Jusos und SPD Heidelberg decken auf: Deutscher Investor in Epstein-Files
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In der „Epstein-Library“ kann jede*r die freigegebenen Epstein-Akten online durchsuchen - die Jusos und die SPD Heidelberg deckten so einen Skandal in ihrer Stadt auf.
Ein Großinvestor einer Stadt beteiligt sich über viele Jahre mit mehreren Millionen Euro am Bau von Gebäuden und Spielplätzen und prägt so einen ganzen neuen Stadtteil maßgeblich mit. Er erhält eine Ehrensenatorwürde der Universität, das Bundesverdienstkreuz, eine Straße wird ihm zu Ehren benannt. Dann kommt raus: Dieser Großinvestor war mit einem verurteilten Sexualstraftäter mindestens gut bekannt, möglicherweise sogar befreundet.
Jusos und SPD decken Heidelberger Epstein-Verbindung auf
Genau dieser Skandal bewegt die Stadt Heidelberg im Südwesten Deutschlands seit Mitte Februar. Im Zentrum steht Henry Jarecki, Mäzen der Stadt, der offenbar eine Verbindung zum verurteilten US-amerikanischen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hatte. Das legen in den sogenannten Epstein-Files enthaltene E-Mails nahe, in denen sich die beiden Männer auch informell austauschen. Jarecki investierte über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren immer wieder hohe Geldsummen in die Heidelberger Stadtentwicklung und zuletzt nach Angaben des SWR allein 60 Millionen Euro in den Bau eines Wissenschaftscampus.
Dass diese Verbindung öffentlich wurde, ist das Verdienst der Jusos und der SPD Heidelberg. Daniel Hauck, Lehrer und Stadtrat und Paul Groebler, einer der Sprecher der Jusos Heidelberg, waren maßgeblich für die Recherche mit verantwortlich. Im Interview mit dem „vorwärts“ erklären sie, was den Fall so brisant macht und warum sie finden, dass Recherchearbeiten wie ihre der SPD zu neuer Glaubwürdigkeit verhelfen können.
Wie kamen Sie auf die Idee, die Epstein-Verbindungen von Henry Jarecki zu recherchieren?
Daniel Hauck: Ich habe Anfang Februar von einem Bekannten den Hinweis bekommen, dass es eine Anklage gegen Jarecki gab, aus der auch hervorging, dass er mit Jeffrey Epstein bekannt war. Diese Anklage wurde zwar mittlerweile wieder zurückgezogen, es gab also nichts, was daran juristisch relevant wäre, aber ich habe dadurch überhaupt von der Verbindung zwischen Jarecki und Epstein erfahren.
Ein paar Tage später ging es in meinem Informatikunterricht um die Website des US-Justizministeriums, auf der die Epstein-Files veröffentlicht wurden. Da kam mir dann der Gedanke, einfach mal nach dem Namen von unserem Großinvestor darin zu suchen – weil ich eben diese Verbindung im Kopf hatte.
Die Suche hat offensichtlich einige Ergebnisse hervorgebracht.
Hauck: Ja, das waren direkt 666 Treffer – eine riesige Datenmenge. Ich habe dann direkt angefangen, die E-Mails durchzulesen. Manche waren absolut nichtssagend, manche etwas merkwürdig, gerade wenn es um irgendwelche Medikamente zur Potenzsteigerung ging und so. Aber als Nicht-Muttersprachler fand ich es schwierig, die Kommunikation im Detail einzuschätzen.
Ein paar Tage später habe ich Paul bei einer Parteiveranstaltung getroffen und ihm davon erzählt und er hatte Lust und gerade auch die Kapazitäten, diese 666 Dateien zusammen mit anderen mal gründlich durchzugehen. Und dabei haben sie dann diese vier sehr deutlichen E-Mails gefunden.
Mitte Februar haben dann die Jusos Heidelberg ein Video auf Instagram zu den Recherchen veröffentlicht, das auch überregional für Aufmerksamkeit gesorgt hat.
Hauck: Genau, also die Jusos haben das für ihren Kanal aufbereitet, und ich gemeinsam mit Sören Michelsburg, unserem Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, für den Kanal der SPD Heidelberg. Wir haben dann gleichzeitig veröffentlicht.
„Die Anklage in dem Fall liest sich wie ein Horrorfilm“
Viele Namen in den Epstein-Files werden jedoch in ganz beliebigen Kontexten erwähnt und geben keinen Hinweis auf moralisch oder rechtlich fragwürdige Handlungen. Was macht den Fall Jarecki so brisant?
Paul Groebler: Das lässt sich auf zwei Ebenen herunterbrechen. Zum einen zeigen die E-Mails und Bilder der beiden auf Epsteins Insel, dass Jarecki und Epstein befreundet gewesen sein müssen oder sich mindestens gut kannten – und das auch nach der ersten Verurteilung von Jeffrey Epstein wegen Prostitution einer Minderjährigen im Jahr 2008. Am Tag von Epsteins Entlassung hat ihm Jarecki eine E-Mail geschickt in der Sätze wie „Der König ist zurück“ und „Ich hoffe, du kommst nie zur Besinnung. Wann ist die Party?“ standen. Das klingt für mich nach einem extrem unkritischen Umgang mit Epstein als Person.
Der andere Punkt – der aus einer Opferperspektive noch mehr heraussticht – sind die Vorwürfe gegen Jarecki selbst. 2024 wurde er vor einem New Yorker Zivilgericht von einer Frau wegen mehrfacher Vergewaltigung und Freiheitsberaubung angeklagt. Die Anklage in dem Fall liest sich wie ein Horrorfilm. Jarecki ist Psychiater und soll die Informationen, die er in dieser Rolle über die Klägerin bekommen hat gegen sie verwendet haben, sie überwacht und kontrolliert und sie über Monate fast täglich vergewaltigt haben. 2025 hat sie diese Klage zurückgenommen, warum ist allerdings unklar, da kann man nur spekulieren.
Trotz aller Brisanz wurde Ihnen auch unterstellt, die Recherchen wären vor allem parteipolitisch motiviert, da Sie sie wenige Wochen vor der Landtagswahl öffentlich gemacht haben.
Hauck: Das haut kaum hin. Denn klar, an die Öffentlichkeit gegangen sind wir ein paar Wochen vor der Landtagswahl. Aber der erste Hinweis, der das alles ins Rollen gebracht hat, kam ja schon früher, Anfang Februar. Nur braucht so eine Recherche eben auch Zeit, man will sich ja auch nicht angreifbar machen oder unvorsichtig kommunizieren. Da geht es ja auch um Rechtssicherheit – und nicht um die nächsten Wahlen.
Groebler: Davon abgesehen spielt Parteipolitik bei so großen Themen wie Kinderschutz und Opferschutz auch einfach keine Rolle. Da geht es darum, dass die Fakten auf den Tisch kommen. In Artikel 21 des Grundgesetzes steht, dass auch die Parteien bei der politischen Willensbildung des Volkes mitwirken sollen. So eine Recherche ist doch das Paradebeispiel dafür, denn das Thema bewegt die Leute in Heidelberg wirklich, und hat bundesweit mediale Aufmerksamkeit bekommen. Und ich denke, wir als SPD können da einiges daraus lernen – vor allem, wie wichtig es ist, einen guten Draht zu den Bürgerinnen und Bürgern zu haben.
Welche Reaktionen gab es denn aus der Gesellschaft?
Groebler: Wir haben da mit unserer Recherche anscheinend echt einen Nerv getroffen. An den Infoständen werden wir viel darauf angesprochen, manche Leute erzählen, dass sie die SPD eigentlich nicht wählen würden, aber jetzt mit dem Gedanken spielen. Andere erzählen uns, dass sie das was wir tun sehr schätzen. Es ist fast, als hätten wir die ganze verlorene Glaubwürdigkeit der letzten Jahre wieder zurückgeholt. Und natürlich wünschen sich die Leute eben auch, dass die ganze Sache aufgeklärt wird.
Hauck: Dadurch, dass wir das alles zuerst auf Social Media veröffentlicht haben, hat es natürlich auch nochmal ganz andere Leute erreicht. Das war ein großer Vorteil, weil die ganze Sache so viel schneller hohe Wellen geschlagen hat. Wir hatten da echt Glück, dass die Jusos hier so ein gutes Social-Media-Team haben, die das super umgesetzt haben.
Henry Jarecki leidet nach Aussage eines Sprechers seiner Stiftung mittlerweile an fortgeschrittener Demenz und ist daher nicht ansprechbar – der Fall wird also kaum abschließend geklärt werden können. Warum ist es Ihnen trotzdem wichtig, dass das Thema in Heidelberg aufgearbeitet wird?
Hauck: In dem Moment, wo solche Vorwürfe öffentlich werden, hat eine Stadt die Verantwortung, genau hinzuschauen, wessen Geld man hier angenommen hat. Dasselbe gilt für die Universität Heidelberg, die ihm die Ehrensenatorwürde verliehen hat und das Bundespräsidialamt, das ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen hat. Das muss alles aufgearbeitet werden.
Wenn ein Mäzen einer Stadt in so einem Kontext auftaucht, muss das aufgearbeitet werden. In dem Moment, wo eine Stadtgesellschaft so etwas totschweigt, stärkt das ja nur solche Netzwerke und den Eindruck, dass die tun und lassen können, was sie wollen. Aus meiner Sicht kann eine Stadt mit so jemandem keine Geschäfte machen.
„Aus einer sozialdemokratischen Sicht finde ich es wichtig, dass wir Opfern glauben“
Groebler: Aus einer sozialdemokratischen und feministischen Sicht finde ich es auch einfach erst einmal wichtig, dass wir Opfern glauben – ganz grundsätzlich, auch wenn es gerade keine gesicherten Beweise gibt. Und da nach wie vor nur ein Teil der Epstein-Files öffentlich ist, kann es eben auch sein, dass in den Akten, die vom US-Justizministerium weiterhin zurückgehalten werden, noch mehr Mails zwischen Jarecki und Epstein enthalten sind, die vielleicht noch klarer aussagekräftig sind. Das weiß man derzeit einfach nicht.
Und klar, Henry Jareckis Sprecher hat erklärt, dass Jarecki nicht mehr aussagefähig ist wegen seiner Demenz. Was man dazu allerdings auch wissen muss: Noch im Oktober 2025, also gerade mal vor etwa fünf Monaten, hat die CDU-Landtagskandidatin Nicole Huber sich mit Jarecki in seinem Büro getroffen. Davon gibt es Fotos auf ihrem Instagram-Account. Jarecki wirkt da fit, er lächelt, schaut in die Kamera, scheint an dem Gespräch teilzunehmen.
Wie hat die Stadt bisher auf Ihre Recherchen reagiert?
Groebler: Absolut unzureichend. Sowohl die Stadt, als auch die Uni, als auch das Bundespräsidialamt verstecken sich bisher hinter juristischer Argumentation. Sie sagen, solange Jarecki nicht für schuldig befunden wurde, können sie nicht an die Ehrenauszeichnungen ran, oder die Geschäftsbeziehungen beenden.
Ich persönlich habe da kein Verständnis für. Aus den vorhandenen Fakten kann man sich doch ein Bild machen und sich auf Basis dessen überlegen, ob beispielsweise Geschäftsbeziehungen mit diesem Menschen zu den Werten der Stadt passen oder nicht. Da ist der Stand der strafrechtlichen Ermittlungen nicht relevant für.
„Auch die Strukturen der von Henry Jarecki gegründeten Stiftung sind ziemlich undurchsichtig“
Die SPD-Fraktion im Gemeinderat hat außerdem einen offenen Brief an den parteilosen Oberbürgermeister von Heidelberg, Eckart Würzner, geschrieben, und fordert darin mehr Transparenz über die Geschäftsbeziehungen zwischen der Stadt Heidelberg und Jarecki fordert. Gab es darauf schon eine Reaktion?
Hauck: Nein, da ist mir nichts bekannt. Am Mittwoch haben wir die nächste Gemeinderatssitzung – ich hoffe, dass wir da Informationen bekommen, aber auch dazu ist offiziell noch nichts bekannt. Es wäre aber wirklich wichtig, zu klären, mit wem die Stadt hier genau zusammenarbeitet, von welcher Stelle genau diese hohen Millionenbeträge kommen, die hier in die Forschung und Stadtentwicklung investiert werden. Denn auch die Strukturen der von Henry Jarecki gegründeten Max-Jarecki-Stiftung sind ziemlich undurchsichtig – es gibt nicht einmal eine Website.
Wann wäre der Fall aus Ihrer Sicht ausreichend aufgeklärt?
Hauck: Wir sind was das angeht in der Gemeinderatsfraktion gerade noch dabei, uns zu sortieren. Wir haben ja in unserem offenen Brief viele Punkte genannt, da wollen wir natürlich, dass die alle beantwortet werden. Aber wann genau diese Antworten ausreichend sind, ist natürlich eine andere Frage. Das wird sich zeigen.
Groebler: Auf Heidelberger Ebene ist das Ganze aus meiner Sicht dann ausreichend aufgeklärt, wenn unsere Forderungen umgesetzt sind, also Jareckis Ehrensenatorwürde durch die Uni aberkannt wurde und die Beziehungen zu ihm aufgekündigt wurden. Dann hat er in Heidelberg keine Bedeutung mehr.
Was man dabei aber nicht vergessen darf, ist, dass Henry Jarecki kein Einzelfall sein wird. Wir haben damit jetzt den ersten Player mit Verbindungen nach Deutschland in den Epstein-Files. Das nur für sich zu betrachten, würde zu kurz greifen – wir stehen hier vor einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, das System Epstein in Deutschland aufzuklären, und zwar lückenlos. Und da muss auch die Bundesregierung ihren Beitrag zu leisten.
Danke für das Interview! Wir haben uns sehr gefreut, dass wir über unsere Recherche berichten konnten!
arbeit liegen, denn was da aufgedeckt wird, ist doch systematisch. Andere mögen argwöhnen, ein Großinveestor habe mit einem anderen Großinvestor in Kontakt gestanden (was keine Überraschung wäre) , so wie es wohl auch Kontakte zwischen Geschäftsbanken gibt. Ich teile diesen Argwohn nicht. Solche Dinge müssen öffentlich gemacht werden. Die Öffentlichkeit wartet auf solche Meldungen, und erwartet sie insbesondere von der SPD