Inland

Wohnungsnot: Bündnis warnt vor dramatischen Folgen

15. January 2026 17:31:42
Junge und alte Menschen leiden immer heftiger unter dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen in Deutschland, so das Bündnis „Soziales Wohnen“. Der Frust führe zu weiteren Verwerfungen in der Gesellschaft.
Eine Rentnerin steht in ihrer Wohnung

Besonders für ältere Menschen wird Wohnen zunehmend zu einer Existenzfrage.

Die Wohnungsnot treffe vor allem jene Gruppen, die auf dem Markt ohnehin kaum Chancen haben – junge Menschen, Ältere und Menschen mit Behinderungen. Das sagte Matthias Günther vom Pestel-Institut bei der Vorstellung des „Sozialen Wohn-Monitor 2026“ in Berlin. Azubis und Studierende seien gezwungen, einen Großteil ihres Einkommens für Miete aufzuwenden. „Studierende müssen im Schnitt 53 Prozent des Geldes, das sie im Monat zur Verfügung haben, fürs Wohnen ausgeben“, so Günther. Die Folge: Ausbildungsplätze blieben unbesetzt, weil junge Menschen keinen Wohnraum fänden.

Wohnen wird zur Existenzfrage

Das Pestel-Institut hat den Wohn-Monitor gemeinsam mit dem Bündnis „Soziales Wohnen” erstellt. Dazu gehören der Deutsche Mieterbund, die Industriegewerkschaft BAU, die Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie sowie zwei Akteure der Bauwirtschaft. Das Bündnis warnt, dem Wohnungsmarkt stehe ein „Sozial-Drama” bevor. Es fordert deshalb Programme für den Wohnungsbau in Universitäts- und Ausbildungsstädten sowie steuerliche Anreize für Unternehmen, die Azubi-Wohnungen schaffen.

Auch für viele ältere Menschen werde Wohnen zunehmend zur Existenzfrage, warnte Günther. Gerade die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer, die nun in Rente gehen, seien gefährdet. „Das ist nichts anderes als die Stadtvertreibung Älterer durch Wohnungsnot.“ Sinkende Einkommen und steigende Mieten führten zu „erzwungenen Umzügen durch Altersarmut“. Vielen künftigen Rentner*innen werde das Geld nicht für die hohen Mieten reichen. Folglich müssten sie Grundsicherung für sich beanspruchen.

Jede zehnte Sozialwohnung für Menschen mit Behinderung

Besonders drastisch sei die Lage auch für Menschen mit Behinderungen. Der „Soziale Wohn-Monitor“ spricht von einer strukturellen Ausgrenzung. Janina Bessenich, Geschäftsführerin der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie, forderte deshalb verbindliche Quoten: „Künftig soll jede zehnte Sozialwohnung gezielt Menschen mit Behinderung angeboten werden. Nur so kann der Zugang überhaupt sichergestellt werden.“

Neben den sozialen Folgen sieht das Pestel-Institut massive wirtschaftliche Risiken. „Der Wohnungsmangel hat sich in Deutschland längst zur Wirtschaftsbremse entwickelt“, sagte Günther. Fachkräfte fehlten, weil Wohnen in Ballungsräumen unbezahlbar sei. IG-BAU-Chef Robert Feiger brachte es zugespitzt auf den Punkt: „Es gibt keine wirtschaftliche Entwicklung ohne Wohnungsbau. Auf dem Startknopf für mehr Wachstum steht: Neubau von Wohnungen.“

Das Bündnis „Soziales Wohnen“ lässt seit sechs Jahren den Wohnungsmarkt analysieren. Positives hatte es seither kaum zu berichten. Der Bedarf steige ungebremst. Die Rede ist von einer neuen Eskalationsstufe. Die Studien-Autoren warnen vor einem sozialen Drama mit weitreichenden Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft. Nach Berechnungen des Pestel-Instituts fehlen bundesweit rund 1,4 Millionen Wohnungen – fast ausschließlich bezahlbare Wohnungen und insbesondere Sozialwohnungen. Eine Entlastung in den nächsten Jahren sei nahezu ausgeschlossen.

Sozialwohnungen decken Bedarf nicht

„Um das Wohnungsdefizit bis 2030 abzubauen, müssten gut 400.000 Wohnungen pro Jahr neu gebaut werden“, so Günther. Tatsächlich deute jedoch alles auf das Gegenteil hin: Sinkende Baugenehmigungen ließen erwarten, dass in den kommenden Jahren lediglich rund 200.000 Wohnungen jährlich entstehen. Im vergangenen Jahr wurden laut Institut etwa 220.000 Wohnungen fertiggestellt. Die Versuche, leerstehende Wohnungen zu reaktivieren, hätten bislang wenig gebracht.

Besonders alarmierend: Von den mehr als 23 Millionen Mieterhaushalten in Deutschland hätte rund die Hälfte Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein. Dem stehen jedoch nur noch etwa eine Million Sozialwohnungen gegenüber. Das Bündnis „Soziales Wohnen“ fordert deshalb eine Verdopplung des Bestands auf mindestens zwei Millionen Wohnungen. „Der soziale Wohnungsbau muss zur Chefsache werden – im Kanzleramt genauso wie in den Staats- und Senatskanzleien der Länder“, heißt es aus dem Bündnis.

Sozialer Wohnungsbau: Kritik an Förderpraxis des Bundes

Kritik übt das Bündnis zudem an der Förderpraxis des Bundes. Zwar stelle der Bund mehr Geld für den sozialen Wohnungsbau bereit, zahle dieses jedoch gestaffelt über mehrere Jahre aus. „Das lähmt die Neubau-Motivation“, heißt es in der Studie. Bund und Länder müssten in der Weitergabe der Fördermittel „ehrlicher zusammenarbeiten“. Gefordert wird eine schnelle Ad-hoc-Förderung sowie einfachere Baustandards. Als Vorbild gelten Projekte in Schleswig-Holstein, wo mit dem Prinzip des „erleichterten Bauens“ kostengünstige Sozialwohnungen entstehen.

Die Botschaft des Wohn-Monitors ist eindeutig: Ohne einen grundlegenden Kurswechsel droht sich die Wohnungsnot weiter zu verschärfen. Oder wie es das Bündnis formuliert: Die Warnsignale seien unübersehbar – ignorieren dürfe sie die Politik nicht länger.

SPD-Politiker Bollmann will Bauen beschleunigen

Hendrik Bollmann, bau- und wohnpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, erklärte in einem Statement: Der „Soziale-Wohn-Monitor” zeige einmal mehr die Dramatik auf dem deutschen Wohnungsmarkt. „Daher halten wir an den Vereinbarungen des Koalitionsvertrages fest, das Bauen zu beschleunigen, die Mittel für den sozialen Wohnungsbau zu erhöhen und das Mietrecht zu reformieren.” 

Mit Verweis auf den Koalitionsvertrag kündigte er an, das genossenschaftliche Wohnen zu stärken und die Wohngemeinnützigkeit wiederzubeleben. „Der ‚Soziale Wohn-Monitor‘ zeigt die fatale Entwicklung am Markt und unterstützt unseren Willen, mit Förderung und Regulierung dem Schrecken ein Ende zu setzen.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf demo-online

Autor*in
Uwe Roth

ist freier Journalist, unter anderem für die Stuttgarter Zeitung und die Deutsche Presseagentur. Er ist zudem Fachtexter für die Einfache Sprache/Plain Language.

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