Kultur

„The Zone of Interest“: Auschwitz als bizarres Familienparadies

Im Schatten der Todesfabrik blüht das Leben: Der Film „The Zone of Interest” wirft einen Blick auf den Familienalltag von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz. Eine lehrreiche Provokation.

von Nils Michaelis · 23. Februar 2024
The Zone of Interest

Die Frau des Kommandanten: Hedwig Höß (Sandra Hüller) mit Nachwuchs im Garten.

Ein Satz genügt, um den Geist dieses Films zu beschreiben. „Papa kommt nach Hause“, sagt Rudolf Höß (gespielt von Christian Friedel) am Telefon zu einem seiner Kinder. Gemeint ist seine Dienstvilla in unmittelbarer Nähe des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz

Ab 1940 war Höß dort Kommandant. 1943 wurde er zur Inspektion der Konzentrationslager, der zentralen Führungs- und Verwaltungsstelle des NS-Lagersystems, nach Oranienburg versetzt. Im Mai 1944 kehrt der SS-Mann dorthin zurück, um die „Ungarnaktion“ zu leiten: die Ermordung von rund 424.000 ungarischen Juden im Lager Auschwitz-Birkenau binnen 56 Tagen. Kein Thema für ein paar nette Worte am Telefon.

Auschwitz und der Holocaust: Unzählige Bilder haben wir hierzu im Kopf, auch infolge von Blockbustern wie „Schindlers Liste“. Immer wieder gab es Debatten darüber, ob und wie diesem Menschheitsverbrechen in fiktionalen Formaten gerecht zu werden ist. 

Film mit radikalem Ansatz

„The Zone of Interest“ geht einen neuen und radikalen Weg. Dem britischen Regisseur und Drehbuchautor Jonathan Glazer ging es nicht darum, den Schrecken im Lager und die Brutalität der Täter*innen in einer packenden Geschichte zu vermitteln. Er richtet den Blick auf Menschen, die das Geschehen vom Rande aus begleiten, selbst wenn sie, wie im Falle von Höß, Teil des Mordapparates sind oder, was den Rest der Familie betrifft, davon profitieren. Gefangen in einem psychologischen Käfig aus Schuld, Komplizenschaft und Verleugnung. 

Radikal ist auch der Ansatz, all dies in der Form eines an Originalschauplätzen gedrehten Familiendramas zu erzählen. Direkt an der Mauer des Stammlagers Auschwitz leben Rudolf und Hedwig Höß mit ihren fünf Kindern wie im Paradies. Die zweistöckige Villa mit im Lager rekrutierten Personal bietet allen Komfort. Der sonnendurchflutete Garten mit Schwimmbecken und Gewächshaus ist Hedwigs ganzer Stolz. 

Als Rudolf nach Oranienburg versetzt wird, ist all das, was die Ehefrau mithilfe von KZ-Häftlingen aufgebaut hat, in Gefahr. Hedwig stellt ihren Gatten zur Rede und macht ihm klar: Von Auschwitz geht sie nie wieder weg.

Die Alltäglichkeit verstört

Die inszenierte Alltäglichkeit ist ebenso konsequent wie verstörend. Meist verfolgen die Zuschauenden das Geschehen in den vier Wänden oder im Garten aus der Halbdistanz. Glazer ließ an mehreren Stellen ferngesteuerte Kameras errichten und überwachte den Dreh von einem Bunker aus. Die Darsteller*innen waren also unter sich. Dieses Vorgehen gibt ihnen besonders viel Raum, viele der vergleichsweise langen Einstellungen wirken improvisiert. 

Außerdem konnten einige Szenen gleichzeitig gedreht und entsprechend montiert werden. Während Hedwig mit Freundinnen beim Kaffeekränzchen sitzt, hockt Rudolf mit Vertretern der Ofenbaufirma Topf & Söhne im Wohnzimmer, um Pläne für leistungsfähigere Krematorien durchzugehen. Eine Parallelität von großer Symbolkraft.

Die Kamera bleibt in der Regel unbewegt. Das schärft den Blick für die Personen und den Schauplatz zwischen Haus und Garten, der nur selten verlassen wird. Das Fassadenhafte und Abgründige dieses Idylls schwingt beständig mit. Ganz besonders, wenn Hedwig sich im Pelzmantel einer deportierten jüdischen Frau vor dem Spiegel in Pose wirft. Schnörkellos und subtil bringt Hauptdarstellerin Sandra Hüller das deformierte und völlig empathielose Wesen dieser auf Besitz und Prestige getrimmten Frau nach außen. Es ist zum Schaudern.

Das Morden bleibt draußen

Das Morden und der Terror auf der anderen Seite der Lagermauer ist allein über eine kontinuierliche Tonspur zu vernehmen. Immer wieder tönen Schreie, Schüsse, quietschende Züge und das Dröhnen der Schornsteine herüber.

„The Zone of Interest“ ist eine Zumutung. Wegen der Ausgiebigkeit, mit der uns der Film mit menschlichen Zügen konfrontiert, die seit Hannah Arendts bekanntem – und mittlerweile umstrittenem – Diktum landläufig als „Banalität des Bösen“ bezeichnet werden. 

Hinzu kommt die formale Strenge und das Gesamtkonzept des Films: Der stoische Blick der Kameras und die für einen Film über den Holocaust ungewohnte Dramaturgie üblicher Holocaust-Dramen führen dazu, dass sich die Szenen zu einem schwer verdaulichen Berg aus Eindrücken auftürmen. Schließlich bieten die Hauptpersonen keinerlei Grundlagen für eine positive Form der Identifikation. Selbst dann nicht, wenn sie uns allzu menschlich gegenübertreten und auch in ihrer Gier und Pedanterie geradezu „normal“ erscheinen lassen. Was wiederum als Warnung zu verstehen ist. 

Nachdenken über Bild von NS-Täter*innen

Die vergangenes Jahr in Cannes ausgezeichnete amerikanisch-britisch-polnische Produktion basiert lose auf dem gleichnamigen Roman von Martin Amis und nutzt reale Zeugnisse aus dem Leben der Familie Höß, bleibt letztlich aber eine provozierende Fiktion, die zum Nachdenken über unser Bild von den Täter*innen und Profiteur*innen des Holocausts anregt. 

Ein gelungenes und sehenswertes Experiment, auch dank der herausragenden Hauptdarsteller*innen Sanda Hüller und Christian Friedel. Mit lehrreichen Charakterstudien, selbst wenn sich der Film einer tieferen psychologischen Ebene verweigert. 

 

Info:

„The Zone of Interest“ (USA, UK, Polen 2023), ein Film von Jonathan Glazer, Kamera: Łukasz Żal, mit Christian Friedel, Sandra Hüller u.a., 106 Minuten, FSK ab 12 Jahre.

Kinostart: 29. Februar 2024

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