Thüringen: Eine Metal-Band macht Mut im Kampf gegen rechts
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Die Thüringer Band „Heaven Shall Burn“ sorgt für den richtigen Sound im Kampf gegen rechts.
Im Osten kracht’s! Auch auf dem vor einem Jahr erschienenen jüngsten Album „Heimat“ der Metalcore-Veteranen Heaven Shall Burn aus dem thüringischen Saalfeld. Die Band gehört nicht nur zur internationalen Speerspitze des Genres, das ostdeutsche Quintett zählt auch zu den politischsten Metalbands des Landes. Grund genug, vor den anstehenden Landtagswahlen nochmal hinzuhören.
Neben den unschlagbaren Hooks und Melodien gepaart mit knallhartem Metal überzeugen Heaven Shall Burn seit jeher, aber auf „Heimat” ganz besonders, durch ihre kerzengerade Einstellung: Texte gegen Rassismus, Faschismus und Tyrannei. Diese Haltung verwundert nicht, hatten doch einige Bandmitglieder während der Baseballschlägerjahre Plätze in der ersten Reihe. Das hört man den kraftvollen Songs bis heute an. Das Album ist eine musikalische Message an all jene, die aktuell in ihren Dörfern und Städten die Stellung halten und im Alltag dem Rechtsruck Paroli bieten: Lasst euch nicht unterkriegen!
Vorbild für die SPD?
Harte Zeiten verlangen harte Musik. Heaven Shall Burn haben auch im 27. Jahr ihres Bestehens erkennbar nichts von ihrer Strahlkraft verloren. Im Gegenteil: Ihre Musik erscheint heute relevanter denn je. Das trifft auch auf die Sozialdemokratie zu. Die Kernidentität bewahren und sich trotzdem weiterentwickeln, laut gegen die oben und empathisch gegenüber denen unten: Da könnte sich die SPD von den Thüringer Metal-Schwergewichten eine Scheibe abschneiden. Eine Gitarre besitzt Lars Klingbeil ja bereits und ein Wahlkampfstand mit Moshpit erzeugt doch auch viel mehr Wirbel. Ist nur eine Anregung.
Heaven Shall Burn bieten auf ihrem zehnten Album jedenfalls wie gewohnt Brachialmusik mit Herz und Haltung. „Heimat” ist jedoch mehr als die Rückeroberung eines Kampfbegriffs. Es ist eine Selbstermächtigung und eine Ermutigung, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, wenn die Zeiten rauer werden.
Vor allem aber ist das Album ein Kompass, um dann, wenn es drauf ankommt, auf der richtigen Seite zu stehen und den Mut zum Dagegenhalten nie zu verlieren. Kaum eine Band genießt dabei mehr Glaubwürdigkeit als eine Gruppe, für die ein Headliner-Auftritt beim weltweit größten Metalfestival in Wacken vor 90.000 Metalheads den gleichen Stellenwert hat wie ein Konzert vor 3.500 Überzeugten bei Jamel rockt den Förster, einem kleinen DIY-Festival gegen Rechtsextremismus.
Wie ein politischer Presslufthammer
Im Grunde sind Heaven Shall Burn die Slayer des Metalcore: ihrem Sound treu seit Tag eins, ohne faule Kompromisse. Die Koalition aus Metalcore und Melodic-Death-Metal kann man sich dabei vorstellen wie eine Doppelspitze aus einem brüsken Olaf Scholz und Wolfgang Schmidt, der den Entscheidungshammer hinterher sanft einordnet. Musikalisch lassen die Thüringer entgegen ihres Bandnamens jedoch nichts anbrennen und stürmten mit „Heimat“ auf Platz 2 der deutschen Albumcharts.
Gleich zu Beginn des Albums setzt War Is The Father Of All als bombenstarke Ansage den Ton. „An age of suffering and misery descends / You will have to understand / War is the father of all / The father of all things”. Das passt in seiner Naturgewalt sowohl musikalisch als auch textlich erschreckend gut zur politischen Großwetterlage auf dem internationalen Parkett.
Das ganze Album strotzt vor Gesellschaftskritik, beispielhaft „In the abyss, you're faced with the choice / Good or evil, there's nothing in between / I could not deny myself / We upheld life in the realm of the dead” im Song A Whisper From Above, der der polnischen Widerstandskämpferin Irene Gut Opdyke gewidmet ist. Ten Days in May vertont den Gwangju-Aufstand in Südkorea 1980. Neun Tage lang protestierten mutige Bürger*innen gegen einen Militärcoup, bevor sie Opfer eines Massakers wurden. Der rote Faden dieser internationalen Beispiele: Mut zum Widerstand.
Wut und Mut liegen nah beieinander
Der gewaltige Sound der Band wird an den entscheidenden Stellen in Melodie getunkt. Das verpasst den ernsten Themen ein Klangkleid, das ihnen gerecht wird. Das ist mal düster, mal melancholisch, aber immer mitreißend. Dabei rütteln Musik und Texte am grundsätzlichen Gerechtigkeitsgefühl. Doch hinter all der Wut steckt keine Faust, sondern eine ausgestreckte Hand, die uns wieder hochzieht und Mut macht. So gesehen verbirgt sich hinter den aggressiven Riffs und martialischen Soundwänden erstaunlich viel Zuversicht.
Apropos Mut zum Widerstand: „Heimat“ gewinnt besonders vor den Wahlen in Sachen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wieder an Relevanz. Denn die Brandmauer gegen die AfD ist keine politische Strategie, sondern „lediglich“ aktiver Widerstand gegen Angriffe auf unsere Republik. Dazu gehören auch Reformen, die die Resilienz der Landesverfassungsgerichte stärken, wie zuletzt im Schweriner Landtag angestrebt. All das ist notwendig, wird die politische Auseinandersetzung mit der AfD jedoch nicht gewinnen.
Zuversicht in der Kartharsis
Wenn die Wahrnehmung großer sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit das Vertrauen in den Staat untergräbt, wird auch der Kampf für Soziale Gerechtigkeit zum Kampf für die Demokratie. Zu diesem Kampf gehört wiederum der Mut, aus dem Niedergangsdiskurs auszubrechen. Mehr Zuversicht wagen im Kreise der Pluralist*innen, das schlagen auch Wissenschaftler*innen wie Marcel Lewandowsky für die Auseinandersetzung mit Rechten vor.
Der erste Schritt des Widerstands gegen den rechten Zeitgeist ist demnach eine positive Selbstvergewisserung. Heaven Shall Burn zeigen, dass diese Form des Antifaschismus auch wie emotionale Katharsis klingen kann. Das schützt die Brandmauer vielleicht nicht im Alleingang, aber lädt die Batterien wieder auf und ist ein Weg hin zur Waffengleichheit gegenüber einer international vernetzten Rechten, deren Ausgangslage leider noch nie so gut war wie heute. Stand by, laut boys.
Zur Kolumne
In „Left Hand Path“ schreibt Manuel Gath regelmäßig über Metal mit Message und Härte mit Haltung. Im ersten Teil geht es um die Thüringer Band Heaven Shall Burn und ihr Album Heimat, Century Media, 51 Minuten, VÖ: 27.06.2025, UPC/EAN: 0198029016918 (Vinyl)