Kritik an ARD und ZDF: „Es gibt Menschen, die für den ÖRR verloren sind”
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Viele Kritiker*innen werfen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor, nicht genügend politische Meinungsvielfalt zu bieten.
Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu attackieren und infrage zu stellen, zählt zur DNA der AfD und anderer Rechtsextremist*innen. Der Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer hat nachgewiesen, dass die Kritik von rechts an ARD, ZDF und Deutschlandradio weitgehend ins Leere läuft. Dennoch sollten die Sender mehr tun, um der gebotenen Ausgewogenheit und Meinungsvielfalt im Programm gerecht zu werden, sagt er im Interview. Damit könnten sie die Vorwürfe von rechts abwehren und auch in anderen Kreisen der Gesellschaft wieder mehr Vertrauen gewinnen.
Wann haben Sie das letzte Mal die Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) verfolgt?
Gestern. Ich tue das regelmäßig, weil ich auch durch meine wissenschaftliche Tätigkeit weiß, dass ich im ÖRR sehr wahrscheinlich auf objektivste, ausgewogenste und vielfältigste Weise informiert werde.
Der ÖRR steht zunehmend unter Druck. Von rechts wird der Vorwurf laut, konservative und rechte Positionen würden ausgegrenzt. Von linksorientierter Seite heißt es, die Berichterstattung folge zu sehr dem Blick der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Wie ist diese breite Front von Kritik und Misstrauen zu erklären?
Studien kommen in der Regel zu dem Ergebnis, dass der ÖRR im Großen und Ganzen Themen und Akteure relativ vielfältig und breit abbildet. Wir sehen aber tatsächlich, dass die Berichterstattung immer ein bisschen links der Mitte ist, aber nicht so extrem, wie das teilweise von Rechtsextremen behauptet wird.
Wer extreme Positionen vertritt, erwartet, dass die Medien so berichten, wie man selbst denkt. Wenn man zwei Menschen mit einem jeweils sehr rechten und sehr linken Standpunkt den gleichen Medienbeitrag zeigt, der komplett ausgewogen ist, dann werden beide sagen, er laufe der eigenen Perspektive zuwider.
Wolfram Weimer, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, hat ARD, ZDF und Deutschlandradio als politisch „links geneigt“ bezeichnet. Ihre Forschungsergebnisse scheinen den Befund zu bestätigen. Sehen Sie diese Tendenz leicht links der Mitte als Problem?
Das Problem ist nicht so groß, wie es gelegentlich gemacht wird, aber man muss es angehen. Der ÖRR ist per Medienstaatsvertrag zur Ausgewogenheit und Meinungsvielfalt verpflichtet und die Menschen müssen unabhängig von ihrem politischen Standpunkt Rundfunkgebühren zahlen. Von daher ist es wichtig, dass auch Menschen, die konservativ sind, in ähnlicher Weise wie Personen, die sich als progressiv betrachten, ihren Standpunkt im Fernsehen und im Radio wiederfinden.
Im besten Fall spielt die politische Einstellung der Journalist*innen keine Rolle.
Könnte es trotzdem sein, dass Weimer die politische Ausrichtung einzelner Journalist*innen mit der tatsächlichen Ausgewogenheit der Berichterstattung im ÖRR verwechselt?
Wir untersuchen allein die Medieninhalte. Im besten Fall spielt die politische Einstellung der Journalistinnen und Journalisten dabei überhaupt keine Rolle. Diese sollten in der Lage sein, von ihrer eigenen Sichtweise zu abstrahieren, wenn sie einen tatsachenbetonten Beitrag produzieren. Andererseits bedeutet die für das Gesamtprogramm gebotene Ausgewogenheit und Vielfalt bei Themen und Meinungen nicht, dass jeder Inhalt in sich ausgewogen sein muss.
Ein Gutachten für den Bayerischen Rundfunk findet keine Grundlage für pauschale Vorwürfe einseitiger Berichterstattung. Dennoch empfehlen Sie und die Co-Herausgeber*innen dem ÖRR ein Monitoring seiner Inhalte mit Blick darauf, verschiedene Positionen und Perspektiven zu berücksichtigen. Was soll damit erreicht werden?
Das Bundesverwaltungsgericht hat im Jahr 2025 entschieden, dass Menschen zukünftig möglicherweise ihre Rundfunkgebühren nicht mehr zahlen müssen, wenn sie nachweisen können, dass der ÖRR über einen längeren Zeitraum im Gesamtprogramm nicht die meinungsmäßige Vielfalt abbildet. Für den ÖRR ist das ein Problem, weil viele Leute aus diesem Grund klagen wollen. Solche Klagen wurden bislang nicht angenommen, aber es gibt zunehmend den Versuch, das Thema auf eine breitere Basis zu stellen.
Es besteht die reale Gefahr, dass der ÖRR vor Gericht nachweisen muss, dass derlei Vorwürfe nicht stimmen. Sollte eine Klage Erfolg haben, droht eine Wellenbewegung, sodass am Ende vielleicht nur noch die Hälfe der Nutzerinnen und Nutzer Rundfunkgebühren zahlt. Das würde für den ÖRR das Aus bedeuten. Mit einem systematischen Monitoring könnten sich die Sender gegen solche Angriffe wappnen.
Weimers Einschätzung fällt in eine Zeit, in der der ÖRR von rechts attackiert wird und diese Haltung auch in anderen Bereichen der Gesellschaft verfängt. Wie gefährlich ist es für die Demokratie, wenn ein Mitglied der Bundesregierung an ihrer vierten Säule, also den freien Medien, sägt?
Das kann man auch weniger dramatisch sehen. Weimers Aussage war vielleicht nicht sehr klug. Es geht aber ja nicht darum, dass er die freien Medien abschaffen will. Ohne Zweifel hat der ÖRR einen gewissen Reformbedarf. Die Sender müssen sparen und die Berichterstattung ein bisschen ausgewogener werden, und zwar nicht nur in den Nachrichten, sondern im Gesamtprogramm.
Den meisten Verantwortlichen im ÖRR ist das auch bewusst. Im besten Fall erbringt das Monitoring Daten, mit denen man die Vorwürfe entkräften kann. Diese hoffentlich positiven Ergebnisse könnte man in die Öffentlichkeit tragen und damit den Leuten sagen: Hier ist der wissenschaftliche Beleg, dass unser Programm nicht so unausgewogen ist wie von manchen vermutet.
Viele Menschen erwarten zumindest unbewusst, dass Medien ihnen ihren eigenen Standpunkt bestätigen.
Wenn die Forschung ein wesentlich differenzierteres Bild zeichnet als das „Staatsfunk“-Narrativ: Warum empfinden trotzdem so viele Menschen die öffentlich-rechtlichen Medien als politisch einseitig?
Viele Menschen erwarten zumindest unbewusst, dass Medien ihnen ihren eigenen Standpunkt bestätigen. Sie halten Beiträge, die so berichten, wie sie selbst denken, für glaubwürdiger und ausgewogener als Beiträge, die tatsächlich ausgewogen sind.
Die AfD hat sich sehr früh gegen den ÖRR in seiner jetzigen Form ausgesprochen und bringt das Thema immer wieder auf. Viele Menschen schauen sich Nachrichtensendungen in Sozialen Medien an und sezieren sie anschließend regelrecht danach, was sie einseitig und falsch fanden. Für einige, darunter auch Medienjournalisten, ist das fast schon zum Geschäft geworden. Manche betreiben reichweitenstarke Blogs, die sich nichts anderem widmen, als Berichte des ÖRR nach ihren eigenen Kriterien zu zerpflücken.
Das Narrativ vom „Staatsfunk“ hat auch damit zu tun, dass die Sender politisch besetzte Gremien wie den Rundfunkrat haben. Viele leiten daraus ab, dass die Politik ins Programm eingreift. Das ist aber gar nicht der Fall. Der Rundfunkrat ist eine Kontrollinstanz. Niemand dort schreibt den Journalistinnen und Journalisten vor, wie sie ihre Berichte zu machen haben. Hier müsste man den Menschen vielleicht auch besser erklären, wie solche Gremien funktionieren.
Was müsste der ÖRR tun, damit Menschen, die ihm heute grundsätzlich misstrauen wieder bereit sind, ihm zuzuhören – ohne dass Medienschaffende ihre professionellen Maßstäbe aufgeben?
Einen großen Teil des Problems könnten die Journalisten lösen, indem sie zwei ureigenen Maßstäben gerecht werden: Ausgewogenheit und Vielfalt in Bezug auf Akteure und Meinungen. Das sind zugleich zentrale Anforderungen, die an den ÖRR gerichtet sind. Wenn er diesen gerecht wird, wird er wieder mehr Menschen mitnehmen, die ihn jetzt im Augenblick eher kritisch sehen. Zugleich kann man versuchen, einige der Menschen zurückzuholen, die ihn gar nicht mehr nutzen. Das wird aber nicht bei allen gelingen. Es gibt natürlich auch Menschen, die für den ÖRR verloren sind.
Was braucht es darüber hinaus?
Die Programmverantwortlichen tun schon viel. Nicht nur im Programm selbst, sondern auch, indem sie aufs Land fahren, dort mit Menschen diskutieren und erklären, wie der ÖRR funktioniert und wozu er gut ist. Zudem gibt es in einigen Städten Pop-up-Studios, in denen Bürger eingeladen werden, Teil des Programms zu sein. All dies steht und fällt aber damit, sich an die eigenen Anforderungen zu halten. Das gelingt schon ganz gut, aber es muss noch ein bisschen besser werden.
Experte für politische Kommunikation
Marcus Maurer ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Kommunikation am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Mai 2026 legte er mit zwei weiteren Professor*innen das Gutachten „Vielfalt und Ausgewogenheit als Maßstab von Medienqualität“ vor. Es war im Auftrag des Bayerischen Rundfunks entstanden und ist hier zu finden.