Meinung

Landtagswahl als Chance: An der Ostsee kann die blaue Welle brechen

17. September 2026 15:29:30
Nach dem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt wähnt sich die AfD bundesweit im Aufwind. Nun könnte Manuela Schwesig den Höhenflug der Rechtsextremen beenden. Dass nach dem AfD-Schock so schnell wieder Landtagswahlen stattfinden, ist ein Segen für Deutschland.
Manuela Schwesig vor einem Wahlplakat der AfD

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) vor einem Plakat ihres Herausforderers Leif-Erik Holm: Mit einem Wahlsieg könnte sie die AfD in den Hintergrund treten lassen.

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war weit mehr als ein regionales Ereignis. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg erscheint es möglich, dass eine rechtsextreme Partei in Deutschland Regierungsverantwortung übernimmt und sogar einen Ministerpräsidenten stellt. Der klare Erfolg der AfD strahlt über die Landesgrenzen hinaus. Die Partei hofft auf einen Dominoeffekt: mit Sachsen-Anhalt als wichtigem Baustein, um mittelfristig auch im Bund nach der Macht zu greifen. „Es beginnt in Sachsen-Anhalt“, hatte der dortige AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Wahlkampf als Losung ausgegeben.

Der Mitläufereffekt beeinflusst Wahlergebnisse 

Dabei könnte ihr ein Phänomen in die Karten spielen, das in der Wahlforschung als Mitläufer- oder Bandwagon-Effekt bekannt ist. Die Theorie besagt: Menschen stehen gerne auf der Gewinnerseite. Deshalb neigen sie dazu, sich eher für Kandidat*innen oder Parteien zu entscheiden, von denen sie erwarten, dass sie bei Wahlen erfolgreich abschneiden.

Schon zur Zeit der Weimarer Republik beobachtete der SPD-Reichstagsabgeordneten Carlo Mierendorff einen „politischen Herdentrieb“. In der jüngeren Vergangenheit gab es dafür auch in der Bundesrepublik wiederholt Anhaltspunkte. Ein Beispiel war der rasante Aufstieg der Piratenpartei 2011. Bis dahin hatten sie als Splitterpartei ohne größere Bedeutung gegolten. Kurz vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl zeigten Umfragen auf, dass die Piraten die Fünf-Prozent-Hürde überwinden könnten. Das gab ihnen offensichtlich einen kräftigen Schub und mobilisierte weitere Wähler*innen. Bei der Wahl holten die Piraten sogar 8,9 Prozent der Stimmen – eine Sensation. Wenige Monate später zogen sie auch in die Landtage des Saarlands, von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ein.

Manuela Schwesig kann die Erzählung der AfD widerlegen

Der Hype um die Piratenpartei ist längst gebrochen. Die AfD dagegen konnte sich etablieren. Ein Grund: Die Aufmerksamkeit, die sie nach Wahlerfolgen erfährt, lässt nicht so schnell nach. Dafür sorgt die mittlerweile eindeutig rechtsextreme Partei mit kalkulierten Skandalen. Mittlerweile hat sich bei vielen Bürger*innen der Eindruck verfestigt, der stetige Aufstieg der AfD sei zwangsläufig, eine AfD-Regierung auf lange Sicht unausweichlich. Die Partei selbst pflegt diese Erzählung und hofft auf eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Bisher gelingt ihr das erstaunlich gut. Auch deshalb geben immer mehr Deutsche ihre Distanz zur AfD auf. Der Herdentrieb entfaltet seine Wirkung.

Doch nun kann das Bild von der Überflieger-AfD einen großen Riss bekommen. Denn am Sonntag wird wieder in einem ostdeutschen Flächenland gewählt, diesmal in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Regierungsbeteiligung der AfD erscheint hier äußerst unwahrscheinlich. Mehr noch: Die SPD mit der beliebten Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat in Umfragen aufgeholt, liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Rechtsextremen und könnte sie am Wahltag sogar übertrumpfen.

Insofern ist die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern eine Chance, die AfD wieder auf das zurechtzustutzen, was sie ist: zwar keine normale Partei, aber eben auch keine unschlagbare. Die „blaue Welle” könnte an der Ostseeküste brechen. Für alle, denen Demokratie, Vielfalt, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde am Herzen liegen, wäre das eine gute Nachricht. 

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