Geschichte

„Nach Hitler wir!“: Wie die SPD 1945 wieder auferstand

Mit einer Rede vor Gleichgesinnten leitete Kurt Schumacher am 6. Mai 1945 die Wiederauferstehung der SPD ein. Während die Partei im Westen erstarkte, musste sie es in der sowjetischen Zone bald schon um ihr Überleben kämpfen.
von Kristina Meyer · 5. Mai 2020
Gefragter Gesprächspartner: Kurt Schumacher (hier im Jahr 1946) wurde zur treibenden Kraft für den Wiederaufbau der SPD nach dem Zweiten Weltkrieg.
Gefragter Gesprächspartner: Kurt Schumacher (hier im Jahr 1946) wurde zur treibenden Kraft für den Wiederaufbau der SPD nach dem Zweiten Weltkrieg.

Noch bevor das „Dritte Reich“ im Mai 1945 kapitulierte und der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging, erblickte die im Juni 1933 verbotene SPD wieder das Tageslicht: Zwei Tage vor Kriegsende, am 6. Mai, sprach der von zehn Jahren Haft sichtbar gezeichnete Kurt Schumacher in Hannover zu einer kleinen Gruppe von Gleichgesinnten. Mit seiner Rede unter dem Motto „Wir verzweifeln nicht!“ läutete er nicht nur die programmatische Wiederauferstehung seiner Partei ein, sondern profilierte sich als die bald unbestrittene Führungsfigur der Nachkriegs-SPD.

Sozialdemokrat*innen gehen wieder in die Öffentlichkeit

Auch an vielen anderen Orten des zerstörten Landes wandten sich Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten nach oft jahrelanger Haft und Unterdrückung wieder an die Öffentlichkeit – oder an das, was nach gut zwölf Jahren Diktatur davon übriggeblieben war. Eberhard Brünen etwa, der wegen seiner illegalen Untergrundarbeit an Rhein und Ruhr seit 1935 inhaftiert gewesen war, kümmerte sich gleich nach seiner Befreiung um die Versorgung von Mithäftlingen und baute die SPD in seiner Heimatstadt Duisburg wieder auf.

Die Besatzungsmächte setzten besonderes Vertrauen in eben noch verfolgte Gegner*innen des NS-Regimes, nun, da es um den Wiederaufbau erster kommunaler Verwaltungsstrukturen und Fürsorgemaßnahmen, aber auch um die Beseitigung des moralischen Trümmerhaufens ging, den die NS-„Volksgemeinschaft“ aufgetürmt hatte.

Keine Zusammenarbeit mit der KPD

Wie Willy Brandt hatte sich Eberhard Brünen in der Spätphase der Weimarer Republik von der SPD abgewandt und der linkssozialistischen SAP angeschlossen – in der Hoffnung, die Spaltung der Arbeiterbewegung ebenso wie deren Ohnmacht im Angesicht der aufstrebenden NSDAP überwinden zu können. 1945 aber waren sich Brünen, Brandt und Schumacher in zwei Dingen sehr bald einig: Die wiedergegründete SPD sollte alle demokratischen Sozialist*innen wieder unter einem Dach versammeln – sich aber unter keinen Umständen mit einer aus Moskau gelenkten, antidemokratischen KPD zusammentun.

Sechs Wochen nach Schumacher erhoben auch in Berlin einige Sozialdemokraten den Anspruch an, die SPD im befreiten Deutschland zu führen. Anders als in Hannover konnten sie dies offen tun, denn die sowjetische Besatzungsmacht ließ bereits erste Parteien zu; die Westzonen folgten Monate später. Der Berliner „Zentralausschuss der SPD“, geleitet von Otto Grotewohl, rief Mitte Juni 1945 zur Bildung einer vereinigten Arbeiterpartei auf, aber die KPD lehnte einen solchen Zusammenschluss zunächst ab.

Erneute Verfolgung und Haft

Auch in den Westzonen gab es Sozialdemokraten, die noch an eine Einheit der Arbeiterbewegung glaubten: In Grotewohls Heimatstadt Braunschweig gründete Alfred Kubel, der spätere Ministerpräsident von Niedersachsen, unmittelbar nach Kriegsende die „Sozialistische Einheitspartei“. Weil sich die Braunschweiger Kommunisten dem Projekt verweigerten, schloss sich die SEP im Spätsommer der Schumacher-SPD an.

Wenig später änderte die KPD ihren Kurs jedoch in Richtung Einheitspartei – aber nun ging es ihr nicht um ein gleichberechtigtes Zusammengehen, sondern um eine Fusion unter ihrer Führung. Während die Kommunisten in den Westzonen kaum Fuß fassen konnten, erhielten sie im Osten massive Unterstützung durch die sowjetische Besatzungsmacht. Die zahlenmäßig weitaus bedeutsameren Sozialdemokraten wurden dort zunehmend unterdrückt: Viele von ihnen bezahlten für ihren Widerstand gegen einen kommunistisch dominierten Kurs mit erneuter Verfolgung und Haft.

Schumacher entscheidet sich für die Demokratie

Den „antifaschistischen Konsens“ des Frühjahrs 1945 – eindrücklich belegt im „Buchenwalder Manifest“ – kündigten als Erste die Kommunisten und die Sowjetunion auf. Mitunterzeichner Hermann Brill, der anfänglich noch an eine Einheit der Arbeiterbewegung geglaubt hatte, strich nach zweimaliger Verhaftung durch die Besatzungsmacht die Segel und verließ seine Heimat Thüringen Ende 1945 Richtung Westen.

Schumachers Prognose bestätigte sich: An eine eigenständige Sozialdemokratie war in der Sowjetischen Besatzungszone bald nicht mehr zu denken. Mag sein, dass er die Ost-SPD zu früh aufgab, dass es besser gewesen wäre, sie stärker in ihrem Abwehrkampf gegen das Fusionsdiktat zu unterstützen. Aber Anfang 1946 stellte die Gruppe um Grotewohl jeglichen Widerstand ein und ließ zu, dass die SPD in die „Sozialistische Einheitspartei“ hineingezwungen wurde. Im Widerstreit zwischen einer Einheit der Arbeiterklasse und einem Bündnis der Demokraten optierte Schumacher dagegen klar für Letzteres.

node:vw-infobox

Autor*in
Avatar
Kristina Meyer

ist Sprecherin des SPD-Geschichtsforums und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung.

Noch keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.