Kultur

Dokumentarfilm „Ihr Jahrhundert“: Wie Frauen Grenzen überwinden

Viele Wege führen in ein selbstbestimmtes Leben: Der Dokumentarfilm „Ihr Jahrhundert – Frauen erzählen Geschichte“ stellt fünf Zeitzeuginnen aus verschiedenen Weltregionen vor – und zeigt, wie politisch das Private bisweilen ist.

von Nils Michaelis · 8. März 2024
Ilse Helbich in ihrem Garten

Ein Ort der Selbstbefreiung: Die Autorin Ilse Helbich in ihrem Garten bei Wien.

Schon als Mädchen findet Ilse Helbich ihr Lebensthema. Wie auch ihr Bruder hilft die Österreicherin im Bauunternehmen des Vaters. Sonnabends erhalten alle ihre Lohntüte. Bis auf Ilse. Weil sie kein Mann ist. Auch später, nach ihrem Studium, bekommt sie es immer wieder mit dem Patriarchat zu tun. Erst im Alter kann sie sich davon befreien. 2003, mit 80 Jahren, veröffentlicht die Journalistin und Autorin ihr autobiografisches und viel beachtetes Prosadebüt namens „Schwalbenschrift“.

Ein weiter Bogen – kulturell wie geografisch

Besser spät als nie: Ilse Helbichs Leben steht dafür, Grenzen zu überwinden und Träume zu verwirklichen. Sie ist eine von fünf Protagonistinnen des Dokumentarfilms „Ihr Jahrhundert – Frauen erzählen Geschichte“. Darin stellt der deutsche Filmemacher Uli Gaulke Frauen um die 100 vor, die sich dadurch auszeichnen, sich und anderen Kraft und Inspiration gegeben und so an den herrschenden Verhältnissen (auch bezogen auf die Geschlechter) gerüttelt zu haben. 

Der auf der Bildebene eher schlichte Film spannt kulturell wie geografisch einen weiten Bogen. In Indien lernen wir V. Nannamal kennen. Sie hat zeit ihres Lebens eine besonders angesagte Kraft unter die Leute gebracht, und zwar weltweit: Yoga. Eine Million Schülerinnen und Schüler soll sie unterwiesen haben. Der indische Staat hat sie dafür mit höchsten Auszeichnungen gewürdigt. Wohl auch, weil sie Mädchen und Frauen, die ebenfalls aus einfachsten Verhältnissen stammen und denen ebenfalls keine berufliche Karriere in die Wiege gelegt wurde, ein Vorbild ist beziehungsweise mittlerweile war.

Einsatz für eine liberale Türkei

In der Türkei treffen wir auf Nermin Abadan-Unat. Die frühere Uni-Professorin aus Istanbul glaubt bis heute an das, was ihr als Frau den Weg in eine akademische Karriere geebnet hat: die Bildungsideale der jungen türkischen Republik unter Kemal Atatürk. Noch im hohen Alter bestärkt sie junge Türkinnen darin, an kemalistischen Zielen festzuhalten und sich für eine liberale Türkei einzusetzen.

Die Ideale von Haydée Arteaga Rojas waren Solidarität und Gleichberechtigung. Bis zu ihrem Tod vor vier Jahren hat die bekannte kubanische Geschichtenerzählerin daran geglaubt, dass sie in ihrer kommunistischen Heimat verwirklicht werden. Mit ihrem Einsatz gegen Rassismus hat sie sie vorgelebt.

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Das Leben von Tamar Eshel ist aufs Engste mit der Geschichte des Staates Israel verknüpft. Bei einem Besuch im Pflegeheim bezeichnet ein Politiker die hochbetagte und schwerkranke Frau als „Wonder Woman der Knesset“. 

Vor der Kamera lässt sie eine Vita Revue passieren, die in der Tat den Eindruck einer politischen Superheldin erweckt: Nach dem Zweiten Weltkrieg organisiert sie Auswanderung europäischer Juden nach Palästina. 1961 wird sie Vorsitzende des UN-Ausschusses für die Rechtsstellung der Frau. Von 1977 bis 1984 ist sie Mitglied der Knesset. Und das sind nur einige von vielen Stationen. 

Persönliche Schicksale und das große Ganze

Wie schauen diese Frauen auf ihr Leben? Geben sie Überraschendes preis? Was erfahren wir über den gesellschaftspolitischen Kontext? Unter diesen Blickwinkeln bietet der Film deutliche Kontraste. Das gilt auch für das Maß an Tiefgang. Anhand der Frauen aus Österreich, Israel und der Türkei wird besonders anschaulich, wie persönliche Schicksale und das große Ganze miteinander verwoben sind. Und warum das Private (auch) politisch ist. 

Diese Unterschiede sind offenbar auch den Auftretenden selbst geschuldet. Wenn Ilse Helbich vor der Kamera in episch-pointierten Passagen aus ihrem Leben – sie nennt dies eine „Tragödie“ – berichtet, zeigt sich die Handschrift einer akademisch gebildeten Frau, die es gewohnt ist, Texte zu veröffentlichen. Stück um Stück formt sich ein facettenreiches, geradezu faszinierendes Bild. Und zwar das einer Frau, die kurz vor dem Rentenalter ihren Gatten zum Teufel schickt, ein altes Haus auf Vordermann bringt und in diesem Refugium ein neues Leben beginnt. Gerade bei ihren Generationsgenossinnen aus Kuba und Indien bleiben hingegen viele Fragen offen. 

Uli Gaulke will „Ihr Jahrhundert“ als Gegenpart zur von der Perspektive der Männer dominierten Geschichtsschreibung verstehen wissen. Diesen Anspruch kann der Film nur bedingt erfüllen. Eher ließe sich sagen, dass er bisweilen auf seine Art die Macht des Patriarchats bestätigt. Wohl aber ist es ein Gewinn zu beobachten, was mutige und starke Frauen über Kontinente und politische Gräben hinweg verbindet.

Info:

„Ihr Jahrhundert – Frauen erzählen Geschichte“ (Deutschland 2024), ein Film von Uli Gaulke, mit Ilse Helbich, Tamar Eshel, V. Nanammal u.a., 100 Minuten

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