Inland

Landtagswahl Sachsen-Anhalt: Julius Neumann klingelt weiter

25. August 2026 17:23:21
An 12.200 Türen hat Julius Neumann in Halle bereits geklopft. Der SPD-Kandidat und Fußball-Schiedsrichter setzt im Wahlkampf auf Zuhören statt großer Parolen. Gegen Frust und AfD-Erfolge will er mit konkreten Ideen ankämpfen. Reicht das?
Julius Neumann im Schiedsrichter-Outfit

Julius Neumann kandidiert für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

12.200 Türen haben Julius Neumann und sein Team in Halle bis Ende August schon geschafft. Die angekündigten 10.000 bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind damit weit übertroffen. Natürlich hat Neumann nicht so viele Gespräche geführt: Je nach Wohnlage und Uhrzeit öffnen nur zwischen 30 und 50 Prozent der Menschen, an manchen Tagen noch weniger. Für den Sozialdemokraten, der seit drei Jahren das rote Parteibuch hat, beginnt Politik dort, wo Menschen erzählen. „Ach, da ist wenigstens mal jemand, mit dem man reden kann“, hört er nach eigener Schilderung häufig.

Steigende Lebenshaltungskosten, besonders Mieten, Geld für Spielplätze oder Treffpunkte – das seien Themen, die Leute immer wieder nennen würden. Aus einem Ärger über drei Schlaglöcher vor dem Haus werde manchmal schnell eine größere Geschichte: Ich arbeite, zahle Steuern – warum funktioniert es nicht einmal, dass die Straße vor meinem Haus in Ordnung ist? Hinter dem konkreten Problem entdeckt Neumann oft tiefe Enttäuschung. „Das geht dann eine Ebene tiefer und hat mit fehlendem Vertrauen und Zutrauen in die Stadtgesellschaft zu tun“, erklärt er.

Wahlkampf Sachsen-Anhalt: Julius Neumann setzt auf Zuhören

Vielleicht passt das zu seinem zweiten Beruf. Der Wirtschaftsingenieur arbeitet selbstständig als Moderator für Nachhaltigkeit und Wissenschaftskommunikation. Auch dort stellt er Fragen und bringt in Diskussionen unterschiedliche Perspektiven zusammen. In der Politik möchte er diese Fähigkeit nutzen: „Ich glaube viele Missverständnisse und Diskussionen kämen gar nicht zustande, wenn sich die Menschen ehrlicher zuhören würden“, meint er.  

Er wirkt wie jemand, der Politik weniger als Bühne für sich allein, sondern als Vernetzungsaufgabe sieht. Für den Wahlkampf hat er sich Expertise geholt und einen Fachbeirat mit acht Expert*innen aus den Bereichen Wirtschaft und Soziales vorgestellt. Er will komplexe Sachverhalte sichtbar machen – und dann Entscheidungen treffen.

Was Schiedsrichter und Politiker verbindet

Der Fußballschiedsrichter in ihm dürfte dabei helfen. Seit mehr als zwölf Jahren steht Neumann ehrenamtlich auf dem Platz. „Das höchste Lob für einen Schiri ist, wenn du nach dem Spiel nicht erwähnt wirst. Dann hast du deinen Job einfach gut gemacht.“ Zwei Spieler, die sich streiten, zum Handschlag zu bewegen, liege ihm mehr als beiden die gelbe oder rote Karte zu geben. 

Im Fußball gibt es aber Situationen, in denen eine Entscheidung vergleichsweise eindeutig scheint. „Da zählt dann die Autorität des Schiedsrichters, um sich durchzusetzen.“ In der Politik dagegen gebe es mehr Grautöne. Wer dafür Lösungen finden wolle, müsse in mehrere Richtungen gleichzeitig denken.  

Sein politischer Leitbegriff heißt „enkelfeste Zukunft“. Eine Stadt soll so aufgestellt sein, dass Kinder und Jugendliche gut aufwachsen, bleiben, arbeiten und sich später selbst für ihre Stadt engagieren können. Dafür braucht es aus seiner Sicht Bildung, Spielplätze, Räume für junge Menschen – und eine Wirtschaft, die nicht nur kurzfristig funktioniert.

Dabei sind seine politischen Ziele für die Zukunft sehr konkret. Neumann ist im Stadtteil Ammendorf-Beesen aufgewachsen. Der Wahlkampf im Süden von Halle ist für ihn ein Heimspiel. Das dort gelegene Südstadtcenter ist für ihn mehr als ein heruntergekommenes Einkaufszentrum, das dichtmachen musste, nämlich ein örtlicher Treffpunkt. Gemeinsam mit Unterstützern hat er auf den Zustand des Centers aufmerksam gemacht und eine Petition auf den Weg gebracht, die mehr als 2.100 Unterschriften erhielt. Gerade ältere Menschen würden darunter leiden, wenn ein zentraler Ort wegfällt, sagt er.  

Julius Neumann will mehr bezahlbaren Wohnraum

Auch beim Wohnen wird Neumann präzise. Sachsen-Anhalt müsse die Bundesmittel für sozialen Wohnungsbau stärker kofinanzieren, ist er überzeugt. Nach seiner Rechnung könnte das Land, indem es 30 Millionen Euro einsetzt, zusätzliche 100 Millionen Euro für den sozialen Wohnungsbau ermöglichen. Eine Mietpreisbremse würde er ebenfalls gerne vorantreiben, auch wenn sie nicht im SPD-Wahlprogramm steht. Er meint: Politik müsse sich trauen, konkrete Versprechen und Visionen zu formulieren.

Neumann sieht darin eine wichtige Baustelle für die Zukunft in seiner Partei. Die SPD sei daran gewöhnt, Regierungspartei zu sein. Aus Angst, etwas zu versprechen, das später nicht gehalten werden könne, bleibe sie zu oft bei Formulierungen wie „gute Bildung“ oder „bezahlbarer Wohnraum“. Das sei seriös gemeint, aber politisch zu wenig. „Wir müssen uns an konkrete Ziele und Ideen rantrauen“, appelliert er.

Wie Neumann der AfD begegnen will

Sein Umgang mit dem Erstarken der AfD folgt demselben Prinzip. Seine Antwort auf die Frage, was ihn antreibt – in einer Situation, in der die SPD im Land auf fünf bis sieben Prozent hoffen kann und die AfD in den Umfragen bei mehr als 40 Prozent steht – bleibt greifbar: Probleme lösen, mit Menschen reden, zuhören. Er setzt darauf, dass einige, die sich von der Politik lange nicht angesprochen fühlten, auf die Präsenz vor ihrer Haustür reagieren.  

Am Ende ist es aber seine Heimat, für die er sich engagiert. „Ich glaube, der Stadtteil wird unterschätzt“, sagt er über den Süden Halles. „Für junge Leute ist hier nicht viel los, das Beste ist der Radweg in die Stadt“ witzelt er. Das will er verändern und bekommt auch Zuspruch. Vielleicht steckt darin sein politisches Programm: Nur weil die Welt kompliziert ist, ist Aufgeben keine Option. Also klingelt er weiter. 

Autor*in
Karin Billanitsch
Karin Billanitsch

Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.

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