Forderung nach Mehrarbeit: Was es damit auf sich hat
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Immer wieder wird in der Politik behauptet, dass die Deutschen zu wenig arbeiten würden - doch die Statistiken sprechen eine andere Sprache. (Symbolbild)
Klingbeil hatte Ende März in einer Rede vor der Bertelsmann Stiftung Reformen angekündigt und dabei erklärt: „Wenn ich über grundlegende Veränderungen spreche, dann heißt das auch: Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen.“ Der SPD-Chef knüpft damit an die Arbeitszeit-Debatte an, die Merz bereits in seiner ersten Regierungserklärung im Mai 2025 angestoßen hatte. Der Bundeskanzler verlangt damals eine „gewaltige Kraftanstrengung“ von den Menschen, um das Land wieder wettbewerbsfähiger zu machen.
Aus der Union kamen in den vergangenen Monaten mehrfach Vorschläge, um die Arbeitszeiten in Deutschland auszuweiten. Unter anderem stellte der Wirtschaftsflügel der Union den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit-Arbeit in Frage – ursprünglich unter dem Schlagwort „Lifestyle“-Teilzeit, das unterstellte, viele Menschen würden in Teilzeit arbeiten, weil sie keine Lust auf Vollzeit haben. Ein entsprechender Antrag für den Bundesparteitag der Konservativen wurde entschärft. Die Union will nun Fehlanreize im gesetzlichen Teilzeitanspruch prüfen.
Mehr als 40 Prozent arbeiten in Teilzeit
Tatsächlich arbeiteten in Deutschland Anfang 2026 mehr als 40 Prozent der Erwerbstätigen in Teilzeit. Unter berufstätigen Frauen ist es fast jede Zweite. Das hat allerdings in vielen Fällen mit der ungleich verteilten Care-Arbeit zu tun, also mit Kinderbetreuung, Pflege und Haushalt, die häufig zusätzlich zur Erwerbsarbeit übernommen werden. Genau hier setzt Klingbeil an: Anders als Teile der Union stellt er den Teilzeit-Anspruch selbst nicht infrage. Er will vielmehr das Arbeitsvolumen erhöhen, indem mehr Menschen in Vollzeit wechseln, sofern sie das wollen und können. Dafür müssten vor allem Betreuungs- und Pflegeangebote ausgebaut werden, damit Frauen nicht in der sogenannten Teilzeitfalle bleiben. Außerdem will Klingbeil das Ehegattensplitting abschaffen, weil es aus seiner Sicht den Zweitverdienst in Ehepaaren finanziell unattraktiver mache.
Widerspruch in der Debatte kam vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). DGB-Chefin Yasmin Fahimi kritisierte Klingbeils Forderungen und sagte dem „Tagesspiegel“, in Deutschland werde genug gearbeitet. In Vollzeitjobs werde hierzulande nicht weniger gearbeitet als in vielen anderen europäischen Ländern. Die hohe Teilzeitquote unter Frauen wertete sie nicht als Problem, sondern als Erfolg, weil dadurch die Erwerbsbeteiligung von Frauen deutlich gestiegen sei.
Längere Arbeitszeiten führen nicht zu mehr Produktivität
Was ist also dran an der Debatte? Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Im Durchschnitt arbeiten Menschen in Deutschland heute tatsächlich weniger Stunden pro Woche als noch vor einigen Jahrzehnten. Zwischen 1991 und 2023 sank die durchschnittliche Wochenarbeitszeit pro Person laut dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung von fast 39 auf rund 36,5 Stunden. Gleichzeitig ist die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen, sodass die gesamt geleistete Arbeitszeit in der Gesellschaft insgesamt hoch bleibt. 2024 wurden in Deutschland mehr als 61 Milliarden Arbeitsstunden geleistet. Anfang 2025 waren mit 45,6 Millionen Menschen so viele Menschen berufstätig wie nie zuvor.
Auch die Produktivität spricht gegen einfache Pauschalurteile. Maßstab dafür ist das Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde. Deutschland liegt im EU-Vergleich laut Eurostat zwar weit oben, aber Länder wie Dänemark oder die Niederlande sind noch produktiver. Ausgerechnet die Niederlande haben zugleich die geringste Wochenarbeitszeit in der EU – ein Hinweis darauf, dass längere Arbeitszeiten nicht automatisch zu mehr Produktivität führen.
Union und SPD wollen mehr Flexibilität
Union und SPD einte in den Koalitionsverhandlungen vor allem das Ziel, den Arbeitsmarkt flexibler zu machen. Vereinbart wurde die Einführung einer wöchentlichen statt täglichen Höchstarbeitszeit. Damit könnte die bisherige tägliche Grenze von acht Stunden überschritten werden, solange die Wochenarbeitszeit insgesamt eingehalten wird. Gewerkschaften weisen jedoch darauf hin, dass schon heute unter bestimmten Bedingungen bis zu zehn Stunden Arbeit am Tag möglich sind, wenn sie im Sechs-Monats-Zeitraum wieder ausgeglichen werden.
Unterm Strich machen beide Seiten deutlich, dass sie das Arbeitsvolumen erhöhen und den Arbeitsmarkt flexibler gestalten wollen. Im Unterschied zur SPD macht die Union stärker Druck in Richtung Mehrarbeit, die SPD koppelt mehr Arbeitszeit stattdessen an bessere Vereinbarkeit und strukturelle Reformen.
brauchen, ist die 30 Stunden Woche bei vollem Lohnausgleich und eine Grundsicherung, die auch sichert, also ausreichend hoch ist.