Ausstellung „Nie Wieder”: Wie Kunst die Erinnerung an NS-Gräuel wachhält
Raffael Rheinsberg, Hand und Fuß, 1980
„Wer weiß, ob man diese Ausstellung in Sachsen-Anhalt heute noch machen könnte?“ Dieser Satz der Intendantin Eva Kraus während einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag unterstreicht die Brisanz des Themas. Denn mehr als 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Erinnerungskultur in Deutschland gleich doppelt bedroht: Zum einen gibt es immer weniger Zeitzeug*innen, die von den deutschen Gräueltaten während der Zeit des Nationalsozialismus berichten können. Zum anderen gewinnen rechtsextreme und geschichtsvergessene beziehungsweise -verfälschende Kräfte wie die AfD wieder deutlich an Zulauf.
Die Ausstellung soll ein Zeichen setzen
Und so ist die Eröffnung der Ausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ nur fünf Tage, nachdem in Sachsen-Anhalt erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ein Vertreter einer rechtsextremen Partei zum Landtagspräsidenten gewählt wurde, ein deutliches Zeichen. Das soll auch so sein. Denn Kraus sagt: „Wir wollen Haltung zeigen, uns engagieren und uns politisch einbringen.“ Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstäten Buchenwald und Mittelbau-Dora, warnt dezidiert vor einem „Frontalangriff auf die Erinnerungskultur“ aus dem Lehrbuch der Neuen Rechten durch die AfD.
Henriette Pleiger, Kuratorin der Ausstellung, wählt daher ein Zitat von Willy Brandt aus dem Jahr 1955: „Aus der Erfahrung der Entmenschlichung müssen wir für eine Vermenschlichung kämpfen.“ Gleiches gelte laut Pleiger für die Ausstellung, deren besonderes Anliegen es sei, zu vermenschlichen. Sie tut das, indem sie eine Vielzahl von Künstler*innen mit deren Arbeiten zusammenträgt: von Käthe Kollwitz und Gerhard Richter bis hin zur polnischen Künstlerin Natalia Romik, die mit ihren Arbeiten die jüdische Erinnerung an den Holocaust in Osteuropa in den Mittelpunkt stellt und dafür vier Jahre lang Verstecke aufspürte, in denen etwa 50.000 jüdische Menschen in Polen den Holocaust überlebten.
Kunst hat Mängel in der NS-Aufarbeitung thematisiert
Die Ausstellung ist in fünf Teile gegliedert: Wissen, Tatorte, Denkmäler, Gedächtnis und Zukunft. Wer jedoch eine schlichte Chronologie der Ereignisse von 1933 bis heute erwartet, wird enttäuscht. Im Vordergrund stehen die Künstler*innen und ihre Werke. Denn auch nach dem Ende der NS-Zeit seien es immer wieder Künstler*innen gewesen, die den Finger in die Wunde der mangelnden Aufarbeitung gelegt hätten, betonen die Macher*innen in der Bundeskunsthalle.
Besonders im Kopf bleiben diejenigen Werke, die nicht nur erinnern, sondern zugleich aufrütteln, provozieren, einen etwas makaberen Touch versprühen. Gehwegplatten für die KZ-Gedenkstätte Buchenwald, die nie vor Ort verlegt wurden, bei denen die Besucher*innen jedoch über ein im Relief angedeutetes Massengrab hätten spazieren müssen. Oder Konzentrationslager zum Nachbauen als Lego-Set. Auch Christoph Schlingensiefs Quizshow-Parodie „Quiz 3000“, bei der in Glitzerkleider gehüllte Kandidatinnen statt harmloser Alltagsfragen beispielsweise Konzentrationslager geografisch von Nord nach Süd sortieren mussten, findet seinen Platz in der Ausstellung.
Beeindruckend ist auch das gemeinsam mit Schirmherrin Eva Umlauf realisierte Videoprojekt. Die im Dezember 1942 geborene Kinderärztin ist einer der jüngsten Auschwitz-Überlebenden und seit 2025 Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Für ihr digitales Zeugnis beantwortete Umlauf in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München rund 1.000 biografische Fragen. Die Besucher*innen können ihr eine Frage stellen, die darauf passende Videoantwort wird anschließend ausgewählt.
Die Mitgliederakten der NSDAP stehen online
Wer nach dem Besuch der Ausstellung – für die man sich durchaus zwei bis drei Stunden Zeit nehmen kann – bewegt ist, aber denkt, seine Familie sei ja nicht unter den Unterstützer*innen des NS-Regimes gewesen, der kann direkt einen Realitätscheck machen. Denn das US-Nationalarchiv hat die Mitgliederkartei der NSDAP vollständig digitalisiert. Deutsche Medien wie Der Spiegel oder die Süddeutsche Zeitung haben die Datenbank mit eigenen Recherchetools leicht zugänglich gemacht. Bei mehr als zehn Millionen Mitgliedern waren sehr viele deutsche Familien als Täter*innen involviert. Doch aus der Schuld erwächst auch eine Verantwortung: Nie wieder!
ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo