Inland

Junge Menschen und Politik: Wie Social Media ihr Weltbild prägen

25. August 2026 14:05:50
TikTok, Instagram und YouTube prägen zunehmend, wie junge Menschen Politik und Gesellschaft wahrnehmen. Eine Politikwissenschaftlerin erklärt, warum demokratische Parteien die digitalen Räume oft nicht ausreichend erreichen.
Demonstrant gegen Rechts hält ein Schild mit der Schrift: Du hast eine schöne Stimme. Geh wählen!

Wie können junge Menschen dazu animiert werden, demokratische Parteien zu wählen? Eine Politikwissenschaftlerin erklärt den Einfluss von Social Media.

Welche politischen und gesellschaftlichen Themen beschäftigen junge Menschen derzeit besonders?

Die Lebenswelten und politischen Interessen junger Menschen unterscheiden sich sehr stark. Was wir aber beobachten können, ist, dass Themen wie soziale Gerechtigkeit, Zukunfts- und Existenzsorgen, Klimawandel, Krieg und internationale Konflikte, Migration, Geschlechterrollen und Fragen von Zugehörigkeit eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig hat sich fundamental verändert, wo und wie junge Menschen mit diesen Themen in Berührung kommen. 

Politische Sozialisation findet heute zu einem erheblichen Teil auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube statt. Soziale Medien sind zu mächtigen Sozialisationsinstanzen geworden. Sie vermitteln jungen Menschen Vorstellungen davon, was normal ist, wem man vertrauen kann, zu welcher Gruppe man gehört und wie Gesellschaft funktioniert. Deshalb können wir die politischen Einstellungen junger Menschen heute nicht verstehen, ohne die Funktionsweise sozialer Medien mitzudenken.

Haben junge Menschen, insbesondere Erstwähler*innen, den Eindruck, dass demokratische Parteien ihre Anliegen ernst genug nehmen?

Viele junge Menschen erleben hier eine Diskrepanz. Sie interessieren sich durchaus für gesellschaftliche und politische Fragen, haben aber nicht unbedingt das Gefühl, dass die etablierten politischen Institutionen ihre Lebenswelt verstehen. Das betrifft nicht nur politische Inhalte, sondern auch die Art der Kommunikation. Junge Menschen bewegen sich in digitalen Räumen, in denen Kommunikation unmittelbar, emotional, persönlich und stark auf Zugehörigkeit ausgerichtet ist. Demgegenüber erscheinen klassische politische Institutionen häufig langsam, abstrakt und weit entfernt. Problematisch wird es, wenn andere Akteure genau diese Lücke füllen. Populistische und extremistische Akteure haben teilweise sehr gut verstanden, wie soziale Medien funktionieren: Sie bieten einfache Erklärungen, starke Emotionen und vor allem Gemeinschaft und Identität.

Warum gelingt es politischen Institutionen und Parteien häufig nicht, junge Menschen dauerhaft anzusprechen?

Ein zentraler Fehler besteht meines Erachtens darin, soziale Medien allein als zusätzlichen Kommunikationskanal zu betrachten. Plattformen sind keine neutralen Kanäle. Sie folgen eigenen Logiken, die immer wieder neu definiert werden. Algorithmen entscheiden mit darüber, welche Inhalte sichtbar werden. Somit ist das, was Nutzer auf den Plattformen zu sehen bekommen, eben kein repräsentativer Querschnitt dessen, was gepostet wird. Emotionalisierende, polarisierende oder provokante Inhalte werden viel häufiger und schneller nach oben gespült, das wissen wir auch bereits sicher aus der Forschung. 

Hinzu kommt, dass es Jugendlichen in sozialen Medien häufig nicht primär um Politik geht. Vielmehr suchen sie dort Freundschaft, Anerkennung, Selbstwert, Orientierung und Zugehörigkeit. In vermeintlich unpolitische Posts werden häufig politische Botschaften eingebettet. Ein Video über Fitness, Beziehungen oder Männlichkeit kann beispielsweise schrittweise politische Vorstellungen transportieren, ohne zunächst als politischer Inhalt wahrgenommen zu werden. Darauf sind unsere politischen und pädagogischen Institutionen bislang nur unzureichend vorbereitet.

Nina Kolleck

ist Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam.

Nina Kolleck

Wie kann Enttäuschung über Politikangebote dazu beitragen, dass junge Menschen populistische oder extreme Parteien unterstützen?

Enttäuschung allein führt natürlich nicht automatisch zu Extremismus. Wir müssen sehr aufpassen, junge Menschen hier nicht pauschal zu pathologisieren, zumal der Extremismus insbesondere auch in der älteren Bevölkerung steigt. Die Enttäuschung von Bürgern und auch jungen Menschen kann eine Offenheit für alternative Deutungsangebote schaffen. Soziale Medien verstärken solche Prozesse. Wer das Gefühl hat, nicht gehört zu werden, Anerkennung zu vermissen oder gesellschaftlich keinen Platz zu finden, kann besonders empfänglich für Angebote sein, die klare Zugehörigkeit und einfache Erklärungen versprechen. 

Radikalisierung verläuft dabei sehr subtil. Junge Menschen gelangen über scheinbar harmlose Inhalte in digitale Milieus, in denen bestimmte Weltbilder nach und nach normalisiert werden. Empfehlungen führen zu ähnlichen und teilweise immer zugespitzteren Inhalten. Deshalb spreche ich von einem Kampf in den Köpfen. Denn lange bevor ein Kreuz auf einem Wahlzettel gesetzt wird, ist politisch bereits Entscheidendes passiert. Es hat sich herausgebildet, wie junge Menschen auf die Welt blicken, was sie für wahr und falsch halten, wem sie vertrauen und wem sie misstrauen – und vor allem, wo sie das Gefühl haben, dazuzugehören. Wer diese Deutungen, Emotionen und Zugehörigkeiten prägt, prägt am Ende auch unsere Demokratie.

Was müsste passieren, damit junge Menschen sich politisch stärker engagieren?

Wir müssen jungen Menschen zunächst echte Erfahrungen von Selbstwirksamkeit ermöglichen. Beteiligung darf nicht bedeuten: Wir fragen Jugendliche nach ihrer Meinung, nachdem die wesentlichen Entscheidungen bereits getroffen worden sind. Wer früh erlebt, dass die eigene Stimme tatsächlich etwas verändert, entwickelt ein anderes Verhältnis zu demokratischen Prozessen. Gleichzeitig müssen wir politische Bildung neu denken. Medienbildung und politische Bildung lassen sich heute kaum noch voneinander trennen. Es reicht nicht, jungen Menschen zu erklären, wie der Bundestag funktioniert. Sie müssen auch verstehen, warum ihnen bestimmte Inhalte angezeigt werden, wie Algorithmen Aufmerksamkeit steuern, wie Desinformation funktioniert und warum bestimmte Botschaften emotional so wirksam sind. Wir sollten jungen Menschen dabei nicht einfach sagen, was sie denken sollen. Wir müssen ihnen Werkzeuge geben, mit denen sie selbst beurteilen können, warum sie etwas sehen, wer davon profitiert und welche Mechanismen hinter einem Inhalt stehen.

Wie wichtig ist frühe Beteiligung, und ab welchem Alter sollte politische Mitbestimmung beginnen?

Frühe Beteiligung ist aus meiner Sicht sehr wichtig. Demokratie muss von Anfang an erfahren und gelernt werden, damit sie später auf mündigen Bürgern bauen kann. Kinder machen sehr früh Erfahrungen damit, ob ihre Stimme zählt, ob Erwachsene ihnen zuhören und ob sie Entscheidungen mitgestalten können. Deshalb sollte Beteiligung deutlich vor dem Wahlalter beginnen – in Familien, Kitas, Schulen, Vereinen, Sportstätten und Kommunen.  Gerade im digitalen Zeitalter ist das besonders wichtig. 

Kinder kommen heute sehr früh mit gesellschaftlichen Deutungen, politischen Botschaften und teilweise auch Desinformation in Kontakt. Wenn politische Sozialisation früher beginnt, muss auch demokratische Bildung und Beteiligung früher beginnen. Dabei sollten wir die Debatte über junge Menschen nicht auf Bildschirmzeiten oder Smartphoneverbote reduzieren. Die entscheidendere Frage lautet: Wer prägt die Identität und die Weltbilder der nächsten Generation – und welche Rolle spielen Familie, Schule, demokratische Institutionen und Zivilgesellschaft noch, wenn digitale Plattformen immer stärker diese Funktionen übernehmen?

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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Autor*in
Karin Billanitsch
Karin Billanitsch

Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.

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