Equal Pay Day 2026: Rein rechnerisch arbeiteten Frauen bis heute umsonst
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Gender Pay Gap: Frauen verdienen im Schnitt 16 Prozent weniger als Männer.
Starten wir mit einem Gedankenexperiment: Die ersten zwei Monate von 2026 sind vergangen, wenn Sie berufstätig sind und noch keinen Urlaub hatten, waren Sie also 58 Arbeitstage lang produktiv. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie hätten die ganze Zeit umsonst gearbeitet.
Für sehr viele Menschen in Deutschland ist das Realität, genauer: Für die Hälfte. Der heutige Equal Pay Day markiert den Tag, bis zu dem Frauen in Deutschland unentgeltlich gearbeitet haben, wenn man ihr Jahresbruttoeinkommen mit denen von Männern vergleicht. In 2026 wäre der 27. Februar der erste Tag, an dem Frauen, hochgerechnet auf das ganze Jahr, genauso viel wie Männer verdienen.
Wie hoch ist der Gender Pay Gap?
Der Equal Pay Day macht auf die geschlechtsspezifische Gehaltslücke aufmerksam, den sogenannten Gender Pay Gap. Im dritten Jahr in Folge liegt dieser bei im Schnitt 16 Prozent. Das bedeutet: Wenn eine Frau heute 100 Euro verdient, bekommt ein Mann im Schnitt 116 Euro. Der Gender Pay Gap wird seit 2006 gemessen, damals lag er bei 23 Prozent, bis 2023 bei 18 Prozent.
Dabei wird die sogenannte Care-Arbeit, also Haushaltsarbeit, die Erziehung von Kindern oder Pflege von Angehörigen, nicht mit einberechnet. „Dieser Einkommensunterschied ist ungerecht und raubt Frauen die Lebenschancen“, sagt Anke Schneider, stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD-Frauen.
Was ist der bereinigte Gender Pay Gap?
Die Methode, Lohnlücken über den Gender Pay Gap zu veranschaulichen, kann man kritisch sehen. Denn die Erwerbsbiografien von Frauen und Männern unterscheiden sich teils deutlich: 2024 arbeitete jede zweite erwerbstätige Frau in Deutschland in Teilzeit, während es bei den Männer nur zwölf Prozent der Erwerbstätigen waren. Außerdem arbeiten mehr Frauen als Männer in schlechter bezahlten Berufen wie Pflege, Gesundheit und Erziehung. Zwei Drittel der Führungspositionen sind männlich besetzt.
Rechnet man diese strukturellen Unterschiede raus und vergleicht die Durchschnittsbruttogehälter von Frauen und Männern zu exakt gleichen Arbeitsbedingungen, erhält man den bereinigten Gender Pay Gap. Er liegt immer noch bei sechs Prozent, was bedeutet: Selbst wenn Frauen zu exakt den gleichen Voraussetzungen wie Männer arbeiten, verdienen sie im Schnitt sechs Prozent weniger.
Wie kommt der Gender Pay Gap zustande?
Anke Schneider von den SPD-Frauen sagt: „Die Gründe sind so vielfältig wie fatal: Geschlechterstereotype in der Berufswahl, steuerliche Fehlanreize, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die gläserne Decke (Anm.d.Red.: unsichtbare Barriere im Karriereweg), die Teilzeit-Falle und die schlechte Vereinbarkeit von familiärer Sorge, Beruf und Ehrenamt sorgen unter anderem dafür, dass Frauen im Laufe ihres Lebens weniger Einkommen erzielen und höheren Armutsrisiken ausgesetzt sind.“ Der Gender Pay Gap führt zu einem höheren Armutsrisiko von Frauen, auch im Alter: Weil sie mehr verdienen, bekommen Männer etwa ein Viertel mehr Rente als Frauen.
Was wird gegen den Gender Pay Gap unternommen?
Seit 2017 haben Frauen (und Männer) laut Entgelttransparenzgesetz in Betrieben von mehr als 200 Mitarbeiter*innen das Recht, Auskunft über das Gehalt der Kolleg*innen zu bekommen. Allerdings reicht allein die Information über Gehaltsunterschiede nicht aus, um diese zu beheben. 2023 hat die EU eine Richtlinie zu Entgelttransparenz verabschiedet, die die Regeln verschärft. Bis zum 7. Juni 2026 muss Deutschland das Entgelttransparenzgesetz an diese Richtlinie anpassen.
Eingeführt werden sollen unter anderem ein Verbot, Bewerber*innen nach dem vorherigen Gehalt zu fragen, sowie eine Berichtspflicht für Unternehmen über Lohnunterschiede und Maßnahmen zu deren Beseitigung. Arbeitgeber*innen, die sich nicht an das Gleichstellungsgebot halten, sollen sanktioniert werden können – wie genau, wird der Bundestag erarbeiten.
Frauenrat appelliert an schnelle Umsetzung
Der Deutsche Frauenrat appelliert an die Bundesregierung, die EU-Richtlinie zur Entgelttransparenz sinnvoll umzusetzen, frauendominierte Berufe aufzuwerten und Bedingungen für eine gerechtere Verteilung der Care-Arbeit zu schaffen. Anja Weusthoff, stellvertretende Vorsitzende, kritisiert, dass die schwarz-rote Bundesregierung stattdessen über die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages und steuerfreie Überstundenzuschläge debattiert.
„Dieses Vorgehen trägt in keiner Weise dazu bei, die strukturellen Benachteiligungen von Frauen zu beseitigen“, sagt sie: „Im Gegenteil: Die vorgeschlagenen Maßnahmen verschärfen bestehende Ungleichheiten und erschweren es Frauen zusätzlich, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.“