International

Ukraine-Krieg: Warum es jetzt auf die russischen Gelder ankommt

15. December 2025 15:31:42

Russische Gelder als Ukrainehilfe? Was die einen kritisch sehen, wäre für die anderen einen Hebel für mögliche Friedensverhandlungen. Im „vorwärts“-Interview erklärt der Europaabgeordnete Tobias Cremer, worum es in der Debatte geht.

Menschen demonstrieren vor einem Gebäude.

In den vergangenen Wochen wurde viel darüber diskutiert, ob in der EU liegende russische Vermögenswerte für die Ukrainehilfen eingesetzt werden sollten.

Verfolgt man die Debatte der letzten Wochen, so scheint es, als verfüge die Europäische Union über einen bisher ungehobenen Schatz. Denn eingefrorenes russisches Staatsvermögen in Höhe von mehr als 200 Milliarden Euro liegen in der EU, wohl 185 Milliarden Euro davon bei dem belgischen Finanzdienstleister Euroclear. In den vergangenen Wochen wurden diese Summen vor allem für einen Verwendungszweck ins Spiel gebracht: als Ukrainehilfen. 

Mit Blick auf die klammen Kassen vieler EU-Mitgliedstaaten und dem Wegfall der Unterstützung durch die USA könnten die Milliardensummen die Verteidigung der Ukraine maßgeblich stärken und möglicherweise sogar den Weg zu Friedensverhandlungen ebnen. Die EU-Staaten wollen sich in der Frage beim Gipfeltreffen am 18. und 19. Dezember einigen. Insbesondere auf belgischer Seite sind die Unsicherheiten groß – auch weil es historisch keine vergleichbaren Fälle gibt. Der-Europaabgeordnete Tobias Cremer kennt die Details der Debatte.

Was die potenzielle Verwendung russischer Vermögen zur Finanzierung der Ukraine-Hilfen angeht, gibt es große Bedenken von verschiedenen Seiten. Weshalb sollten die Vermögen dennoch verwendet werden?

Es geht dabei vor allem darum, Putins und Trumps Kalkül zu ändern, europäische Handlungsfähigkeit zu beweisen und das russische Geld als Hebel für den Frieden zu nutzen. Aktuell denkt Putin, dass die Zeit auf seiner Seite ist, wenn er den Westen nur dazu bewegen kann die Unterstützung für die Ukraine einzustellen. Davon versucht er auch die USA zu überzeugen. Das ist der Grund, weshalb er jede Friedensinitiative herauszögert und den Konflikt immer weiter eskaliert – er spielt auf Zeit.

Der Gesprächspartner

Tobias Cremer ist Mitglied im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und im Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung des Europäischen Parlaments.

Tobias Cremer steht vor einer roten Wand

Zu richtigen Verhandlungen wird es mit Putin deshalb erst kommen, wenn wir in einer Position der Stärke sind, ihm Entschlossenheit demonstrieren und einen Anreiz setzen können, diesen Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Da Amerika diese Arbeit nicht für uns machen wird, braucht die Europäische Union selbst einen Hebel, und die russischen Vermögenswerte wären so ein Hebel. Denn damit wäre klar, dass die Ukraine auf absehbare Zeit verteidigungsfähig bleibt – und zwar unabhängig von den aktuellen Launen im Weißen Haus.

Zumal die russische Wirtschaft momentan auch Schwierigkeiten hat, und nicht klar ist, ob sie es sich leisten können, den Krieg noch über Jahre weiterzuführen. Das hieße dann für Putin, dass er mit jedem Monat Krieg nicht nur mehr und mehr russische Soldaten opfert, die ihn leider nicht sonderlich zu interessieren scheinen, sondern eben auch mehr und mehr Geld verliert, das ihm wohl mehr am Herzen liegt.

Aber die USA unter Donald Trump haben die Unterstützung ja bereits eingestellt.

Genau deshalb wäre die Verwendung der russischen Vermögenswerte auch nicht nur ein wichtiges Zeichen an Putin, sondern auch an Trump, dessen Unterhändler ja selbst schon ein Auge auf die Gelder geworfen haben und diese gerne für eigene Geschäfte nutzen würde. Wenn wir diese Gelder für ein Darlehen an die Ukraine nutzen, wäre das ein Zeichen der Souveränität und Stärke auch gegenüber Trump: Die Verteidigung der Ukraine wäre für die nächsten Jahre durchfinanziert und die Gelder ständen für Trump-Putin‘schen Business Deals auf Kosten Europas nicht zur Verfügung.

Tobias

Cremer

Wir haben hier die Chance, zu zeigen, dass wir echte Friedenverhandlungen wollen – aber eben keine Kapitulation der Ukraine auf Kosten europäischer Sicherheit.

Andere befürchten, dass Russland das Antasten der Vermögen als einen Kriegseintritt werten und den Konflikt möglicherweise ausweiten könnte. Zu Unrecht?

Das gab es immer wieder, dass Russland gesagt hat, dies und jenes wäre ein Kriegseintritt. Schon bei den Debatten um Waffenlieferungen gab es diese Drohungen immer wieder. Dass Russland eine solche Eskalation auch immer wieder androht, ist also ein vollkommen zu erwartender strategischer Versuch, um uns einzuschüchtern, der in erster Linie zeigt: der Hebel wirkt.

Wir haben hier die Chance, zu zeigen, dass wir echte Friedenverhandlungen wollen – aber eben keine Kapitulation der Ukraine auf Kosten europäischer Sicherheit. Wir wissen, dass man mit Putin nur aus einer Position der Stärke zu echten Verhandlungen kommt.

Wie genau würde ein entsprechendes Darlehen an die Ukraine funktionieren?

Die Gelder, um die es geht, sind wegen der Sanktionen gegen Russland eingefroren und werden es dank dem Beschluss des Rates letzte Woche auch so lange bleiben, bis Putin Reparationen zahlt. Der Plan wäre, diese Gelder als Garantie zu verwenden, gegen die die EU ein Darlehen aufnimmt und an die Ukraine auszahlt. Es wäre also eine Art Reparationsdarlehen, das die Ukraine dann in dem Maße zurückzahlt, in dem Russland Reparationen an die Ukraine zahlen wird – wozu Russland rechtlich verpflichtet ist.

Der belgische Premierminister Bart De Wever hält das für Enteignung.

Das ist es aber nicht, da sind sich unsere Rechtsexperten ziemlich einig. Russland bleibt rechtlich im Besitz der eigenen Gelder, soweit es seiner Pflicht nachkommt und die Reparationen zahlt. Damit ist es keine Konfiszierung.

Tobias

Cremer

Die Vermögenswerte liegen überwiegend in Belgien, da ist es wichtig, die validen Sorgen der Belgier auch anzuhören.

Auch die Chefin von Euroclear, Valérie Urbain, steht dem Vorhaben skeptisch gegenüber – sie befürchtet, dass der europäische Finanzmarkt dadurch destabilisiert werden könnte. 

Ich habe dazu in den letzten Wochen viel mit Finanzexperten und Geschäftsführern europäischer Banken gesprochen und die halten das allesamt für sehr unrealistisch. Im Gegenteil: Sie sagen uns, dass die Nutzung des Geldes ein Zeichen senden würde, dass Europa die eigene Sicherheit und Stabilität selbst in die Hand nehmen kann, was die Attraktivität des europäischen Finanzstandortes eher stärkt.

Im Rahmen des EU-Gipfels am 18. Dezember soll darüber entschieden werden, ob die russischen Vermögenswerte für die Ukrainehilfen verwendet werden sollen. Denken Sie, dass sich die Mitgliedstaaten in dieser Sache einig werden?

Ich glaube, wir müssen es. Das ist auch ein Lackmustest unserer Handlungsfähigkeit. Am Ende wird es auf Belgien ankommen. Die Vermögenswerte liegen überwiegend in Belgien, da ist es wichtig, die validen Sorgen der Belgier auch anzuhören. Wir müssen einerseits Vertrauen schaffen, dass das international rechtlich möglich ist. Andererseits muss auch klar sein, dass, wenn Belgien Konsequenzen drohen sollten, die anderen Mitgliedstaaten die Belgier dann nicht alleine lassen, sondern sie solidarisch unterstützen.

Im Vorschlag der Kommission ist das integriert – ich hoffe, dass man das in Belgien sieht. Es geht um viel. Europa muss mit an den Verhandlungstisch, es geht schließlich auch um unsere Sicherheit. In der internationalen Politik gibt es das Sprichwort: Wenn man nicht am Tisch sitzt, landet man schnell auf der Speisekarte. Wie schnell das bei Trump und Putin passieren kann, haben wir in den letzten Tagen gesehen. Das müssen wir verhindern, indem wir die Hebel, die wir haben, auch nutzen.

Was kommt auf die Ukraine und Europa zu, falls am 18. Dezember keine Einigung zustande kommen sollte?

Die Ukraine wird weiterkämpfen, aber der Krieg wird sich noch viel weiter unnötig in die Länge ziehen. Europa wird die Ukraine weiter unterstützen müssen, auch im eigenen Interesse. Denn seien wir nicht naiv: In diesem Krieg geht es nicht nur um die Ukraine. Putin möchte die NATO auseinandersprengen, die EU zerstören und unsere Gesellschaften spalten.

Europa ist dabei für ihn der Hauptgegner, weil Putin weiß, dass er gegen ein geeintes Europa kaum seine aggressiven Ziele durchsetzen könnte und auch weil die Art und Weise, wie wir in Europa leben, die Lügen seines eigenen Regimes infrage stellt. Der Erfolg von freiheitlichen Gesellschaften ist das, was Putin am allermeisten Angst macht. Deshalb versucht er ja jetzt schon, mit allen Mitteln einen Keil zwischen uns und die Amerikaner zu treiben, uns mit hybrider Kriegsführung und Desinformation einzuschüchtern, und unsere Gesellschaften durch die Unterstützung rechtspopulistischer Parteien zu spalten. Das dürfen und werden wir nicht zulassen.

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7 Kommentare

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Di., 16.12.2025 - 10:48

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Seit mehreren Tagen lässt sich in jeder Kategorie das Menü "Alle Texte anzeigen" nicht mehr öffnen. Ist das Putins hybrider Krieg gegen den Vorwärts oder gegen mich?

Gespeichert von Kai Doering am Mi., 17.12.2025 - 09:51

Antwort auf von Rudolf Isfort (nicht überprüft)

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Zum Glück ist es nicht ganz so staatstragend, sondern nur ein ärgerliches technisches Problem, das hoffentlich schnell gelöst wird.

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Di., 16.12.2025 - 14:32

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„Zu richtigen Verhandlungen wird es mit Putin erst kommen, wenn wir in einer Position der Stärke sind, ihm Entschlossenheit demonstrieren und einen Anreiz setzen können, diesen Krieg so schnell wie möglich zu beenden“. Was sagt Cremer mit diesem Satz?

Wenn die „Position der Stärke … erst richtige Verhandlungen“ ermöglicht, dann müsste Putin ja jetzt zu „richtigen Verhandlungen“ bereit sein, denn, so sieht es aus, er befindet sich in genau so „einer Position der Stärke“. Hat „eine Position der Stärke“ aber nur dann ihre heilsame Wirkung, wenn „wir“ sie besitzen, dann sagt Cremer, dass Putin nicht „richtig“ verhandeln will, solange er nicht unsere Bedingungen annimmt. Und genau das steckt hinter der ständigen Behauptung, die dadurch aber nicht richtig wird, dass Putin „jede Friedensinitiative herauszögert“, gar nicht verhandeln will. Nur zur Erinnerung: Die Russische Föderation hat im Dezember 2021 einen Vorschlag gemacht, das Konfliktfeld, das zum Krieg führte, zu bereinigen.

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Di., 16.12.2025 - 14:35

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USA und Nato, also wir, sind nicht darauf eingegangen. Einen Monat nach dem Einfall Russlands hat es vielversprechende Verhandlungen zwischen den beiden direkten Kriegsparteien gegeben: Wir haben sie der Ukraine ausgeredet. Der Ukraine-Gipfel 2024 in der Schweiz -“ viel Symbolik vor malerischer Kulisse“ – brachte keine Fortschritte, weil Selenskyj und Putin „zwar gesprächsbereit sind, aber ihre Vorstellungen weit auseinander liegen“ (Tagesschau, 16.6.24): Einem oder beiden fehlte wohl die „ Position der Stärke“.

Cremer braucht „eine Position der Stärke“ gegenüber Putin. Wie anstellen, verrät er nicht, es sei denn, er meint, „Entschlossenheit demonstrieren und einen Anreiz setzen“ bewirkten einen solchen Stärke-Wechsel. Die „Entschlossenheit“ hier bezieht sich auf „einen bisher ungehobenen Schatz, dem eingefrorenen russischen Staatsvermögen in Höhe von mehr als 200 Milliarden Euro“. Entschlossen und nicht geeint, will sich die EU dieses hauptsächlich in Belgien hinterlegte

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Di., 16.12.2025 - 14:38

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russische Vermögen aneignen, mit ihm ein EU-“Reparationsdarlehen“ absichern und dieses der Ukraine überlassen. Die müsste es der EU zurückzahlen, wenn Russland später Reparationszahlungen leisten würde – falls es dazu kommt. (Wer bezahlen muss, wenn Russland keine Wiedergutmachung leistet, muss nicht gefragt werden.)
Dass Russland, das weder mit Belgien noch einem anderen EU-Land im Krieg liegt, diese „Enteignung“ als eine Art Kriegshandlung Belgiens oder Deutschlands ansehen könnte, bekümmert Cremer nicht, denn „eine solche Eskalation (hat Russland) immer wieder androht, ist also ein vollkommen zu erwartender strategischer Versuch, um uns einzuschüchtern, … der in erster Linie zeigt: der Hebel wirkt“. Juristische und finanzpolitische Implikationen – ich darf erinnern: Wir sind die Guten, die Recht Schaffenden und Recht Befolgenden - fürchtet Cremer auch nicht. Hauptsache „der Hebel wirkt“.

Russland kann auf sein Vermögen in der EU derzeit nicht zugreifen.

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Di., 16.12.2025 - 14:41

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Falls das juristisch so bleibt, ist sein Vermögen so lange weg, bis wir es ihm freiwillig wieder zurückgeben. (Vielleicht hätte Russland noch einige Pfeile im Köcher.) Da wir diese Absicht nur haben werden, wenn Russland demnächst Reparationen zahlt, kauft Russland sein in der EU hinterlegtes Vermögen mit seinen eigenen Reparationszahlungen frei. Wo sollte Russland da irgendeinen Anreiz sehen können, den Krieg zu beenden? Das Geld ist so oder so weg – falls es so kommt, wie Cremer herbeiredet, und ihm Trump nicht noch einen Strich durch die Rechnung macht.

„Der Erfolg von freiheitlichen Gesellschaften ist das, was Putin am allermeisten Angst macht. Deshalb versucht er ja jetzt schon, mit allen Mitteln einen Keil zwischen uns und die Amerikaner zu treiben“. Das sind doch Wahrnehmungsstörungen, oder?

Ich möchte nicht von Politikern vertreten werden, die Texte wie „Ukraine-Krieg: Warum es jetzt auf die russischen Gelder ankommt“ verfassen.

Gespeichert von Peter Plutarch (nicht überprüft) am Di., 16.12.2025 - 14:59

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Die rechtliche Beurteilung des Sachverhalts ist einfach, aber anders als der Artikel Glauben machen will. Weder die EU noch Euroclear können ein Recht nachweisen, die eingefrorenen Mittel als Sicherheit für ein Darlehen der EU an die Ukraine zu verwenden. Ohne dieses Recht ist die Belastung der Mittel Diebstahl. Um diese einfache Schlussfolgerung zu widerlegen, bräuchte es mehr als die Ablenkungsmanöver in dem Artikel.
Weil die Rechtslage so eindeutig ist, wehren sich die belgische Regierung, Euroclear und eine stetig zunehmende Gruppe in der EU. Weil der europäische Steuerzahler für die absehbar erfolgreiche russische Klage gegen Euroclear einstehen müsste. Eine Bauchlandung für von der Leyen und Merz steht bevor.
Frage an den Vorwärts: Warum übernehmen die EU und die anderen EU-Staaten keine gesamtshculdnerische Mithaftung, um Belgien im Fall einer erfolgreichen Klage beizustehen? Meine Antwort: Weil sie wissen und billigend in Kauf nehmen, dass diese Vorgehensweise illegal ist.