SPD-Landrat Nico Steinbach: Der Kurt Beck der Eifel
Susie Knoll
Nico Steinbach ist designierter Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm.
Nah bei de Leut! Das alte Credo von Kurt Beck gilt in der rheinland-pfälzischen SPD immer noch. So hat Beck das konservativ geprägte Bundesland stolze 19 Jahre lang regiert, teilweise sogar mit absoluter Mehrheit. Und so hat es Nico Steinbach geschafft, im konservativ geprägten Eifelkreis Bitburg-Prüm als erster Sozialdemokrat zum Landrat gewählt zu werden. „Es geht kein Weg dran vorbei, nah bei de Leut zu sein. Das heißt nicht, nur mal ein Bierchen mitzutrinken, sondern den Leuten einfach das Gefühl zu geben, dass man sie und die Themen, die sie bewegen, ernst nimmt“, sagt Steinbach im Gespräch mit dem „Vorwärts“.
Eifelkreis Bitburg-Prüm: Wo liegt der Landkreis?
Der Eifelkreis Bitburg-Prüm ist in mehrfacher Hinsicht ein Landkreis der Superlative. Er liegt im äußersten Westen von Rheinland-Pfalz, an der Grenze zu Belgien und Luxemburg, flächenmäßig ist er der größte und zugleich am dünnsten besiedelte des Bundeslandes. Zugleich ist er der gemeindereichste Landkreis Deutschlands. Die kleinsten der 233 Gemeinden zählen weniger als 30 Seelen. Bitburg ist mit knapp über 15.000 Einwohner*innen die größte Stadt.
Mitten in der Fußgängerzone der Bitburger Innenstadt ist noch bis Ende Oktober Steinbachs Wahlkreisbüro. Dorthin zu kommen, ist gar nicht so einfach. Es stürmt, regnet und Bitburg ist nur mit einem Vorort an den Bahnverkehr zwischen Köln und Trier angebunden. Auch für Steinbach sind es turbulente Tage, seine letzten nach elf Jahren als Landtagsabgeordneter, nach 17 Jahren als Kreistagsabgeordneter und nach 18 Jahren als Ortsbürgermeister. Alle Ämter will er seinen Nachfolgern vor der Amtseinführung als Landrat am 2. November geordnet übergeben.
Nico Steinbach: Warum er privat eigentlich genug zu tun hat
Entsprechend aufgeräumt ist sein Schreibtisch. Und das, obwohl der 42-Jährige zuletzt auch noch zwischen Büro und Krankenhaus gependelt ist. Drei Tage zuvor ist seine Tochter Lene auf die Welt gekommen. Kurz vorm Interview eilt Steinbach ins Standesamt, um ihre Geburtsurkunde abzuholen. Auf die Minute zur verabredeten Zeit ist er zurück, um sein Erfolgsrezept zu erklären. Wie der gelernte Bankkaufmann referiert, wirkt es beinahe wie ein Verkaufsgespräch. Dabei muss er nichts mehr verkaufen. Er hat schon gewonnen, und das nur fünf Monate nach der verlorenen Landtagswahl im März.
Neben der Nähe zu den Menschen sind für ihn noch zwei weitere Faktoren ausschlaggebend für seinen Wahlsieg: seine Bekanntheit und seine kommunale Verantwortung. Denn auch wenn Steinbach mit 42 Jahren noch relativ jung ist, fehlt es ihm nicht an Erfahrung. Schon mit 17 trat er in die SPD ein. Mit 19 wurde er Mitglied des Ortsgemeinderates in seinem Heimatort Oberweiler und dort mit 24 der damals jüngste Ortsbürgermeister von Rheinland-Pfalz.
Oberweiler zählt zum 31. Dezember 2025 laut Wikipedia 165 Einwohner*innen. Das ist nicht die Welt und doch laut Steinbach Ausdruck seiner kommunalen Verankerung: „Auch eine kleine Ortsgemeinde kann sehr fordernd sein.“ Als Abgeordneter habe er immer gewusst, wovon er rede, weil er auf seine Erfolge als Ortsbürgermeister verweisen konnte: „Wir haben alle Gemeindestraßen ausgebaut, haben Glasfaser in jedem Haus, das Dorfgemeinschaftshaus erweitert und saniert, betreiben eine eigene Freiflächen-Photovoltaikanlage und projektieren mit fünf weiteren Gemeinden einen Windpark.“
Was Nico Steinbach als Landrat erreichen will
Daran will er als Landrat anknüpfen: „Ich will, dass die Leute im Eifelkreis merken, dass der Staat funktioniert.“ Eine bürgerfreundliche Verwaltung, eine verlässliche Infrastruktur mit modernen Schulen und Kitas, schnelles Internet, selbst produzierte Energie, günstiger Wohnraum. So soll der ländliche Raum attraktiv für junge Menschen und Familien bleiben und zugleich attraktiver für Unternehmen werden. Die Frasers Group, der größte britische Einzelhändler für Sportartikel, plant auf einer ehemaligen US-Airbase in Bitburg bis zu 1.000 neue Arbeitsplätze. Auch Rechenzentren könnten im Kreis entstehen.
Am 2. November wird er als Landrat vereidigt und ist für acht Jahre gewählt. Das schafft Planungssicherheit und Unabhängigkeit, glaubt er. Hier einmal als Landrat zu sitzen, hätte er sich 2009 noch nicht vorstellen können, als er zum ersten Mal in den Kreistag einzog. „Es war ehrlich gesagt nicht das Ziel, auf das ich schon seit zehn Jahren Tag und Nacht hingearbeitet habe.“ Im Grunde lagen Freud und Leid sehr nah beieinander, damit es zu dieser Konstellation kam. Die SPD verlor erstmals nach 35 Jahren in Rheinland-Pfalz eine Landtagswahl. Davon profitierte wiederum die CDU, die künftig nicht nur den Ministerpräsidenten, sondern auch den Präsidenten der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion stellen durfte, vergleichbar etwa mit dem Regierungspräsidenten in anderen Bundesländern.
Warum Steinbach die Chance ergriff
Dieses Amt fiel an den bisherigen CDU-Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm. „Eigentlich war mein Lebensplan nach einem anstrengenden und enttäuschenden Wahlkampf ein anderer. Sich dann direkt wieder mit einer Kandidatur zu beschäftigen, ist fast unmenschlich, aber mir war schnell klar, dass ich seitens der Sozialdemokratie der Einzige bin, der diese Wahl gewinnen kann.“ Irgendwann sei bei ihm die Erkenntnis gereift: „Jetzt gibt es eine realistische Chance. Und wenn du es jetzt nicht machst, müsstest du gestraft werden.“
Also trat Steinbach an und spürte schnell viele positive Rückmeldungen: „Viele Leute haben gesagt, dass sie normalerweise eine andere Partei wählen, aber diesmal für mich stimmen.“ So entschied er die Wahl trotz zweier Gegenkandidaten schon im ersten Durchgang für sich. Der 42-Jährige ist damit der sechste SPD-Landrat in Rheinland-Pfalz. So endet dieses für die Landespartei schwierige Jahr mit einem Erfolgserlebnis.
ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo