsabschluss ist besorgniserregend. Ein fehlender Berufsabschluss erhöht das Risiko, in späteren Jahren arbeitslos zu werden. Statistiken zeigen, dass jeder zweite Arbeitslose über keine abgeschlossene berufliche Ausbildung verfügt. Und je geringer die Qualifikation, umso höher ist das Risiko, nicht nur arbeitslos, sondern auch langzeitarbeitslos zu werden. Hingegen ist die Lage für diejenigen, die ihre Ausbildung abschließen, ganz anders. Sie haben deutlich bessere Chancen, nach der Lehre übernommen zu werden – 2024 lag die Übernahmequote bei 79 Prozent, ein Rekord. Und wer doch einmal arbeitslos wird, findet schneller wieder eine neue Stelle.
Für die Betriebe sind Ausbildung und Berufseinstieg junger Menschen zentral, um ihren Personalbedarf zu decken und Fachkräfteengpässe auch in Zukunft zu vermeiden. Deshalb darf die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht nachlassen – die Azubis von heute sind die Fachkräfte von morgen. Mit Blick auf die demografische Entwicklung werden wir alle diese jungen Menschen als Fachkräfte brauchen. Es wäre kurzsichtig, wenn nicht sogar fahrlässig, heute nicht genug Ausbildungsplätze anzubieten.
Es wäre kurzsichtig, wenn nicht sogar fahrlässig, heute nicht genug Ausbildungsplätze anzubieten.
Gleichzeitig müssen sich Arbeitgeber darauf einstellen, dass es weniger potenzielle Azubis gibt. Deswegen unterstützen wir schon heute Unternehmen, die auch leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern eine Chance geben, mit der sogenannten Assistierten Ausbildung. Wichtig ist, die Situation junger Menschen ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Jugendhilfe, Jobcenter und Agenturen für Arbeit tun das an vielen Orten gemeinsam und zum Teil auch buchstäblich unter einem Dach in Jugendberufsagenturen.
Durch die jüngsten Gesetzesänderungen, die zu Beginn des Monats in Kraft getreten sind, haben wir diese Zusammenarbeit weiter gestärkt. So sollen die vorhandenen Unterstützungsangebote tatsächlich bei den jungen Menschen ankommen und ihnen den Weg in Ausbildung und Beschäftigung ebnen.
Um die Zahl der Jugendlichen ohne Schul- und Ausbildungsabschluss zu verringern, will die Bundesregierung ein Programm „zweite Chance“ entwickeln. Wo soll das ansetzen?
Sie haben die Zahlen der jungen Menschen ohne Schul- und ohne Berufsabschluss genannt. Diese müssen wir deutlich reduzieren! Es darf kein junger Mensch durchs Raster fallen. Dazu wollen wir unter anderem das Bildungs- und Teilhabepaket reformieren. Dieses Paket unterstützt Kinder und Jugendliche aus einkommensschwächeren Familien. Damit können sie zum Beispiel in den Sportverein, in den Musikunterricht oder in andere soziale Aktivitäten einsteigen – und wir finanzieren bei Bedarf auch Nachhilfe. Diese Leistungen wollen wir weiterentwickeln, damit kein Jugendlicher ohne Schulabschluss bleibt.
Aber die Herausforderungen sind – wie beschrieben – vielfältig. Wir müssen auch diejenigen im Blick haben und erreichen, die schon länger ohne Abschluss sind. Das heißt: Wir brauchen gemeinsame Anstrengungen aller Akteure am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Denn nur wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, können wir die Lücken schließen. Durch gezielte finanzielle Unterstützung, individuelle Förderpläne und eine enge Vernetzung aller Akteure schaffen wir die zweite Chance, die viele brauchen, um erfolgreich in die Ausbildung und den Beruf zu starten.
In Bremen und Berlin gibt es eine Ausbildungsgarantie. Unternehmen zahlen dabei in einen Fonds ein. Kann das auch ein bundesweites Modell sein?
Ich begrüße solche regionalen Lösungen zur Stärkung der dualen Ausbildung. Bundesweit einheitliche Lösungen empfinde ich dagegen als schwierig, da die Unterschiede in Regionen und Branchen doch recht groß sind. In manchen Branchen gibt es bereits bewährte, tarifvertragliche Regelungen – zum Beispiel die Umlage für die Ausbildung im Baugewerbe. Es ist wichtig, dass auch regional, unter Berücksichtigung der jeweiligen Besonderheiten, passende Optionen entwickelt werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die Attraktivität des dualen Ausbildungssystems muss gesteigert, das Angebot an Ausbildungsplätze vergrößert und noch mehr Jugendliche müssen für die duale Ausbildung begeistert werden. Das hilft uns wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Dieses Interview wurde schriftlich geführt.
Dirk Bleicker
Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.