Warum sich die SPD weiterhin breit aufstellen muss – auch sprachlich
IMAGO/Zoonar II
Am stärksten war die SPD immer dann, wenn sie verschiedene Themen und Gruppen zusammenbrachte und anzusprechen vermochte.
Allenthalben hört man derzeit, die SPD habe sich von ihrer Identität als Arbeiterpartei entfernt und müsse sich wieder auf diese Gruppe rückbesinnen. Immer wieder wird auch der ominöse „Küchentisch“ genannt, an dem Themen einer nebulösen „Mehrheit“ der „normalen Menschen“ in deren Sprache Bestand haben sollen.
Während einige Äußerungen in ihrer Ausgewogenheit sicher in die richtige Richtung gehen, klingen andere nach altbekannten Forderungen: weg mit „Gedöns“ wie Identitätspolitik oder zu viel Klimaschutz, es gilt nur noch die Politik für den Geldbeutel. So wichtig es ist, inhaltliche Schwerpunkte immer nach den Herausforderungen der Zeit auszurichten, genauso falsch wäre es, sich thematisch einzuengen. Damit würde die Partei ihrem Streben danach, Volkspartei zu sein, nicht gerecht werden.
„Die Arbeiter“, die unbekannten Wesen
Hinter manchen Forderungen nach Rückbesinnung der SPD auf ihre Geschichte als Arbeiterpartei schimmern romantisch angehauchte Bilder durch, die eher eine Klischeevorstellung davon transportieren, wer „die Arbeiter“ sind und was sie wollen: Das Konto muss am Ende des Monats stimmen; Naturschutz hingegen interessiert höchstens im eigenen Stadtpark, Gleichstellung ist etwas für verwöhnte Akademiker*innen und der Iran-Krieg ist nur an der Zapfsäule Thema. Wer an solchen Klischees festhält, kann sich Themen wie Bildung und Emanzipation gleich schenken.
Historisch betrachtet waren „die Arbeiter“ und die Arbeiterbewegung nie homogen. Säkulare oder christliche, internationalistische oder nationalistische wie verschiedene andere Gruppierungen entwickelten sich, und ebenso unterschiedlich wurde auch gewählt. Sicher schwieriger als früher ist heute außerdem die Abgrenzung „der Arbeiter“ in Zeiten, in denen Themen wie etwa die verpflichtende Eingliederung von Selbständigen in die Sozialversicherung oder der Wert von nicht entlohnter Sorgearbeit diskutiert werden.
Nicht zuletzt muss man fragen, inwiefern die SPD in ihrer Vergangenheit wirklich nur Arbeiterpartei oder schon immer auch Wertepartei war. Neben sozialer Gerechtigkeit waren zum Beispiel Freiheit oder Demokratie von Beginn an Werte, die die Partei prägten und damit auf lange Sicht eine Entwicklung über eine reine Klientelpartei hinaus ermöglichten.
Die gefährliche „Mehrheit“ der „normalen Menschen“
Ebenfalls schwer greifbar ist die eine „Mehrheit“, die man eben mal ein paar Jahre lang verpasst haben will. Wie diese eine „Mehrheit“ aussehen soll, wird niemand beschreiben können, denn je nach Thema und Fragestellung werden die statistischen Mehrheiten, die man zu einem Zeitpunkt vorfindet, stark variieren. Morgen schon können diese zudem anders aussehen.
Genauso unsinnig ist die Sehnsucht nach den „normalen Menschen“, die wohl „die Mehrheit“ darstellen sollen. Dieser Begriff lässt sich äußerst beliebig definieren und grenzt diejenigen, die nicht unter diese Definition fallen, aus. Das birgt Gefahren, denn im Zweifelsfall wird der Gedanke der einen „Mehrheit“ der „normalen Menschen“ genutzt, um Minderheiten – zum Beispiel Geflüchtete, Queere, Behinderte –, für die die Sozialdemokratie selbst gekämpft hat, an den Rand zu drängen.
Eine Art einheitliche „Mehrheit“ ist eine Fiktion. Und selbst wenn man verschiedene „Mehrheiten“ eindeutig identifizieren könnte, wäre der SPD nicht damit gedient, diesen einfach ungeprüft nach dem Mund zu reden. Schon Walter Scheel wusste: „Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen“.
Was die SPD will, bleibt diffus
Ebenso mythisch umwabert ist der „Küchentisch“ oder „Esstisch“, dessen Sprache die SPD sprechen müsse (wohl mit Blick auf die fiktive „Mehrheit“). Allerdings lässt diese sehr leicht von den Lippen gehende Forderung eine wichtige Frage offen: An welchem Küchentisch? An dem der Queeraktivistin, der Pflegerin oder des CDU-Mitglieds? Können diese drei Personen nicht auch ein und dieselbe sein? Und: Wäre diese Person denn „normal“? Meine Prognose: zehn Küchentische, zwanzig Themen – und viele verschiedene Arten der Ansprache.
Viel wichtiger, als sich zu viele Fragen nach dem richtigen Sprachniveau zu stellen, ist, inhaltliche Positionen klar auf den Punkt und komplexe Themen herunterbrechen zu können. Den einen Stil dafür gibt es nicht: Barack Obama spricht gerne in langen Sätzen, Markus Söder bevorzugt eher den knackigen Stil. Beide hat das nicht davon abgehalten, Wahlen zu gewinnen. Und je nachdem, ob man – breit aufgestellt – gerade in sozialen Medien oder im Feuilleton kommunizieren will, muss man seine Sprache ohnehin anpassen.
Die Sprache der SPD ist vor allem deshalb unverständlich, weil die SPD sich nicht traut, klar zu sagen, wer sie sein will und was sie tun will. Denken wir an die Verkündung der Pläne zum neuen Gebäudemodernisierungsgesetz: Während die Union polterte und ihrer Klientel klar vermittelte, woran sie (aktuell) glaubt, brachte die SPD noch nicht mal den einfachen Satz heraus „Wir glauben weiterhin an die Energiewende“. Wie soll man sich so ein Bild der Partei machen?
Nicht das eine lassen, um das andere zu tun
Es wäre in der aktuellen Lage fatal, sich Klischees oder Mythen hinzugeben und ohne Not eine Abkehr von verschiedenen erfolgreich erarbeiteten Politikfeldern zu versuchen, um im Nebel einer „normalen“ „Mehrheit“ „der Arbeiter“ mit einer fiktiven Sprache „des Küchentischs“ herumzustochern. Damit ließe man sich in eine Ecke drängen, aus der heraus es schwierig sein dürfte, große gesellschaftliche Koalitionen zu schmieden.
Am stärksten war die SPD immer dann, wenn sie verschiedene Themen und Gruppen zusammenbrachte und anzusprechen vermochte. Ob sozialliberale Koalition, Rot-Grün oder die Ampel: Grundlage für deren Wahlsiege waren nicht nur die Hoffnung auf mehr Netto vom Brutto, sondern zum Beispiel auch auf das Aufbrechen überkommener Gesellschaftsstrukturen oder die Bewahrung des Planeten für die nachfolgenden Generationen. So sehr derzeitige Herausforderungen aktuelle Schwerpunkte bestimmen: Nur mit einer breiten Aufstellung kann die SPD quer durch die Bevölkerung relevant bleiben.
Dieser Beitrag ist Ergebnis meiner Teilnahme am Panel 'Die versteht doch keiner! Wie erlernt die SPD wieder die Sprache der Mehrheit?' beim Debattencamp der SPD Sachsen am 14. März 2026 in Leipzig. Ich bedanke mich bei den Genoss*innen für die Einladung zu dieser spannenden Diskussionsrunde!
ist Übersetzungswissenschaftler und beschäftigt sich mit Denk- und Sprechmustern in verschiedenen Kulturen. Gelegentlich schreibt er zu gesellschafts- und wissenschaftspolitischen Themen. Er trötet unter @OliverCzulo@spd.social.