SPD-Hinterbänkler Mierscheid: „Existenz ist nur eine bürokratische Frage“
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SPD-Abgeordneter Mierscheid, Instagram-Seite: „Mich hat vor allem beschäftigt, wie mühelos die Realität die Satire überholt.“
Er sitzt seit 1979 für die SPD im Bundestag, doch gesehen hat ihn dort noch niemand. Manche sagen deshalb, Jakob Maria Mierscheid gebe es gar nicht. Er selbst sieht das – natürlich – anders. Und auch Parlamentskolleg*innen verweisen in ihren Reden gern auf den am 1. März 1933 geborenen Schneider aus Morbach im Hunsrück.
Seit einigen Wochen sucht der ansonsten eher öffentlichkeitsscheue und viel beschäftigte Hinterbänkler das Licht der Öffentlichkeit. Im Herbst vergangenen Jahres ging seine Instagram-Seite online. Auf der äußert sich Mierscheid regelmäßig zur Tagespolitik – von Trump, über Söder bis zum Winterchaos.
Wie sind Sie ins neue Jahr gestartet?
Mit Kaffee, Rest-Raclette und dem festen Vorsatz, dieses Jahr weniger Vorsätze zu fassen.
Trump und Grönland, das Eingreifen der USA in Venezuela oder das Sturmtief„Elli": Welches Thema hat Sie in den ersten Wochen 2026 am meisten beschäftigt?
Mich hat vor allem beschäftigt, wie mühelos die Realität die Satire überholt. Früher musste man sich so etwas mühsam ausdenken. Heute reicht es, die Nachrichten zu öffnen. Das ist effizient, aber unbefriedigend.
„Warum geben wir Trump nicht einfach einen kitschig großen Pokal mit der Aufschrift ,Besitzer von Grönland'?“
Auf Instagram – wo Sie seit Herbst vergangenen Jahres aktiv sind – haben Sie das Verhalten des US-Präsidenten mit dem Bild einer Orange kommentiert. Was wollen Sie damit sagen?
Auf Instagram spricht man eben in Bildern. Die Orange war in diesem Fall keine Metapher, sondern eine sehr praxisnahe Erkenntnis. Er ist orange. In den vergangenen Wochen habe ich Donald Trump ganze fünf Minuten lang analysiert. Ich komme zu dem Schluss: Wir Europäer müssen einen anderen Weg einschlagen. Warum geben wir dem orangenen Mann nicht einfach einen kitschig großen Pokal mit der Aufschrift „Besitzer von Grönland“? Er wäre beschäftigt, wir wären zufrieden und alles bliebe beim Alten.
In den vergangenen Tagen haben Sie über Ihren Account unter anderem ein Importverbot von Brathendl nach Bayern gefordert, sollte Markus Söder weiterhin Bundesländer zusammenlegen wollen. Unwetter wollen Sie künftig nach Politiker*innen von CDU und CSU benennen. Was hat Sie als Hinterbänkler dazu bewogen, sich derart politisch einzumischen?
Man sagt mir nach, ich sei eine fiktive Figur. Existenz ist aber am Ende nur eine bürokratische Frage. Wenn man einen Mythos lange genug am Leben hält, wird er früher oder später Realität. Ganz ähnlich ist es bei meinen Forderungen. Ich meine, was halten Sie für absurder? Dass Bundesländer zusammengelegt werden könnten und damit unser Föderalismus untergraben wird oder dass Unwetter künftig Markus, Friedrich oder Julia heißen?
Als Hinterbänkler hat man zwei entscheidende Vorteile: Man wird selten unterbrochen und man sieht genau, wo es zieht. Ich bin sozusagen die parlamentarische Erinnerung daran, dass Politik auch mal witzig sein darf.
„Beim Erben größerer Vermögen reicht oft ein Telefonat und ein Notar mit Kugelschreiber“
Die SPD hat in den ersten Tagen dieses Jahres vor allem mit ihren Plänen für eine Reform der Erbschaftssteuer für Aufsehen gesorgt. Wie stehen Sie als vierfacher Vater dazu?
Erben ist völlig in Ordnung. Meine Kinder können sich jetzt schon auf meine Aktensammlung freuen. Ich finde nur bemerkenswert, wie reibungslos es funktioniert. Wenn ich eine Parkgenehmigung beantrage, muss ich drei Nachweise einreichen, zwei Passbilder abgeben und innerlich sterben. Beim Erben größerer Vermögen reicht oft ein Telefonat und ein Notar mit Kugelschreiber.
Und bevor Friedrich nervös wird: Wir reden hier nicht über Omas Häuschen. Wir reden über Erbschaften ab einer Million. Eine Eins mit sechs Nullen. Da darf man kurz durchatmen. Erben funktioniert erstaunlich gut ohne Bewerbung. Und auffällig oft heißt das dann „Familienunternehmen“. Bei solchen Glückstreffern darf der Staat ruhig sagen: Herzlichen Glückwunsch und danke für Ihren Beitrag.
„Wer jeden erreichen will, erreicht am Ende oft niemanden richtig“
Im März wird in Ihrem Heimatbundesland Rheinland-Pfalz ein neuer Landtag gewählt. Für die SPD um Alexander Schweitzer sieht es bisher nicht so gut aus. Werden wir Sie da auch im Straßenwahlkampf erleben?
Ob man mich im Straßenwahlkampf sehen wird, ist schwer zu sagen, ich werde schließlich seit 1979 eher gehört als gesichtet. Aber natürlich unterstütze ich Alexander Schweitzer mit voller Überzeugung. Die SPD ist in ihrer bewegten Historie vieles gewesen: laut, leise, mutig, manchmal zu vorsichtig. Festgefahren zu sein, gehört eigentlich nicht zu ihrem Selbstverständnis. Und dennoch wirkt es so.
Die Sozialdemokratie ist stark geworden, weil sie die Lebensrealität der breiten Mitte kannte. Nicht aus Studien, sondern aus Erfahrung. Wir haben unsere Regierungsverantwortung in Kompromissen eingerichtet: hier ein Kompromiss, da ein Kompromiss. Und während wir geregelt haben, haben wir vergessen, wofür wir eigentlich stehen. Ohne klare Linie verliert man am Ende nicht nur Profil, sondern auch Vertrauen.
Wer jeden erreichen will, erreicht am Ende oft niemanden richtig. Wir sollten uns daran erinnern, wer uns groß gemacht hat. Zu diesen Wurzeln müssen wir zurückkehren.Und, lieber Alexander: Wenn du im Wahlkampf noch eine Stimme aus der zweiten Reihe brauchst – du weißt, wie man mich erreicht. Notfalls per Fax.
In Anbetracht des vollen Terminkalenders von Jakob Maria Mierscheid wurde das Interview schriftlich geführt.
Der Gesprächspartner
Jakob Maria Mierscheid wurde am 1. März 1933 in Morbach/Hunsrück geboren. Der gelernte Schneider (Meisterprüfung 1956) sitzt seit 1979 für die SPD im Bundestag, erst in Bonn, dann in Berlin. Schwerpunkte seiner politischen Arbeit sind allgemeine Sozialfragen, Probleme der Berufsausbildung, Aufzucht und Pflege der geringelten Haubentaube in Mitteleuropa und anderswo sowie die Untersuchung des Nord-Süd-Gefälles im Bundesgebiet.
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.