Kultur

Film „Astrid Lindgren“: Wie die Autorin zur Chronistin des Krieges wurde

23. January 2026 16:40:52
Vor Pippi Langstrumpf schrieb sie über Hitler und Stalin: Der Kinofilm „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ stellt die Schriftstellerin als sensible Chronistin des Zweiten Weltkrieges vor. Und er zeigt, wie diese Zeit ihr wohl berühmtestes Kinderbuch geprägt hat.
Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren

Was soll nur werden? Nicht nur während des Zweiten Weltkrieges befällt Astrid Lindgren (Sofia Pekkari) immer wieder tiefes Grübeln.

In den Jahren 1944 und 1945 war der Blutzoll während des Zweiten Weltkrieges besonders hoch. Deutsche Truppen kämpften zahllose Abwehrschlachten, Städte versanken im Bombenhagel und in den Nazi-Lagern tobte der Massenmord. Das bekamen auch die Menschen im neutralen Schweden mit. „Blut fließt“, notierte Astrid Lindgren am 18. Juli 1944. „Menschen werden zu Krüppeln. Überall Elend und Verzweiflung. Und ich kümmere mich nicht darum. Nur meine eigenen Probleme interessieren mich.“ Das hatte seinen Grund: Kurz zuvor hatte sie erfahren, dass ihr Mann eine andere Frau kennengelernt hatte und die Scheidung wollte. Astrid Lindgrens Familienleben war aus den Fugen geraten.

Erst im Jahr 2015 wurden Astrid Lindgrens Tagebücher veröffentlicht

Die Schrecken des Krieges und private Zäsuren: Beides und auch die Parallelität zwischen beiden Ebenen prägen die Tagebücher, die Astrid Lindgren während des Zweiten Weltkrieges geschrieben hat. Im Jahr 2015 wurden sie erstmalig veröffentlicht und in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Sie bilden die Grundlage für den Film „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Darin porträtiert der deutsche Filmemacher Wilfried Hauke die weltberühmte Kinderbuchautorin als Chronistin des Zweiten Weltkrieges: also eines Epochenereignisses, das sich in Stockholm von der Zuschauer*innentribüne aus verfolgen ließ, angesichts von Versorgungsengpässen und Preissteigerungen aber im Alltag spürbar war.

Astrid Lindgren war besonders nah dran am Geschehen und bestens informiert. Seit Kriegsbeginn arbeitete sie als sogenannte Postzensorin. Im Schichtdienst las sie die Militärpost sowie sämtliche Briefe, die zwischen dem Königreich und dem Ausland zirkulierten. Der Job brachte ihr nicht nur die Eigenständigkeit zurück, die sie seit der Geburt ihrer Tochter Karin und damit verbundenen Hausfrauendasein vermisst hatte. Er inspirierte sie auch dazu, wieder mit dem Schreiben anzufangen. Als junge Frau hatte die im Jahr 1907 geborene Schwedin einige Geschichten in Zeitungen veröffentlicht. Der große Erfolg als Autorin kam aber erst in dem Jahr, als der Weltenbrand ein Ende hatte: 1945 erschien ihr Kinderbuchdebüt „Pippi Langstrumpf“ und wurde zum Welterfolg.

Der Film bringt uns aber auch eine Frau näher, die von Jugend an dafür gekämpft hat, ihr persönliches Glück zu finden: 1927 wurde Astrid Lindgren erstmalig Mutter, übergab den Sohn an eine Pflegefamilie und arbeitete als Journalistin. Wirklichen Halt im Leben scheint sie aber erst ab Anfang der 30er-Jahre durch die Ehe mit ihrem Mann Sture gefunden zu haben. Dank seinem guten Gehalt konnte die Familie ein behagliches Leben führen. All dies stand im Sommer 1944 auf der Kippe.

Als Postzensorin las Astrid Lindgren immer mit

Die filmische Erzählung verläuft auf mehreren Ebenen. Astrid Lindgrens Tochter, ihre Enkeltochter und der Urenkel nehmen immer wieder Tagebücher zur Hand, um in die Kriegserfahrungen ihrer Vorfahrin einzutauchen. Auf den vergilbten Seiten finden sich nicht nur persönliche Eindrücke, sondern auch Zeitungsausschnitte und heimliche Abschriften von Briefen, die die damalige Zensorin gelesen und bei Bedarf geschwärzt hat. 

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Um die dokumentierten Ereignisse zu illustrieren, wird zeitgenössisches Bildmaterial hinzugezogen. Hinzu kommen Spielszenen, in denen die Schauspielerin Sofia Pekkari in die Rolle der Protagonistin schlüpft. Um deren Alltag und die Zeit vor dem Krieg zu veranschaulichen, suchen die Nachfahren verschiedene Originalschauplätze auf, darunter auch das idyllisch am Wasser gelegene Haus ihrer Kindheit.

Mit einer gesunden Dosis Emotion und Atmosphäre gelingt es dem Film, dass sich das Publikum für der breiten Masse wohl kaum bewusste Facetten Astrid Lindgrens öffnet. Man könnte sich angesichts warmer Farben und mustergültiger Schweden-Motive über ein gewisses „Bullerbü“-Ambiente mokieren, doch trägt der Film keinesfalls zu dick auf. Auch weil Astrid Lindgrens Selbstzeugnisse alles andere als idyllisch ausfallen. 

Wie Astrid Lindgren über Stalin dachte, lässt ich nur erahnen

Wohl aber bleiben einige Leerstellen, was ihre Gedankenwelt betrifft. Für die Gewaltherrschaft des NS-Regimes hatte sie erkennbar nichts übrig, doch viel größer scheint ihre Angst vor Stalins Sowjetunion gewesen zu sein. Hierzu hätte man sich eine Einordnung gewünscht. Auch ihre Haltung zum auch in Schweden virulenten Antisemitismus wird nur oberflächlich angerissen. Für einen Film, der sich die „politische“ Astrid Lindgren auf die Fahne schreibt, ist das ein bisschen wenig.

Immerhin widmen sich einige Szenen dem Aspekt, dass die freiheitsliebende Pippi Langstrumpf als Gegenentwurf zu autoritären und unterdrückten Menschen gesehen werden kann, wie sie unter damaligen Diktaturen typisch waren. Auch deswegen lohnt sich dieser Film über eine ungewohnte Perspektive auf die Ära von Krieg und Gewaltherrschaft. An vielen Stellen wirkt er auf unberuhigende Weise aktuell.

„Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ (Deutschland/Schweden 2025), ein Film von Wilfried Hauke, mit Karin Nyman, Annika Lindgren, Johan Palmberg, Sofia Pekkari u.a., 98 Minuten.

Im Kino 

Weitere Infos zum Film gibt es hier.

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