Sozialdemokrat Ernst Heilmann: Der ungekrönte König von Preußen
Er war einer der pointiertesten Gegner der Nazis und der Kommunisten im Reichstag. Schon Zeitgenossen nannten Ernst Heilmann „eine der großen politischen Gestalten der Weimarer Republik“. Am 3. April 1940 wurde er im KZ Buchenwald ermordet.
Bundesarchiv, Bild 183-R96360 / CC-BY-SA 3.0
Einlieferung in das Konzentrationslager Oranienburg im August 1933: Ernst Heilmann steht in der Reihe ganz rechts.
„Mars regiert die Stunde, nicht Vernunft und Gerechtigkeit, sondern nur siegreiche Waffen und politische Klugheit werden uns den Frieden bringen. So zerschmetternd müssen die Feinde geschlagen werden, dass ihr Ring zerbricht, die Koalition birst … . Dazu hilft uns gegen diese Feinde nur eins: Den Daumen aufs Auge und die Knie auf die Brust.“ Diese nationalchauvinistischen Worte stammen nicht aus einer Mitteilung des Generalfeldmarschalls Hindenburg, sondern aus einem Leitartikel der sozialdemokratischen Chemnitzer „Volksstimme“.
Verfasst hat sie Mitte 1915 deren Chefredakteur höchstpersönlich: Ernst Heilmann. Seinen martialischen Worten lässt Heilmann Taten folgen. Er meldet sich freiwillig für den Einsatz im Ersten Weltkrieg. 1916 kehrt er — schwerverwundet und auf einem Auge blind — von der Front zurück. Bis 1918 bleibt Ernst Heilmann Kriegsbefürworter und plädiert für einen deutschen „Siegfrieden“. Erst nach der November-Revolution von 1918 stuft er seine einstige Position als „fragwürdig“ ein.
Mit 17 in die SPD
Ernst Heilmann wird am 13. April 1881 in Berlin geboren und wächst in einer kleinbürgerlich-jüdischen Familie auf. Seine Mutter Flora, eine gebürtige Mühsam, ist die Tante des anarchistischen Dichters Erich Mühsam. 1888 wird Erich Heilmann am berühmten „Cöllnischen Gymnasium“ in Berlin eingeschult, das gleichzeitig auch der spätere Polarforscher Alfred Wegener und der Schriftsteller Alfred Döblin besuchen. Heilmann gilt als aufgeweckt und ist häufig Klassenprimus.
Schon früh entwickelt er eine ausgeprägte Leidenschaft für die Politik. Als 17-Jähriger schließt sich Ernst Heilmann der SPD an, nachdem er kurz zuvor aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten war. Von 1900 bis 1903 studiert Heilmann an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin Rechts- und Staatswissenschaften, wird jedoch als Sozialdemokrat nach dem ersten Staatsexamen nicht in den juristischen Vorbereitungsdienst aufgenommen. Folgerichtig strebt er eine Parteikarriere an.
Chefredakteur mit 28 Jahren
1903 beginnt Ernst Heilmann als Parlamentskorrespondent für sozialdemokratische Zeitungen und erwirbt sich ein Renommee als scharfsinniger Autor. 1909 wird er mit nur 28 Jahren zum Chefredakteur der Chemnitzer „Volksstimme“ berufen, die dem rechten Parteiflügel zugerechnet wird. Heilmann schafft es, das Blatt wirtschaftlich zu konsolidieren. Zu seinen Mitstreitern gehört der nachmalige Reichswehrminister Gustav Noske. Bis zum 1. August 1914, dem Tag der deutschen Kriegserklärung an Russland, ist die „Volksstimme“ ein Organ, das sich zum Sozialismus und zum Frieden bekennt. Ernst Heilmann selbst vertritt diesen Standpunkt auf vielen öffentlichen Parteiveranstaltungen. Nach Kriegsbeginn kennt die „Volksstimme“ nur noch Deutsche und versagt sich jede Kritik an den führenden Persönlichkeiten des Kaiserreiches.
Doch zurück zu Heilmanns Kriegseinsatz. Nach seiner Genesung lässt er sich 1916 in Berlin-Charlottenburg nieder und arbeitet wieder als freier Journalist im Geiste der Mehrheitssozialdemokratie. Als Vertreter des nationalen rechten Flügels der Partei tritt er offen für die Annexionspolitik des Deutschen Reiches ein. 1919 beginnt Heilmanns parlamentarisch-politische Laufbahn. Er wird Stadtverordneter in Charlottenburg und — wichtiger noch — Mitglied der „Verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung“. Im Jahr darauf wird Heilmann im Wahlkreis Frankfurt/Oder in den Preußischen Landtag gewählt. Während des „Kapp-Lüttwitz-Putsches“ erweist er sich als republikanisch gesinnter Ordnungspolitiker und konsequenter Gegner des wilhelminisch geprägten Militärs und der reaktionären Beamtenschaft.
„Zuchtmeister“ der preußischen Landtagsfraktion
Im Herbst 1921 wählt die sozialdemokratische Fraktion im Preußischen Landtag Ernst Heilmann zu ihrem Vorsitzenden, wohl wissend, dass sie damit für ihren „Zuchtmeister“ votiert. In den Parlamentsgängen kursiert die zweifelhafte Feststellung, Heilmann sei „der ungekrönte König von Preußen“. Mit seinen außergewöhnlichen rhetorischen Fähigkeiten hält Heilmann die Fraktion „auf Kurs“ — und er besticht durch unbedingte Loyalität zum Preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Hedwig Wachenheim, Heilmanns Freundin und Fraktionskollegin, preist ihn neben Gustav Stresemann und Otto Braun als „eine der großen politischen Gestalten der Weimarer Republik“ und als „Leitbild eines parlamentarischen Führers“.
Gestützt auf seine weitgehend homogene Fraktion — nennenswerte Linke gibt es nicht — kann Ernst Heilmann, der mit der Aussage kokettiert, er sei nicht Minister geworden, weil er selbst Minister mache, seine Personalentscheidungen im Einvernehmen mit Otto Braun nahezu konfliktfrei durchsetzen. In einem Fall aber scheitert er. Nach der Ablösung des allseits geachteten Kultusministers Carl Heinrich Becker, setzt Heilmann auf den Volksschullehrer Christoph König, aber Otto Braun entscheidet sich ohne Absprache für Adolf Grimme.
Pointierten Rededuelle mit Kommunisten und Nazis
1928 wird Ernst Heilmann im Wahlkreis Frankfurt/Oder zusätzlich zum Landtagsmandat in den Reichstag gewählt, ohne dort jedoch nennenswerten Einfluss zu erlangen. Achtung erwirbt er sich dennoch durch seine pointierten Rededuelle mit Kommunisten und Nazis. Die KPD-Abgeordneten bezeichnet er als „von Moskau dressierte Wühlmäuse“, das sowjetische System als „grässliche Karikatur des Sozialismus“. Die zeitweiligen Legalitätsbekundungen der Nazis hält er für genauso wertlos wie deren Theorien. 1931 skizziert Ernst Heilmann die Folgen einer Machteroberung durch die Nazis: „Faschismus ist die gewalttätige Auflösung aller Arbeiterorganisationen, die Vernichtung der Arbeiterparteien, der Gewerkschaften, der Konsumvereine, der Arbeiterpresse … Faschismus ist der Tod der Freiheit.“
Als die letzte sozialdemokratisch geführte Weimarer Koalition unter Hermann Müller 1930 von der Präsidialregierung Heinrich Brüning abgelöst wird, setzt Ernst Heilmann auf dessen Tolerierung, um das demokratische Preußen abzusichern. Das gelingt nur bis zum „Papen-Putsch“ am 20. Juli 1932, der das Ende der von Otto Braun geführten sozialdemokratischen Regierung Preußens bedeutet und damit der Nazi-Diktatur den Weg bereitet. Nach der Machtübertragung an die Nazis am 30. Januar 1933 lehnt Ernst Heilmann jeglichen Widerstand ab und will „den Faden der Legalität weiterspinnen, solange er weitergesponnen werden kann.“ Welch tragischer Irrtum!
Mit einer Giftspritze ermordet
Am 26. Juni 1933 verhaftet die Gestapo Ernst Heilmann an seinem Stammplatz im Café Josty in Berlin. Für den Sozialdemokraten und konfessionslosen Juden Heilmann beginnt eine gnadenlos brutale Leidenszeit durch die Konzentrationslager Börgermoor, Esterwegen, Oranienburg, Sachsenhausen, Dachau — und schließlich 1938 Buchenwald. Dort ist er, wie der Arztschreiber Walter Poller notiert, „nicht mehr der Mensch Heilmann“, sondern „nur noch ein erbarmungswürdiges Wrack“. Am 3. April 1940 wird Ernst Heilmann vom „Henker von Buchenwald“, SS-Hauptscharführer Martin Sommer, mit einer Giftspritze ermordet.