„Die Kämpfe der Zukunft“ von Piketty und Sandel: Viel Eitelkeit, wenig Debatte
vorwärts.de
Michael Bröning rezensiert das Buch: „Die Kämpfe der Zukunft. Gleichheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert"
Wenn zwei der aktuell einflussreichsten progressiven Denker in einem Streitgespräch aufeinandertreffen, lohnt es sich genauer hinzuhören. Thomas Piketty, bekannt durch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ und Michael Sandel, US-Philosoph, der nicht zuletzt Olaf Scholz in seinem Respekt-Wahlkampf beeinflusste, haben sich für ein solches Sparring zusammengesetzt. Auch der Titel macht neugierig: „Equality. What it means and why it matters“. Auf Deutsch ist der knapp 120 Seiten lange Band unter dem Titel „Die Kämpfe der Zukunft. Gleichheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert“ erschienen.
Hohe Erwartungen also. Nur leider: Wer angesichts der Prominenz der Protagonisten ein Feuerwerk der Ideen erwartet, einen fulminanten Wettstreit des besseren Arguments, ein echtes Ringen um Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert, wird enttäuscht. Denn was dann kommt, erinnert nicht so sehr an ein Feuerwerk, sondern an ein Fegefeuer.
Und zwar der Eitelkeiten. Dafür – das muss gesagt werden – zeichnet vor allem Thomas Piketty verantwortlich. Immer wieder kokettiert der an der Paris School of Economics lehrende Ökonom mit dem eigenen Werk oder ergeht sich in Erörterungen darüber, als welche Art von Denker er nun am ehesten zu bezeichnen ist. (Antwort: „zunächst als Sozial- und Wirtschaftshistoriker“, aber eben auch als „Sozialwissenschaftler“ und als Analyst „an der Schnittstelle zwischen sozioökonomischer Geschichte und politischer Ökonomie, im traditionellen Sinne, welche die volle moralische politische Dimension...“ – und so weiter und so fort.)
Piketty fordert Spitzensteuersatz von 90 Prozent
Klar gemacht wird jedenfalls mehrfach: Piketty hat nicht nur „sehr lange über Dinge nachgedacht“ und „denkt gleich an Lösungen“, sondern dreht auch politisch am ganz großen Rad („Ich habe Druck gemacht für ein anderes Europäisches Parlament“).
Was also sind die Vorschläge? Piketty ist sich sicher: Erforderlich ist eine gesellschaftliche „Transformation in der Größenordnung wie vor 100 Jahren“. Damals sei die Arbeiterbewegung noch radikal gewesen. Das brauche es jetzt wieder. Es sei Zeit für „internationalistischen Sozialismus“, für „eine Art Vereinigte Staaten der Welt“.
Bei den Schritten dahin muss dann selbstredend gehobelt werden. Mindestens 50 Prozent Stimmenanteile für Arbeiter in Unternehmen fordert Piketty. Und eine „Entkommodifizierung“ der Gesellschaft, also das Anliegen, dass die wichtigsten Bereiche des Lebens nicht den Gesetzen des Marktes unterworfen werden „um 90 Prozent“. Und Erbschaften „für alle“. Und einen Spitzensteuersatz von 90 Prozent. Und richtig gerecht, so verkündet er, würde es ohnehin erst, wenn „teure kosmetische Behandlungen auf keinen Fall mehr erschwinglich“ sind.
Thomas Piketty: Was er an Schröder und Blair kritisiert
Piketty wirft dabei gerade der Sozialen Demokratie vor, die Marktkräfte nie ausreichend herausgefordert zu haben. Blair und Schröder hätten die „markttriumphalistischen Prämissen, nämlich dass Marktmechanismen die primären Instrumente zur Definition und Erzielung des öffentlichen Guts darstellen, nie in Frage gestellt“.
Sicher, man kann Blair und Schröder und dem Dritten Weg manches vorwerfen, aber hier stellt sich dann doch die Frage, wann Thomas Piketty seinen Salonradikalismus das letzte Mal mit der Realität abgeglichen hat. In der UdSSR wurden die „markttriumphalistischen Prämissen“ bekanntlich sehr erfolgreich in Frage gestellt. Auf Kuba sogar heute noch. Wenn Piketty zu diesen Versuchen auch kritische Anmerkungen hat, behält er das zumindest in diesem Gespräch für sich. Wobei die Sowjetunion tatsächlich einmal Erwähnung findet. Seit ihrem Fall nämlich sei „die sozialistische, die links umverteilerische Säule bedauerlicherweise geschwächt“.
Michael Sandel: Warum der Widerspruch ausbleibt
In Ordnung. Bedauerlich für den Leser aber ist eher, dass von Michael Sandel viel zu selten echter Widerspruch kommt. Statt einer wirklichen Debatte gibt es ein vorsichtiges Sich-Umkreisen und Komplimente für die Werke des jeweils anderen. Gut, es muss ja nicht immer gleich in einem Boxkampf enden. Aber warum eine Diskussion organisieren und dann nicht diskutieren? So fordert Piketty etwa Parlamentsquoten nicht nur in Sachen Gleichstellung, sondern als gesamtgesellschaftliches Organisationsprinzip und Sandel findet diesen Vorschlag zur Abschaffung der repräsentativen Demokratie, wie wir sie kennen, „interessant“. Ansonsten bleibt er wortkarg.
Nur punktuell entfaltet sich ein echtes Gespräch und dann wird es durchaus erhellend. Etwa zum Begriff Populismus. Hier wird deutlich, dass dies- und jenseits des Atlantiks unterschiedliche politische Traditionen zu ganz unterschiedlichen Begriffsbewertungen kommen.
Gleichheit und Gerechtigkeit: Was im Buch fehlt
Kurzzeitig spannend wird es auch gegen Ende des Gesprächs als Sandel fragt, ob die Linke nicht womöglich eigene Fehler zu korrigieren hätte, etwa in Sachen Zusammenhalt oder Patriotismus. Doch leider entspannt sich auch hieraus keine wirkliche Debatte. Stattdessen gibt es nur wieder Pikettys ökonomistische Diagnose in Endlosschleife.
Bei Sandel klingt durchaus an, dass Werte und kulturelle Traditionen eine dezidierte progressive Antwort verlangen. Für Piketty aber scheint derlei wie eine Ablenkung, wenn nicht wie eine gefährliche Versuchung. Ins Befremdliche gleitet die Unterhaltung dann auch beim Thema Bildung. Seitenlang geht es um Elite-Unis. Wer erhält Zugang? Wer nicht? Sicher ist das relevant. Das Thema wird fast ein Dutzend Mal in verschiedenen Kapiteln aufgekocht.
Zugleich aber echauffieren sich Sandel und Piketty unisono darüber, berufliche Bildung werde sträflich vernachlässigt. Das wäre viel überzeugender, wenn sie das Thema nicht selbst nur in einem Nebensatz abhandeln würden. Kein Wort stattdessen zum Thema Künstliche Intelligenz und den zu erwartenden Disruptionen: Dem vielleicht eigentlichen „Kampf der Zukunft“.
Migration, Bildung, KI: Welche Zukunftsfragen offenbleiben
Ebenfalls dünn: Das Thema Migration wird weitgehend ausgeklammert. Am Ende findet sich ein Kapitel zum Thema „Grenzen, Migration und Klima“, doch die Migrationsfrage wird hier allen Ernstes durch das Prisma der Hochschulzugangsberechtigung besprochen. Sandel fragt nach Einwanderung und Zusammenhalt, nur um von Piketty ein Kurzreferat über europäische Austauschprogramme und Studiengebühren für Nichteuropäer*innen gehalten zu bekommen. Denn genau wie mit den Studierenden verhält es sich eben auch insgesamt mit der Migration, nicht wahr? Man muss einfach mehr Geld in die Hand nehmen. Ansonsten sehe er „keinen Grund für Restriktionen“. Europa sei „nicht offen genug“. Hier scheint die Fakultätslounge dann vollumfänglich zur Welt zu werden.
An einer Stelle merkt Piketty offenbar selbst, dass die Pferde ab und an mit ihm durchgehen: „Die Sorge ist, wir wissen nicht, wann wir aufhören sollen, und, okay, vielleicht wissen wir wirklich nicht, wo wir aufhören sollen“, gibt er unumwunden zu. Immerhin. Warum aber dann Breitseite um Breitseite auf eine linke Mitte schießen, die dieses Problem vor geraumer Zeit erkannt und gelöst hat?
Info zum Buch:
Piketty, Thomas / Sandel, Michael: Die Kämpfe der Zukunft. Gleichheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert, C.H.Beck, ISBN 978-3-406-83247-5
Das Buch ist ebenfalls bestellbar über die Bundeszentrale für politische Bildung.