Islamismus-Experte nach CSD: „Es gibt eine Verjüngung im Terrorismus“
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Große Anteilnahme nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin: Wie können solche Taten künftig verhindert werden?
Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin, bei dem eine Frau starb und sieben Menschen schwer verletzt wurden, stellt sich die Frage, wie solche Taten verhindert werden können. Der 21-jährige islamistische Attentäter wurde nach der Tat von der Polizei erschossen.
Das gemeinnützige Violence Prevention Network (VPN) kümmert sich um Personen, die bereits tief in das gewaltbereite islamistische Milieu abgerutscht sind, ist aber auch präventiv tätig. Die Organisation stand auch kurz mit dem Täter von Berlin in Kontakt. Der „vorwärts“ hat mit dem Deradikalisierungsexperten und VPN-Geschäftsführer Thomas Mücke gesprochen.
Islamismus: „Zuerst werden emotionale Bedürfnisse angesprochen – die Ideologie kommt danach.“
Das Violence Prevention Network kümmert sich um radikalisierte und gefährdete Menschen. Wie entsteht Radikalisierung Ihrer Erfahrung nach?
Jeder Fall ist sehr individuell. Aber wir stellen eine starke Rekrutierung bei jungen Menschen fest. Eine Studie von Peter Neumann zu Radikalisierungsprozessen zeigt, dass bei den islamistischen Anschlägen und Anschlagsversuchen in Westeuropa 2023 und 2024 zwei Drittel der Personen zwischen 13 und 19 Jahren alt waren. Es gibt eine Verjüngung im Terrorismus.
Bei Jugendlichen sind die Ursachen vielfältig. Sie sind zuerst nicht ideologisch motiviert, sondern aufgrund emotionaler und sozialer Herausforderungen affin für die Angebote der extremistischen Szene. In dieser Phase ihres Lebens wissen sie nicht, wie sie sich dem entgegenstellen sollen. Das ist beim Rechtsextremismus ähnlich. Die Szene bietet klare Antworten, absoluten Wahrheitsanspruch, Sicherheit, Zugehörigkeit, Anerkennung und Gemeinschaftsgefühl. Zuerst werden emotionale Bedürfnisse angesprochen – die Ideologie kommt danach.
Warum sind junge Menschen besonders anfällig für Extremismus?
Extremisten arbeiten mit enormen Manipulationsversuchen. Da fehlt es an Resilienz. Sie werden von Gesellschaft, Familie und Freundeskreis entfremdet und bleiben in ihrer Echokammer. Es wird Gehorsam zur Ideologie gefordert, sodass eigenständiges Denken sich immer mehr verliert. Islamistische Influencer im Internet gehen auch auf Alltagsprobleme ein, mit denen junge Menschen manchmal völlig überfordert sind.
„Früher gab es Orte, wo sich extreme Islamisten trafen und in Hinterzimmern Begegnungen stattfanden. Heute ist das Internet die breite Ansprache.“
Welche Rolle spielen das Internet, Social Media im Vergleich etwa zu Moscheen?
Früher gab es Orte, wo sich extreme Islamisten trafen und in Hinterzimmern Begegnungen stattfanden. Heute ist das Internet die breite Ansprache. Junge Menschen sind digitalaffiner als die Erwachsenenwelt. Wenn sie einmal in der Glocke sind, kommen sie aufgrund Algorithmen nicht mehr heraus. In der erwähnten Studie radikalisierten sich über 90 Prozent der Attentäter online. Internet und Social Media sind ein großes Problem, weil Techkonzerne von sich aus nichts regulieren.
Wie sollte eine Regulierung aussehen?
Ich war 2025 in der Taskforce Islamismusprävention des Bundesinnenministeriums. Im Mai 2025 haben wir Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung gegeben. Wir haben uns mit zwei Fragen beschäftigt: Was können wir im Online-Bereich machen? Und: Wie kann man die praktische Zusammenarbeit und den Informationsaustausch zwischen Behörden und zivilgesellschaftlichen Trägern verbessern?
„Es geht um Kinder- und Jugendschutz, nicht nur um Extremismus.“
Unsere Empfehlung war klar: Nutzung sozialer Plattformen erst ab 16 Jahren. Es geht um Kinder- und Jugendschutz, nicht nur um Extremismus. Regulierung allein reicht aber nicht aus. Man muss die Zeit der Altersregulierung nutzen, um junge Menschen resilient und fit gegen extremistische Beeinflussung und Manipulation zu machen.
Eltern bekommen oft gar nicht mit, in welchen Kanälen sich ihre Kinder bewegen. Müsste nicht auch hier angesetzt werden?
Ja, entscheidend ist die Kompetenz von Eltern. Es fehlt digitale Aufmerksamkeit der Erwachsenengeneration. Deren Medienkompetenz ist nicht so stark. Sie kriegen oft nicht mit, was da passiert. Das heißt nicht, dass Eltern ihre Kinder eins zu eins kontrollieren sollen, sondern sie sollen wissen, welche Gefahren da sind und die Fähigkeit haben, mit Kindern darüber zu reden.
Früher war es auffällig, wenn sich junge Menschen der Szene zugeordnet haben. Ihr Wesen, Alltagsrituale und Freundeskreise veränderten sich. Das haben Eltern natürlich mitbekommen. Heute sind diese Kids im Alltag der realen Welt gar nicht mehr auffällig, aber in der digitalen Welt stark im extremistischen Milieu eingebunden.
Wo kann man bei der Präventionsarbeit konkret ansetzen?
Wir haben ein Elternprojekt mit Elternvertretern, um Eltern für dieses Thema zu öffnen. Es geht darum, das soziale Umfeld fit zu machen.
„Wir haben keinen Wahrheitsanspruch. Ich möchte, dass Menschen wieder Fragen stellen dürfen.“
Es gibt auch anlassbezogene Prävention. Wenn es im schulischen Bereich zu Konflikten kommt, etwa bei Themen wie Religionsfreiheit oder Nahost-Konflikt, kann man uns hinzuziehen. Wir nutzen die Möglichkeiten, schwierige Diskurse zu führen. Dabei erfahren wir manchmal, dass jemand schon intensiver im Radikalisierungsprozess ist. Dann können wir ihn konkret ansprechen und in unsere Beratung überführen.
Wir sind darauf eingestellt, solche Diskurse zu führen und wissen, wie man erreicht, dass Menschen sich wieder mit anderen Sichtweisen auseinandersetzen. Wir haben keinen Wahrheitsanspruch. Ich möchte, dass Menschen wieder Fragen stellen dürfen.
Sie unterstützen auch Menschen bei der Deradikalisierung und helfen beim Ausstieg. Was bringt jene, die gezielt zu Ihnen kommen, zu diesem Schritt?
Unsere Arbeit funktioniert nur so, dass wir Hinweise bekommen. Eltern, Schule, Vertrauenslehrer oder Jugendhilfeeinrichtungen melden sich. Von der Polizei bekommen wir viele Hinweise. Aber sehr oft sind es Familienangehörige, die uns kontaktieren.
Dann gehen wir zu der Person, die uns angerufen hat. Das geht sehr schnell. Wir prüfen, ob es ein problematischer Sachverhalt ist – und besprechen die nächsten Schritte. Das endet immer so, dass wir mit der betreffenden Person Kontakt aufnehmen, eine Vertrauensbeziehung aufbauen und einen Arbeitsprozess starten, der zwei bis drei Jahre dauern kann. Wir haben eine Beratungshotline, bei der man rund um die Uhr anrufen kann. Auch Beratungsstellen der Bundesländer haben eine Hotline.
„Wir brauchen Aufmerksamkeit bei jungen Menschen, wenn es ihnen nicht gut geht. Das ist der häufigste Grund, warum sie sich radikalisieren.“
Wie war es im Fall des Täters in Berlin?
Den Fall haben wir Ende Mai zugewiesen bekommen. 26 Gespräche sollten durchgeführt werden im Rahmen eines Gerichtsurteils. Mit dem Täter gab es nur zwei Gespräche. Der dritte Termin hat nicht mehr stattgefunden. Mittlerweile weiß man viel über diese Person. Mich ärgert, dass wir über den Täter mehr wissen als über die Opfer. Hier war es ein Radikalisierungsprozess über viele Jahre, der Spuren hinterlassen hat. Aber es kam kein Hinweis rein – erst am Endpunkt, als er sich für den Anschlag entschieden hatte.
Wir brauchen Aufmerksamkeit bei jungen Menschen, wenn es ihnen nicht gut geht. Das ist der häufigste Grund, warum sie sich radikalisieren. Wenn wir merken, hier stimmt was nicht, sollte man professionelle Beratungsstellen schnell in Anspruch nehmen. Nach dem Anschlag kommen verstärkt Falleingänge auf der Hotline rein. Die Menschen merken, wohin es führen kann, wenn man nicht frühzeitig reagiert. Wir sind auf frühzeitige Signale angewiesen.
Was ist am wichtigsten, damit der Deradikalisierungs-Prozess funktioniert?
Ich nenne häufig eine Zahl: Wir hatten 490 gefahrenrelevante Fälle, und es gab nur einen entscheidenden Rückfall. Bei den anderen 489 Fällen sah das anders aus. Man kann also eine ganze Menge bewegen. Bloß wir wissen nicht von allen – das ist der Punkt. Jeder Mensch hat eine andere Radikalisierungsgeschichte. Da ist ein Mensch, der der Gesellschaft misstraut und sie zerstören will. Hier ist die Aufgabe, eine Arbeitsbeziehung herzustellen und Vertrauen zu gewinnen. Das ist Aufgabe der Sozialarbeiter. Wir können motivieren, mit Widerstand umgehen. Aber die Entscheidung zum Ausstieg trifft immer der betroffene Mensch selbst.
„Ein Teil der jungen Generation braucht mehr Unterstützung als bisher.“
Der Bund stellt fünf Millionen Euro aus dem Programm „Demokratie leben!“ insgesamt für Deradikalisierungsprogramme und Extremismusprävention bereit. Wurde das Thema bisher zu wenig beachtet?
Die fünf Millionen Euro aus „Demokratie leben!“ sind für uns erstmal hilfreich, weil wir damit aus der akuten Ressourcenknappheit rauskommen. Aber sie bringen nichts, wenn sie aus anderen Bereichen umgeschichtet werden. Wir brauchen zusätzliche Mittel und vor allem eine dauerhafte Regelfinanzierung. Das Problem war nicht, dass man Islamismus nicht ernst genommen hat. Alle Beratungsstellen nehmen das ernst, und ich kenne keinen politischen Entscheidungsträger, der das relativiert hat. Seit 2013 wurde ein System aufgebaut, das in Europa so kein zweites Mal existiert. Heute ist die Struktur völlig anders als vor 13 Jahren.
Trotzdem arbeiten wir immer mit Ressourcenknappheit. Wenn eine Weisung reinkommt, 26 Sitzungen mit Extremisten in kürzester Zeit zu führen, müssen wir Überstunden machen. Wir könnten mehr machen – mehr Zugänge zur Szene schaffen, etwa über Kampfsport –, aber dafür fehlt das Personal. Mein Appell: Die Strukturen behalten, aber sie müssen mit ausreichenden personellen Ressourcen ausgestattet werden. Und wir müssen auch die anderen Institutionen im Blick haben – Schulsozialarbeit, Jugendhilfe, Bewährungshilfe. Bei allen wird die Luft dünner. Ein Teil der jungen Generation braucht mehr Unterstützung als bisher.
Dirk Bleicker
Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.