Australien: Funktioniert das Social-Media-Verbot?
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Seit drei Monaten gibt es in Australien ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren.
Seit Dezember 2025 gibt es in Australien ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. Wie fällt die erste Bilanz der Bevölkerung aus?
Das ist nach so kurzer Zeit noch schwer zu sagen. Eine Bilanz wäre sicher etwas voreilig – aber natürlich sind die Medien voll von unterschiedlichsten Beobachtungen und Anekdoten, wie sich das Verbot nun im Einzelnen auswirkt. Da scheint es ziemlich auseinanderzugehen: Man hört von Jugendlichen, die das Verbot mithilfe von älteren Freunden oder Familienmitgliedern umgehen und einfach weitermachen wie bisher. Aber es gibt auch junge Leute, die sich an das Verbot halten und sagen, dass es ihnen sehr guttut.
Lässt sich das Verbot so leicht umgehen?
Bislang offenbar schon. Wie das Alter verifiziert werden soll, ist ja den einzelnen Plattformen überlassen, und die haben dafür unterschiedliche technische Wege gewählt. Manche davon funktionieren besser als andere, aber Schlupflöcher gibt es wohl immer.
„Die Altersgrenze soll sich als gesellschaftlicher Standard durchsetzen“
Der Politik ist das aber auch bewusst. Die wissen, dass viele trotzdem weiter auf den Plattformen sind. Aber das ist ja nicht der Punkt. Premierminister Albanese hatte da einen ganz treffenden Vergleich. Er meinte, man weiß ja auch, dass durchaus auch Menschen unter 18 schon Alkohol trinken. Das macht ein Verbot von Alkohol für Kinder und Jugendliche aber nicht weniger sinnvoll. Es geht auch darum, dass sich die Altersgrenze mit der Zeit als gesellschaftlicher Standard durchsetzt.
Die Regierung zeigt sich bisher zufrieden mit dem Verbot. Wie sieht es in der Bevölkerung aus?
Das ist schwer so pauschal zu sagen. Die zuständige Online-Sicherheitsbeauftragte war im Vorfeld ja über mehrere Monate auch der Stimmung in der Gesellschaft zu dem Thema nachgegangen, bevor die Regierung sich endgültig entschieden hat, das Verbot offiziell anzustreben. Dafür hat die Beauftragte mit allen möglichen Organisationen und Vertretern verschiedener Gruppen gesprochen und es gab einen öffentlichen Konsultationsprozess.
Vonseiten der Regierung wurde dann stark das Narrativ bedient, dass man mit einem solchen Verbot Eltern und Familien Rückendeckung geben wolle. Natürlich gibt es Menschen, die das Verbot nicht richtig finden, aber besonders hitzig wurde das Thema trotzdem nicht diskutiert. Ich denke, es überwiegt aktuell eine gewisse Wertschätzung dafür, dass die Politik in der Sache auch einfach konsequent und zügig gehandelt hat.
„Die Verantwortung für die Missstände wurde klar den Plattformen zugewiesen“
Und in der Politik?
Im Parlament hat die konservative Opposition mehrheitlich mitgezogen. Auch die frühere konservative Regierung hatte sich schonmal mit den Social-Media-Plattformen angelegt, als sie ihnen 2021 Transferzahlungen an australische Medienhäuser auferlegte.
Im aktuellen Gesetzgebungsprozess hat man sich auf Kriterien festgelegt, welche Plattformen man in den Blick nehmen möchte. Da gehören insbesondere die Algorithmen mit ihren suchtfördernden Designs dazu, also dass Apps so gestaltet sind, dass die Nutzer so lange wie möglich am Bildschirm bleiben und sie aber auch Inhalten aussetzen, die gerade für Kinder schädlich sein könnten. Die Regierung hat hier teils eine drastische Sprache gewählt – so war etwa von „Raubtieralgorithmen, die Jagd auf Kinder machen“ die Rede. Damit war auch die Verantwortung für die Missstände sehr klar zugewiesen.
Wurden in der Politik auch Alternativen zu einem Verbot diskutiert?
Klar, diese Auseinandersetzung gab es und die gibt es auch jetzt noch, wo das Verbot schon längst in Kraft ist. Es gibt Stimmen, die statt einem Verbot einen differenzierteren Umgang mit dem Thema fordern. Aber ein bisschen ist die Debatte dann auch versandet. In Kraft trat das Verbot wenige Tage vor dem schrecklichen Anschlag am Bondi Beach, der die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit völlig absorbiert hat, danach war hier politische Sommerpause und jetzt stehen wieder andere Themen an.
Ich denke aber, dass das Thema weiter auf der Tagesordnung bleibt, vor allem die Frage, wie oder ob das Verbot überhaupt wirkt. Es gibt aber erkennbar das Verständnis dafür, dass es eine erste Maßnahme ist, die ganz sicher nochmal nachgesteuert wird. Aber wo das genau hinführt, wird man erst mit der Zeit sehen.
„Je zügiger sich die Koalition auf eine gemeinsame Linie einigt, desto besser“
Gibt es aus der Politik Pläne, die Wirksamkeit des Verbots zu evaluieren?
Ja, die gibt es. Bei der Kommission für Onlinesicherheit ist in Zusammenarbeit mit einem Expertengremium bereits eine Studie in 4.000 Familien angelaufen, wie sich das Verbot auswirkt. Am 10. Dezember 2027, zum zweiten „Jahrestag“ des Verbots, soll dann ein unabhängiger Ergebnisbericht vorliegen.
In Deutschland ist die Debatte um ein Social-Media-Verbot noch am Laufen. Was kann das Land in dieser Sache von Australien lernen?
Ich denke, dass in Australien zügig und entschlossen gehandelt wurde, ist der Knackpunkt. Man muss nicht alles bis ins letzte Detail durchplanen, bevor ein solches Verbot in Kraft treten kann – entscheidend ist, das Zeichen zu setzen. Insofern: Je zügiger sich die Koalition auf eine gemeinsame Linie einigt, umso besser. Zugegebenermaßen ist das in Deutschland komplexer als hier, da ja auch der europäische Rechtsrahmen eine Rolle spielt – trotzdem ist der Handlungswille das entscheidende Signal an die Bevölkerung.
Das andere, was entscheidend am australischen System ist, ist, dass weder die Kinder und Jugendlichen kriminalisiert werden, noch ihre Eltern. Es sind die Plattformen, die sicherstellen müssen, dass unter 16-Jährige sich kein Konto erstellen können. Sie sind alleine in der Verantwortung und können mit Strafen bis zu 30 Millionen Euro belangt werden, wenn sich die Schritte, die sie unternommen haben, als unzureichend erweisen.