Neue Ausstellung: Wie die SED den Alltag in der DDR bestimmte
Kai Doering | vorwärts
Die Partei hat immer recht: Die Ausstellung zeigt, wie tief die SED im Alltag der Menschen in der DDR verwurzelt gewesen ist.
Als im April 1946 in der sowjetischen Besatzungszone SPD und KPD zur SED zwangsvereinigt wurden, war nicht abzusehen, welche Rolle die neu geschaffene „Einheitspartei“ in der Gesellschaft der künftigen DDR spielen würde. „Die SED war das Knochengerüst der Gesellschaft“, sagt der Historiker Stefan Wolle. 19 Jahre war er wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin. Nun hat er im Auftrag der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur eine Ausstellung über „die SED im Alltag der DDR“ entwickelt.
Eine Ausstellung zum Bestellen
Wäre es allein nach Wolle gegangen, würde sie den Titel tragen „Wo ein Genosse ist, ist die Partei“. Es war eine der zentralen Losungen der SED, die den Anspruch ausdrückte, in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens präsent zu sein. Doch am Ende fiel die Wahl auf eine andere Überschrift. „Die Partei hat immer recht“, lautet nun der Titel der Ausstellung und des zweisprachigen Begleitbands. Es ist der Titel der SED-Parteihymne.
Das besondere an der Ausstellung ist, dass sie bestellt werden kann. Die 20 Plakate im Format DIN A4 sind gegen eine Schutzgebühr von 40 Euro erhältlich und werden in einem Karton per Post verschickt. Gut 130 Vorbestellungen lagen zum offiziellen Start der Ausstellung am 24. Februar bereits vor, von öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken und Volkshochschulen ebenso wie von Privatleuten.
„Es gab keine heile Welt in der Diktatur“
Die Botschaft der Ausstellung ist aus Sicht ihres Autors Stefan Wolle klar. „Es gab keine heile Welt in der Diktatur“, sagt der Historiker, der 1950 in der DDR geboren wurde und als Student zeitweise aus politischen Gründen von der Universität verwiesen wurde. „Die Ausstellung erzählt nicht die Geschichte der SED, sondern beschreibt, wie sie im Alltag gewirkt hat.“
So ist auf einer Ausstellungstafel ein Brautpaar in der Erfurter Fußgängerzone zu sehen. Am Anzug-Revers des Bräutigams prangt das SED-Parteiabzeichen. „Für viele war die Partei ein emotionales Zuhause. Sie stiftete Gemeinschaft, verband mit Gleichgesinnten, schuf ein Gefühl von Solidarität“, heißt es im begleitenden Text dazu. „Es hatten auch immer wieder Menschen die Hoffnung, dass es zu gewissen Verbesserungen im Alltag kommt, wenn sie auf unterster Ebene mitmachen“, erklärt Wolle in einem Video, das per QR-Code über das Plakat abgerufen werden kann.
Nicht jede*r konnte Mitglied werden
Dabei habe die SED nicht jeder bzw. jedem offen gestanden. „Die Partei sollte die Avantgarde sein und hatte nie das Bestreben, alle zu erfassen“, sagt Stefan Wolle. Zeitweise habe sogar ein Aufnahmestopp für Nicht-Arbeiter*innen geherrscht. So zählte die SED beim Mauerfall im November 1989 rund 2,3 Millionen Mitglieder, bei 16,4 Millionen Einwohner*innen. Und doch war sie die alles bestimmende Kraft in der DDR. „Die Ausstellung macht sichtbar, wie die Partei ihr Machtmonopol mit Hilfe von Polizei, Justiz und Staatssicherheit absicherte und zugleich ein System sozialer Abhängigkeiten und Gewöhnung schuf.“
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.