Kultur

„Night Stage“: Düsteres Kinodrama über ein schwules Paar in Gefahr

27. February 2026 10:23:00
Ein Politiker und ein Schauspieler haben eine Affäre. Das macht sie erpressbar. Das brasilianische Kinodrama „Night Stage“ erzählt von zügelloser Leidenschaft und den Grenzen der Toleranz. 
Szene aus dem Kinofilm "Night Stage"

Ein heimliches Paar: Bürgermeister-Kandidat Rafael (Cirillo Luna, links) und Schauspieler Matias (Gabriel Faryas).

In der heutigen Dating-Welt sollte man immer auf eine überraschende Wendung gefasst sein. Wer kann schon sein Gegenüber vor der ersten Begegnung einschätzen, vor allem, wenn sich die oder der andere ohne Porträtfoto und unter Pseudonym präsentiert?

„Night Stage“: bedrohliche Atmosphäre und unverbindlicher Sex

Genau so ergeht es Matias. Eines Abends steht er vor einem Bürogebäude in Porto Alegre. Dort wartet er auf den Mann, mit dem er sich über eine App verabredet hat. Wenig später sollen beide im Auto durch die nächtlichen Straßen der brasilianischen Metropole, hin zu einem für Matias unbekanntem Ziel. 

Als sie in einer verlassenen Villa angekommen sind, verstärkt sich die düstere und bedrohliche Atmosphäre, die das Kinodrama „Night Stage“ durchweg prägt. Dennoch kommt es nun zu dem, was das Ziel dieser Verabredung ist: unverbindlicher Sex, der nicht nach dem Morgen fragt.

Doch das Morgen nimmt in dieser Liaison, die ursprünglich nur für eine Nacht gedacht war und sich zu einer veritablen Affäre ausweitet, immer mehr Raum ein. Matias‘ Liebhaber Rafael ist Politiker und wird von seiner Partei ins Rennen für die Bürgermeisterwahl geschickt. 

Auch einflussreiche Unterstützer*innen aus der lokalen Wirtschaft wollen den Mittdreißiger als Rathauschef sehen. Als Kandidat muss Rafael nicht nur politische Erwartungen, sondern auch ein bestimmtes Image bedienen. Offen ausgelebte Homosexualität ist damit anscheinend nicht zu vereinbaren, was das Versteckspiel in Sachen Erotik erklärt.

Auch Matias kommt wegen seiner Sexualität zunehmend in die Bredouille. In seinem Theaterensemble hat sich bislang niemand für sein Intimleben interessiert. Nun aber naht der nächste Karriereschritt. Der Schauspieler soll die Hauptrolle in einer Fernsehserie übernehmen. Auch diese Position als romantischer heterosexueller Held ist mit gewissen Vorstellungen von den öffentlichen Seiten seines Privatlebens verbunden. 

Manipulation und Gewalt setzen die Liebenden unter Druck

Anfangs lassen Rafael und Matias sehr viel Vorsicht walten. Doch mit der Zeit nehmen sie es damit nicht mehr so genau und leben ihre Leidenschaft an öffentlichen Orten aus. Sie machen sich erpressbar. Immer enger legt sich eine Schlinge der Manipulation und Gewalt um die beiden Liebenden. Doch in dem Moment, als die totale Katastrophe unausweichlich erscheint, wählen sie einen völlig unerwarteten Ausweg.

Die Problematisierung von Rafaels Homosexualität mag auf den ersten Blick überraschen, zumindest aus deutscher oder westeuropäischer Sicht. Schließlich ist hier, trotz aller Defizite, die gesellschaftliche Akzeptanz für queere Menschen in politischen Spitzenämtern gewachsen. 

Auch Brasilien gilt in Sachen Gleichbehandlung im internationalen Vergleich als fortschrittlich, zumindest im Bereich der Gesetzgebung. Doch nicht alle gesellschaftlichen Milieus unterstützen diesen politisch gewollten Fortschritt, was sich auch in der hohen Zahl an gewalttätigen Übergriffen zeigt.

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Dieser soziale und ideologische Kontext ist in diesem Film aber allenfalls in Form von Andeutungen, vorzugsweise aufseiten einer Casting-Agentin oder eines persönlichen Referenten, präsent. „Night Stage“ ist ganz auf die beiden Protagonisten fokussiert. Und auf die Frage, was es aus ihnen macht, ihre jeweilige Bühne zu bespielen und sich damit anderen Menschen auszuliefern. Wie ist es ihnen unter diesen Umständen möglich, sie selbst zu sein?

Diese Geschichte erzählen die brasilianischen Filmemacher Marcio Reolon und Filipe Matzembacher in einem fiebrigen Drama zwischen Film noir, Erotikthriller und Slasher-Film. Eine dunkle Energie speist jede Szene und treibt die Handlung Richtung Verhängnis. 

„Night Stage“: ein packendes Erlebnis, das nachdenklich macht

Der mal pulsierende und mal epische Soundtrack tut sein Übriges zu der Wirkung des Films, der seine Weltpremiere auf der Berlinale des Jahres 2025 erlebt hat. Nicht zu reden von der Tatsache, dass ein Großteil des Ganzen nach Sonnenuntergang mit der Kamera eingefangen wurde und dunkle Blautöne, immer wieder von grellem Neonlicht durchzogen, den Ton angeben. All dies macht „Night Stage“ zu einem packenden Erlebnis, das einen über die Grenzen der Toleranz nachdenken lässt.

„Night Stage“ (Brasilien 2025), ein Film von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher, mit Gabriel Faryas, Cirillo Luna, Henrique Barreira, Ivo Müller u.a., 119 Minuten, OmU, FSK ab 16.

Im Kino

Weitere Informationen unter salzgeber.de

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