Identität junger Ostdeutscher: Man darf sie nicht der AfD überlassen!
imago/Ralph Peters
Ein Fahrer fährt eine hellblaue Simson Schwalbe, Kult-Moped aus der DDR und Lieblingsfahrgerät der Jugend im heutigen Osten.
Dieses Jahr nimmt die Ost-West-Debatte nicht erst zum Tag der Deutschen Einheit an Fahrt auf. Seit dem Wahlsieg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt reden mal wieder alle über „den Osten“: über Ost-Identitäten, Unterschiede in den Lebenswelten, Sichtweisen, über Nachteile beim Einkommen, Vermögen und in der Karriere. Und natürlich über junge Generation im Osten, na klar!
Junge Ostdeutsche: Warum ostdeutsche Identität wichtig ist
Denn darauf wies die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, schon im vergangenen Jahr hin: Viele junge Menschen in Ostdeutschland identifizieren sich als „ostdeutsch“, obwohl sie die DDR nie erlebt haben. Bei Gleichaltrigen im Westen ist das anders: Wer in den Nullerjahren in Düsseldorf aufgewachsen ist, kommt selten auf die Idee, sich als „westdeutsch“ zu bezeichnen.
Das ist problematisch, keine Frage, aber man kann es auch anders lesen: Da identifizieren sich junge Menschen mit ihrer Heimat, die eine Zukunft braucht. Das ist eine Chance – nur leider wird sie den Falschen überlassen.
In Sachsen-Anhalt wählten 43 Prozent der unter 25-Jährigen die AfD, in Mecklenburg-Vorpommern, wo erstmals auch 16-Jährige wählten konnten, war es mehr als jede*r Dritte. Die AfD punktet bei jungen Menschen besonders, weil sie ein Wir-Gefühl bietet, das vielen in dieser Generation fehlt.
Ostdeutschland in den Medien: Warum der Osten als Problemfall gilt
Die Gründe dafür sind bekannt und werden trotzdem zu selten erzählt. Junge Menschen im Osten haben schlechtere Startbedingungen: wenig Vermögen in den Familien, niedrigere Einkommen, und sie werden weiterhin mit Vorurteilen konfrontiert, sobald sie zum Studieren oder Arbeiten in den Westen gehen.
Ihnen entgeht nicht, wie die Medien über ihre Herkunft berichten. Eine Analyse der Universität Leipzig und der Produktionsfirma Hoferichter & Jacobs hat Millionen von Zeitungsartikeln aus 35 Jahren Nachwendezeit ausgewertet. Das Ergebnis: Der Osten wird vor allem als Problemfall dargestellt, als Sonderfall, als rechtsextrem und „wirtschaftlich abgehängt“. Hinzu kommt: Eine Region, die von der Ostseeküste bis ins Erzgebirge reicht, wird dabei wie ein einheitlicher Block behandelt.
Wie junge Menschen um die Zukunft von Ostdeutschland kämpfen
Dabei gäbe es genug anderes zu erzählen. Es sind viele, die sich seit Jahren für eine positiven Gegenentwurf des Ostens einsetzen. Seit 1990 haben Millionen Menschen den Osten verlassen, darunter viele junge Menschen. Aber seit einigen Jahren ziehen viele von ihnen zurück. Leipzig wächst deswegen schneller als die meisten westdeutschen Großstädte.
Es sind junge Menschen, die sich in Bautzen dem Rechtsextremismus entgegenstellen, in Chemnitz, und auch anderswo. Junge Ostdeutsche wie Jakob Springfeld aus Zwickau, schreiben Bücher darüber, die andere motivieren. In der Lausitz ist es vor allem die junge Generation, die den Umbau nach der Kohle mitgestaltet. Es sind ostdeutsche Bands wie „Kraftklub“ oder „Feine Sahne Fischfilet“, die Songs über das ostdeutsche Lebensgefühl schreiben, die Millionen von Fans verbinden. Und es gibt junge Ostdeutsche mit Migrationsgeschichte, die sich als ostdeutsch empfinden. Und sich von niemandem sagen lassen, dass das nicht zusammenpasst.
Ost-Debatte: Warum immer Westdeutsche über den Osten sprechen
Diese Menschen kommen in der Ost-Debatte viel zu wenig vor. Denn nach wie vor sind es Westdeutsche, die in den Medien über Ostdeutsche sprechen. (Zugegeben: Auch die Autorin dieses Textes gehört dazu). Als das ZDF anlässlich der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern eine Sondersendung von Markus Lanz ausstrahlte, war unter den Gästen, die die Wahl analysierten, kein einziger aus dem Osten. Das war keine Ausnahme, es ist die Regel!
Gerade, weil junge Menschen sich in der Debatte über den Osten nicht repräsentiert sehen, funktioniert das Geschäftsmodell der AfD: Ulrich Siegmund griff im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt das Lebensgefühl der Jugend auf, wenn er mit dem Simson-Moped vorfährt. Doch die Simson gehört nicht der AfD, sie gehört denen, die sie fahren. Es sind die jungen Menschen, die die Zukunft des Ostens prägen. Sie sollten nicht nur Thema sein, sondern eine wichtige Stimme.