Kultur

Filmtipp „Orca“: Wie eine iranische Frau in die Freiheit schwimmt

Der Traum vom Schwimmrekord bringt eine gezeichnete Frau zurück ins Leben. Es ist auch ein Aufbegehren gegen die herrschende Ordnung. Das Drama „Orca“ basiert auf einem wahren Schicksal im Iran.

von Nils Michaelis · 12. Januar 2024
"Orca": Taraneh Alidoosti spielt Elham

Für Elham geht es beim Schwimmen nicht nur um sportliche Höchstleistungen.

Im Iran ist auch der Schwimmsport politisch. Das bekommt Elham immer wieder zu spüren. Die junge Frau ist Rettungs- und Langstreckenschwimmerin. Wiederholt springt sie ins Meer, um einen Rekord aufzustellen. Doch die staatlichen Behörden weigern sich, ihre Leistungen anzuerkennen. Wettkämpfe sind Frauen in dieser Sportart verboten. Doch Elham gibt nicht auf: Sie bereitet sich darauf vor, den Streckenrekord beim Schwimmen mit gefesselten Händen zu brechen. Ein Kraftakt, in vielfacher Hinsicht.

Bei alledem geht es nicht nur um Sport. Im nassen Element kämpft sich Elham zurück ins Leben. Fast hätte der Mann, von dem sie sich hat scheiden lassen, sie umgebracht. Schwerst misshandelt kommt sie ins Krankenhaus. Werden neben den physischen auch die seelischen Wunden jemals heilen? Der Weg bis zu diesem Punkt erscheint unendlich lang. 

Elham begibt sich auf diesen Weg. Der Film der iranischen Regisseurin Sahar Mosayebi begleitet ihren Heilungsprozess aus nächster Nähe. Immer größer wird der Kreis der Menschen, die sie dabei unterstützen, allen voran ihr Vater, der sich seiner Tochter nun wieder annähert. Doch die gegnerische Seite ist stark, es gibt Rückschläge. Elham wird klar, dass es vor allem auf sie selbst ankommt, um diesen Kampf zu bestehen.

Auf Tatsachen beruhende Geschichte 

Sahar Mosayebi erzählt diese auf Tatsachen beruhende Geschichte in eindringlichen, bisweilen epischen und metaphorischen Bildern und mit einem denkbar ruhigen Erzählfluss. Immer wieder ist zu sehen, wie Elham in nach islamischer Auffassung korrekter Badekleidung – es handelt sich um einen Ganzkörperbadeanzug mit der traditionellen Kopfbedeckung, dem Hidschab – in den Tiefen des Meeres versinkt. Schöpft sie dort Kraft? Findet sie dort etwas, das ihr im Alltag verwehrt bleibt? Oder geht sie unter? Ist das Meer eine Metapher für die Zwänge in der Islamischen Republik, die Frauen rigorose Vorschriften aufzwingt und sie systematisch unterdrückt? 

Die Gesänge eines nahen Meeressäugers scheinen die Antwort auf diese Fragen zu geben. Und da sind noch die Worte von Elhams Vater. „Das Wasser liebt Dich offenbar“, sagt er, nachdem seine Tochter unverhofft am Strand auftaucht: Nach ihrem nächtlichen Verschwinden hatte man sie für tot gehalten.

Der Film bietet aber auch drastische und eruptive Szenen. Zum Beispiel gleich zu Beginn. Scheinbar stoisch hält die Kamera Elhams Martyrium fest. Anschließend liegt sie mit völlig entstelltem Gesicht auf dem Operationstisch, gleich einer Ikone des Widerstandes gegen männliche Gewalt und Willkür. 

Massenproteste im Iran

Wer denkt dabei nicht an das Schicksal von Jina Mahsa Amini? Der brutale Tod der jungen Kurdin auf einer iranischen Polizeistation hatte im September 2022 landesweite Proteste ausgelöst. Das Mullah-Regime brachte sie mit Verhaftungen und Hinrichtungen zum Erliegen. „Orca“ ruft in Erinnerung, wie viel Sprengstoff Irans gesellschaftspolitischer Ordnung innewohnt, selbst wenn die Dreharbeiten in Katar noch vor den Massendemonstrationen des Jahres 2022 stattgefunden haben. 

Besondere Aufmerksamkeit verdient Hauptdarstellerin Taraneh Alidoosti. Die 40-Jährige zählt zu den bekanntesten Gesichtern des iranischen Kinos, 2016 wirkte sie in Asghar Farhadis oscarprämiertem Drama „The Salesman“ mit. Ihr subtiles Spiel macht Elhams Qualen und Ängste, aber auch ihr zurückkehrendes Beharrungsvermögen erfahrbar. Und lässt einiges zunächst im Unklaren. Auch deswegen zieht einen dieses Drama so in seinen Bann. Mit anderen Worten: Taraneh Alidoostis herausragendes Agieren trägt im Grunde diesen Film.

Auch im echten Leben hat die Schauspielerin die Konfrontation mit dem „Gottesstaat“ gesucht. Im Herbst 2022 solidarisierte sie sich mit den besagten Protesten in ihrem Land und kritisierte die Hinrichtung von Demonstrierenden. Auf Instagram zeigte sie sich ohne Hidschab. Im Dezember 2022 wurde die prominente Künstlerin festgenommen und im Januar 2023 auf Kaution freigelassen. Künstler und Filmschaffende hatten in einem offenen Brief diesen Schritt gefordert.

Vieles spricht für sich

Mit direkter Kritik an den Verhältnissen und der politischen Führung im Iran hält sich „Orca“ zurück. Wohl vor allem, um die Mitwirkenden zu schützen. Vieles, was wir sehen, spricht ohnehin für sich. Etwa, wenn sich Elhams wichtigste Gegenspielerin in der staatlichen Sportbehörde mit versteinerter Miene in ihrem kalten Fanatismus ergeht. Gewandet im schwarzen Tschador wettert sie gegen Sportarten wie Basketball, weil sie die „Fortpflanzungsorgane“ von Frauen schädigen könnten, wie sie sagt. Doch auch dieses Verbot erntet Widerspruch.

 

„Orca“ (Katar 2021), Regie: Sahar Mosayebi, Drehbuch: Tala Motazedi, mit Taraneh Alidoosti, Mahtab Keramati, Ayoub Afshar, Arash Aghabeik u.a., 107 Minuten.

https://orca.der-filmverleih.de

Im Kino

 

 

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Nils Michaelis

ist Redakteur des vorwärts.

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