Kultur

Berlinale-Chefin unter Druck: SPD stellt sich hinter Tricia Tuttle

26. February 2026 18:30:00
Nach umstrittenen politischen Äußerungen von Filmschaffenden bei der Berlinale wird mit einer Absetzung von Intendantin Tricia Tuttle gerechnet. SPD-Politiker*innen stellen sich hinter die Chefin des Filmfestivals.
Berlinale-Chefin Tricia Tuttle kämpft um ihren Posten

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle kämpft um ihren Posten.

Steht ein Wechsel an der Spitze der Berlinale bevor? Viele halten diesen Schritt zeitnah für möglich. Bei einer Krisensitzung am 26. Februar wurde die Entscheidung über die Zukunft von Intendantin Tricia Tuttle allerdings vertagt. Derweil stellen sich neben Filmschaffenden auch SPD-Politiker*innen hinter Tuttle, die nach Vorkommnissen während der diesjährigen Berlinale unter Druck geraten ist.

Bettina Martin und Timon Gremmels: Tricia Tuttle verdient Rückhalt aus der Politik

„In diesen Zeiten ein internationales Publikumsfestival zu steuern, auf dem verhärtete Positionen und hitzig geführte Debatten aufeinandertreffen, ist eine enorme Herausforderung“, teilen Bettina Martin und Timon Gremmels, Mitglieder des SPD-Parteivorstands und Vorsitzende des Kulturforums der Sozialdemokratie, schriftlich mit. „Dieser Herausforderung hat Tricia Tuttle sich gestellt.“

Es sei jetzt für die politisch Verantwortlichen entscheidend, Tuttle Rückhalt zu geben, statt auf Distanz zu gehen, so Martin und Gremmels mit. „Wer Verantwortung übernimmt und für die Freiheit von Kunst und Kultur einsteht, wer ein Podium für Vielfalt und offene Debatten schafft und sich der Komplexität gegenwärtiger Diskurse stellt, der muss sich der Solidarität der Kulturpolitik sicher sein können.“ 

Politik dürfe Kulturverantwortliche nicht dafür abstrafen, dass sie ihre Arbeit mit Haltung ausüben. „Wir wünschen uns, dass Tricia Tuttle ihren Weg an der Spitze der Berlinale fortsetzt.“

Gespräche mit Berlinale-Chefin werden fortgesetzt

Die Berlinale stehe für Austausch, künstlerische Freiheit und internationale Verständigung. „Diese Werte verteidigen wir entschlossen“, betonen Martin und Gremmels. Kultur müsse Debatten ermöglichen und widerstreitende Positionen zulassen. „Zugleich muss klar sein: Antisemitismus und jede Form von Menschenfeindlichkeit widersprechen allem, wofür wir stehen. Kunstfreiheit hat dort eine Grenze, wo Antisemitismus, Hass und Menschenverachtung beginnen.“

Am 26. Februar fand eine Aufsichtsratssitzung der KBB GmbH, der Trägergesellschaft der Berlinale, im Kanzleramt statt. Einberufen hatte sie der Vorsitzender des Aufsichtsrats und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. „Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt“, erklärte ein Sprecher des parteilosen Politikers. 40 Prozent des Budgets der Internationalen Filmfestspiele Berlin werden aus öffentlichen Mitteln des Bundes, der EU und des Landes Berlin bestritten. 

Zuvor hatte mehrere Medien gemeldet, dass Tuttle, die das Festival seit 2024 leitet, vor der Ablösung stehe. Während des Festivals hatte es mehrfach Debatten zum Umgang mit dem Nahostkonflikt gegeben. Künstler*innen wie Tilda Swinton und Javier Bardem hatten der Berlinale vorgeworfen, sich im Gazakrieg nicht an die Seite der Palästinenser*innen zu stellen. 

Eklat wegen Gazakrieg: Bundesumweltminister Carsten Schneider verlässt den Kinosaal

Zudem stieß eine Rede des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib auf Widerspruch. Darin warf er der Bundesregierung vor, „Partner des Völkermords in Gaza zu sein“. Der bei der Preisverleihung anwesende Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ nach dem Statement den Saal. Auch der Berliner Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und der israelische Botschafter Ron Prosor bezeichneten die Aussagen als inakzeptabel.

Gegen die mögliche Absetzung Tuttles hatte es zuvor auch Kritik gegeben: In einem offenen Brief sprachen sich Hunderte Filmschaffende gegen eine mögliche Abberufung aus.

Unterstützung für Tuttle kommt auch aus der SPD-Bundestagsfraktion. „Tricia Tuttle hat die Berlinale in bewegten Zeiten übernommen und mit Haltung, Offenheit und Professionalität durch stürmische Debatten geführt“, so Fraktionsvize Wiebke Esdar und der kultur- und medienpolitischer Sprecher Martin Rabanus in einer gemeinsamen Mitteilung. „Wir stehen für eine Berlinale, die streitet, aushält und verbindet, schützen künstlerische Freiheit und ziehen zugleich klare Grenzen gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit.“

Wiebke Esdar und Martin Rabanus: „Tricia Tuttle hat Vielfalt ermöglicht“

Tuttle habe Kino, Publikum und Branche zusammengebracht und als souveräne Gastgeberin Haltung gezeigt. „Wir erkennen ihre Leistung an und zeigen Solidarität. Tuttle hat Vielfalt ermöglicht und Debatten zugelassen. Genau das macht ein internationales Publikumsfestival aus.“

Und weiter: „Wir freuen uns daher, wenn Tricia Tuttle weitermacht und dieses Festival weiterhin mit Offenheit, Klarheit und Professionalität führt.“ Wer jetzt Sündenböcke suche, stärke Boykottaufrufe wie „Strike Germany“ und schwäche den Austausch, den Kultur brauche. „Kurzschlüsse helfen niemandem.“

Weitere interessante Rubriken entdecken

Noch keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.