Warum wir Klimaschutz nicht den Populisten überlassen dürfen
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Eine große aufblasbare Weltkugel wird von einer Menschenmenge auf Händen getragen.
Gerade in Zeiten von Kriegen, ökonomischen Herausforderungen und wachsender Polarisierung ist eine Klarstellung nötig: Ein sich erwärmendes Klima ist kein Problem zukünftiger Generationen. Es ist eine existenzielle Gefahr heute – und wie immer bei großen Krisen tragen die finanziell Schwächsten die Hauptlast. Genau deshalb sind Klima und Gerechtigkeit nicht voneinander zu trennen.
Fossile Engpässe treffen die Ärmsten am meisten
Der Krieg in Iran macht derweil wieder sichtbar, was Umweltbewegungen seit Jahren sagen: Fossile Abhängigkeit ist nicht nur ein ökologisches Problem. Sie ist eine Sicherheitskrise, eine Wohlergehensskrise, eine Demokratiekrise – und eine soziale Gerechtigkeitskrise. Eine fossile Wirtschaft hat nicht nur ökologische Externalitäten, sondern auch geopolitische. Und diese sind enorm.
Rund 20 Prozent des globalen Flüssiggases (LNG), ein Viertel des weltweiten Öl-Seetransports und ein Drittel des global gehandelten Düngers passieren die Straße von Hormus.
Engpässe und damit steigende Preise treffen zuerst diejenigen, die einen hohen Anteil ihres Einkommens für Energie ausgeben. Das sind, wenig überraschend, die Ärmsten: Laut Statistischem Bundesamt wenden einkommensschwache Haushalte doppelt so viel ihres Budgets für Strom, Heizung und Warmwasser auf wie die einkommensstärkste.
Frust, aus dem Populist*innen Kapital schlagen
Dabei ist die Verteilung der Verantwortung eindeutig: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung verursacht laut Climate Inequality Report 2025 pro Kopf mehr als 680-mal so viele Emissionen wie die ärmere Hälfte der Menschheit – und diese ärmere Hälfte wird bis 2050 rund 74 Prozent der Einkommensverluste durch den Klimawandel tragen.
Wer die Krise am wenigsten verursacht hat, leidet am stärksten darunter. Das erzeugt Frust – und Frust ist der Rohstoff, aus dem Populist*innen ihr Kapital schlagen.
Zwei Dinge sind jetzt wichtig: erstens, der Ideologisierung der Klimapolitik aktiv entgegenzutreten. Und zweitens, die Transformation durch gezielte Puffer sozial abzufedern – bevor die Konsequenzen des Nichtstuns die Ärmsten treffen.
Kulturkampf um die Klimapolitik – auch in Deutschland
Seit 2015 steigt die globale Temperatur deutlich schneller als zuvor – laut aktuellen Messungen etwa 0,35 Grad Celsius pro Jahrzehnt statt der früheren rund 0,2 Grad. Parallel dazu beobachten wir eine politische Bewegung, die dieser Realität aktiv zuwiderläuft und Klimapolitik emotional auflädt statt sachlich zu gestalten. In den USA ist das besonders deutlich: Trumps Aussage „Windmills are losers“ steht exemplarisch für eine Debatte, die längst keine mehr ist.
Aber auch hierzulande zeigt sich, wohin bewusst herbeigeführte Polarisierung führt. Das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz ist das Ergebnis eines Kulturkampfs, der aus dem Ruder gelaufen ist. Unter dem Deckmantel von „Wahlfreiheit“ und „Technologieoffenheit“ sollen auch künftig Gas- und Ölheizungen erlaubt bleiben, sofern CO₂-neutrale Brennstoffe beigemischt werden – zunächst zehn Prozent, später mehr.
Ideologisierung hat reale Kosten
Woher dieses Biomethan oder dieser Wasserstoff kommen soll, zu welchen Preisen und in welchen Mengen wissen wir nicht. Stattdessen wird eine zusätzliche Nachfrage nach einem knappen Gut entfacht, das in Schwerindustrie und Schiffsverkehr dringender benötigt würde. Die Folge: Flächenkonkurrenz durch Energiepflanzen oder neue Importabhängigkeiten – oder beides.
Das Wuppertal Institut und das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) haben das Konzept bereits im November gemeinsam analysiert und kamen zum Schluss: „Insgesamt überwiegen die Risiken einer ineffizienten Allokation, steigender Kosten und zusätzlicher Bürokratie, während die klimapolitische Steuerungswirkung gering bleibt und bestehende Preissignale aus dem Emissionshandel verzerrt werden.“ Ideologisierung hat also reale Kosten.
Die Veränderung kommt so oder so – noch können wir sie gestalten
Klimapolitik war lange ein Projekt der Zukunft: Klimaneutralität 2045, 65 Prozent Reduktion bis 2030, ETS 2 ab 2028. Je näher diese Daten rücken, desto defensiver wird die Politik. „Vielleicht reicht ja auch 2050“, „vielleicht verschieben wir die Bepreisung noch mal“, und so weiter.
Aber die Veränderung kommt so oder so – entweder durch eine planbare, sozial abgefederte Transformation oder durch eine ungeplante, die Krisen und Preissprünge erzwingen. Das Emissionshandelssystem ETS 2, das ab 2028 auch Heizung und Mobilität erfasst, ist kein schlechtes Instrument. Aber es ist kein ausreichendes. Ein CO₂-Preis funktioniert als Anreiz dort, wo Alternativen vorhanden und bezahlbar sind. Wo sie fehlen, wirkt er vor allem als Aufschlag – und trifft, wie so oft, diejenigen am härtesten, die am wenigsten Spielraum haben.
Die soziale Frage wird durch Resilienz entschieden
Diejenigen, die vom „Heiz-Hammer“ redeten und genau die Polarisierung entfacht haben, die jetzt zu diesem Gesetz führt, werden dieselben sein, die sich mit Selfies vor Tankstellen fotografieren und so tun, als ob die soziale Frage vor allem an der Zapfsäule entschieden wird. Wird sie nicht. Die soziale Frage wird durch Resilienz entschieden: Wer ist für was verantwortlich, wer profitiert wovon, wer zahlt die Kosten, wie werden Verluste kompensiert.
Konkret bedeutet das: Ein Klimageld mit sozialer Komponente wäre ein richtiger Schritt. Flankierende Investitionen in Infrastruktur und Förderung sind nötig. Umverteilung gehört dazu – auch über vermögensbezogene Steuern. Was hingegen nicht hilft: Maßnahmen wie die Senkung der Luftverkehrsteuer oder Überlegungen zu Mehrwertsteuererhöhungen. Das ist sozialer Sprengstoff.
Die Revolution findet bereits statt
Die Energiewende global ist real und einmalig: Solar und Wind decken inzwischen mehr als 90 Prozent der neu installierten Stromkapazitäten weltweit. Zwei Drittel der globalen Energieinvestitionen 2025 fließen in saubere Energien.
In Zeiten, in denen Energiepreise soziale Spannungen verschärfen und rechtsextreme Parteien genau darauf warten, braucht es mehr Klimaschutz und mehr Unabhängigkeit – keine weiteren Abhängigkeiten. Denn die Frage von Klima und Gerechtigkeit ist die zentrale Frage unserer Zeit. Nicht weil sie nur das Klima betrifft – sondern weil sie darüber entscheidet, ob wir den Weg in eine Wirtschaft schaffen, die Wohlergehen für alle innerhalb der planetaren Grenzen ermöglicht.
ist Programmdirektor beim „Club of Rome“ und leitet dort den „Reclaiming Economics Impact Hub“.