Kultur

„Die Zweiflers“-Serienschöpfer David Hadda: „Diese Familie ist nun mal auch jüdisch.“

Die ARD-Serie „Die Zweiflers“ zeigt modernes, jüdisches Leben in Deutschland. Mit dem „vorwärts“ sprach Serienschöpfer David Hadda über Repräsentation und Selbstverständlichkeit des deutschen Judentums und verrät, ob er sich eine zweite Staffel wünscht.

von Finn Lyko · 6. Mai 2024
Serienschöpfer David Hadda (mitte) beim Internationalen Serienfestival in Cannes: Bereits im April wurde seine Serie „Die Zweiflers“ zur besten Serie des Jahres gekürt.

Serienschöpfer David Hadda (mitte) beim Internationalen Serienfestival in Cannes: Bereits im April wurde seine Serie „Die Zweiflers“ zur besten Serie des Jahres gekürt.

Jüdisches Leben wird selten im deutschen Fernsehen dargestellt – und wenn, dann dominieren meist Themen rund um Holocaust oder Nahost-Konflikt. Die neue ARD-Serie „Die Zweiflers“ ist daher eine Seltenheit, denn hier steht eine moderne, jüdische Familie aus Frankfurt im Mittelpunkt. Für Serienschöpfer David Hadda, der selbst in einer jüdischen Familie in Frankfurt geboren und aufgewachsen ist, geht es dabei nicht nur um Repräsentation, sondern vor allem um Selbstverständlichkeit.

In der Serie „Die Zweiflers“ erzählen Sie von modernem jüdischem Alltagsleben in Deutschland. Warum sind Geschichten wie diese so selten im deutschen Fernsehen zu sehen?

Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber die Tatsache, dass diese Geschichten so selten sind, ist bezeichnend. Ich habe darüber viel nachgedacht und gemerkt, dass damit auch eine sehr große Verantwortung einher geht, wenn man nur so selten die Chance bekommt, so etwas zu machen. Ich habe zum Beispiel noch nie etwas im Fernsehen gesehen, von dem ich mich wirklich repräsentiert gefühlt habe – daher war der Anspruch da, etwas zu machen, was aus einer sehr starken Innensicht heraus erzählt wird. Natürlich mit universellen Themen, aber trotzdem so spezifisch, wie man werden kann. Ich denke aber auch, dass durch diesen sehr spezifischen Ansatz auch gleichzeitig wieder etwas sehr Universelles entsteht. Mittlerweile ist ja auch bei den Zuschauer*innen mehr Bewusstsein für die entsprechenden Themen da, sodass sie das eher verstehen und auch sehen wollen.

Ihre Serie ist sehr detailreich erzählt. Besteht dabei nicht die Gefahr, dass die meisten dieser Details am deutschen Durchschnittspublikum vorbeigehen?

Ich hoffe, dass die Details dann bemerkt werden, wenn sie wichtig für die Erzählung sind. Oder auch, dass manche Details erst beim zweiten oder dritten Schauen auffallen, und dass wir nicht alles so plakativ nach vorne stellen. Ich habe beim Dreh manchmal ganz bewusst auf die Kameraeinstellungen geschaut, wenn es zum Beispiel wichtig war, dass Dinge nur beiläufig zu sehen sind. Bei vielen Elementen habe ich sehr bewusst überlegt, was wir damit erzählen wollen und wie sie möglicherweise gelesen werden. Wir wollen hier keine Effekthascherei betreiben, es braucht immer eine Motivation und eine Intention, wenn man Dinge sichtbar macht. Das Zusammenspiel von diesen ganzen Elementen macht es am Ende sehr spannend.

Stichwort „Dinge sichtbar machen“: Braucht es insgesamt eine stärkere Sichtbarkeit des deutschen Judentums?

Ich denke, dass es vor allem eine stärkere Selbstverständlichkeit braucht. Was das bedeutet, das sollte jede*r für sich selbst definieren können. Also als etwas von innen heraus und nicht umgekehrt. So etwas gibt es hierzulande noch nicht – das merkt man ja auch an der Rezeption von Stoffen, die das Judentum thematisieren, und dem Dreiklang, mit dem jüdisches Leben in Deutschland so oft zusammengebracht wird: Antisemitismus, der Holocaust und der Nahost-Konflikt. Aber wenn man sich einmal davon loslöst, dann stellt man fest, dass jüdisches Leben sehr vielfältig und sehr divers ist, aber vor allem für jede*n etwas anderes bedeutet. Der Prozess, wenn diese alten Bilder hinterfragt und neu besetzt werden, ist ein sehr schöner. Bei „Die Zweiflers“ ist mir aber einfach wichtig, dass die Serie keine Repräsentation von jüdischem Leben in Deutschland ist, sondern in erster Linie eine Familiengeschichte. Und diese Familie ist nun mal auch jüdisch. 

Trotzdem ist eine Serie wie „Die Zweiflers“ eine Seltenheit, und daher wird für die Zuschauer*innen automatisch etwas repräsentiert. War das während der Entwicklung und Produktion ein Thema?

Ja, natürlich. Aber das war nie ein angstgetriebenes Thema für uns, vielmehr haben wir immer versucht, mit einer großen Freiheit an das Ganze heranzugehen. Für mich war immer klar, dass wir nichts Doku-realistisches machen, sondern etwas stark Stilisiertes. So nimmt man sich auch selbst den Druck, wenn es darum geht, wie präzise Dinge dargestellt werden sollen. Wenn man mit dem Anspruch an absolute Realitätstreue an solch ein Projekt herangeht, kann man nur scheitern. Das geht in dieser Form gar nicht. Also habe ich versucht, aus meinen eigenen Erinnerungen ein Bild zu schaffen, und daraus wurde dann die Welt kreiert, die das Zweifler-Universum wird. Da spielen ganz viele Einflüsse mit rein, auch weil eine Nachbetrachtung ja zum Beispiel gar nicht mehr unbedingt etwas mit der Realität zu tun hat. Wenn man das alles als kreativen Prozess sieht, befreit das enorm.

Insbesondere die Rolle der Mutter Mimi Zweifler, gespielt von Sunnyi Melles, wirkte im Vergleich mit den anderen Charakteren auffällig stark stilisiert. Gab es dafür einen Grund?

Das ist einfach im Prozess passiert. Sunnyi Melles ist eine großartige Darstellerin – sie hat da viele eigene Ideen und Anregungen mitgebracht. Auf dem Papier sind solche Figuren immer erst mal nur wie Gefäße, und dann kommen Darsteller*innen und füllen diese Gefäße aus. Bei uns liefen die Castings bereits, als wir noch im Schreibprozess waren. Dadurch werden die Charaktere weiter ausgestaltet, was sie viel lebendiger macht, sodass sie eben kein Abziehbild eines Stereotyps mehr sind. Gerade bei der Figur der Mimi, also der „typisch jüdischen Mutter“, läuft man ja die größte Gefahr, ein Klischee zu reproduzieren. Wir wollten also gerade in diesem Fall etwas ganz Originelles schaffen, und sie vor allem extrem menschlich machen. Das hat Sunnyi durch ihre Interpretation dieser Rolle meisterhaft geschafft und eine Figur gezeichnet, der man diesen Kampf, den sie führt, abnimmt und mit ihr fühlt – obwohl sie so oft die Grenzen überschreitet. Das zu schaffen ist eine ganz große Kunst.

Auch der Großvater, Symcha Zweifler, bewegt sich in moralischen Grauzonen und überschreitet Grenzen – wie stellt man solche Charaktere dar, ohne zu riskieren, dass sich Zuschauer*innen in antisemitischen Ressentiments bestätigt fühlen?

Ich bin der Überzeugung, dass die Leute, die Ressentiments haben und immer wieder suchen, die Bestätigung davon auch immer finden werden. Deshalb habe ich das für mich komplett beiseite geschoben – da kann man einfach nur Fehler machen. Ich wollte eine Figur schaffen, die ambivalent ist, so wie eben alle Menschen Widersprüche in sich tragen. Manchen Menschen gelingt es vielleicht besser, damit klarzukommen. Aber die Figur des Symcha hat eine ganz spezielle Biografie: Ein Auschwitz-Überlebender, der alles und jede*n verloren hat, aus historisch bekannten Gründen nach Deutschland kam und sich dann eben durchschlagen musste. Da gehört vielleicht auch eine charakterliche Disposition dazu, aber für mich hat so eine Geschichte auch viel mit Stärke zu tun. Eine Figur zu zeichnen, die alles verloren hat und gerade alles daran setzt, sich ins Leben zurück zu kämpfen, war spannend. Daran schließt sich ja auch die Frage an, was das in den nachfolgenden Generationen auslöst.

An der jüngsten Zweifler-Generation sieht man eine starke Zerrissenheit zwischen der familiären Tradition und dem Wunsch nach einem davon losgelösten Leben. Was waren die Gedanken in der Produktion dahinter?

Es ging uns darum zu zeigen, wie äußere Umstände diese innere Zerrissenheit befeuern können, ohne dabei eine klassische Heldengeschichten zu erzählen. Insbesondere der älteste Sohn, Samuel, ist eine Figur, die sich zwischen den Welten fühlt. Er meint, sich emanzipiert zu haben und muss sich dann durch Umstände wie seine neue Freundin und ihr gemeinsames Kind plötzlich selbst hinterfragen. Aaron Altaras war hier als Darsteller ein Glücksfall, weil er diese innere Zerrissenheit so tiefgründig und glaubwürdig gespielt hat, dass man nie genervt von der Unentschlossenheit der Figur Samuels war. Man schaut ihm dabei zu, wie er in den eigenen Abgrund blickt – das hinzubekommen bedarf einer hohen schauspielerischen Fähigkeit.

Was sollen Zuschauer*innen allgemein aus der Serie mitnehmen?                                                       

In erster Linie wünsche ich mir natürlich, dass die Zuschauer*innen gut unterhalten werden. Toll wäre aber auch, wenn sie Spaß und Interesse an und eine Liebe für die Figuren entwickeln – im Idealfall sollten sie am Ende feststellen, dass es, bei all dem Wahnsinn, der da mitreinspielt, einfach verdammt liebenswürdige Charaktere sind, die echte Konflikte haben. Vielleicht sieht ja die eine oder andere Person, auch wenn er oder sie aus einem ganz anderen Kosmos kommt, trotzdem eine Projektionsfläche für eigene Themen in den Charakteren. Ich würde mir wünschen, dass das am Ende zu etwas mehr Zuneigung führt.

Wünschen Sie sich eine zweite Staffel „Die Zweiflers“?

Da muss man erst mal schauen, aber unsere Erzählung ist durchaus auf etwas längeres ausgerichtet. Also ja, natürlich!

Autor*in
FL
Finn Lyko

ist Volontärin in der vorwärts-Redaktion.

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