Brandmauer im EU-Parlament: „Schwarzer Tag für die europäische Demokratie“
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SPD-Europaparlamentarier René Repasi: Manfred Weber verfolgt bei der Zusammenarbeit mit der extremen Rechten eine Salami-Taktik.
Am Donnerstag hat das Europaparlament das europäische Lieferkettengesetz deutlich abgeschwächt. Der Beschluss kam nur zustande, weil die konservative EVP-Fraktion mit der extremen Rechten abgestimmt hat. Mit etwas zeitlichem Abstand: Was ist da passiert?
Dieser Donnerstag war ein schwarzer Tag für die europäische Demokratie. Wir mussten erleben, wie die EVP bei der Schlussabstimmung ganz offen mit der extremen politischen Rechten von EKR über „Patrioten“ bis „Souveränisten“ abgestimmt und letztlich eine Mehrheit erreicht hat.
War das aus Ihrer Sicht geplant oder eine „Zufallsmehrheit“?
Aus meiner Sicht war das eine von vorne bis hinten geplante taktische Zusammenarbeit der Christdemokraten mit den Rechtsextremisten. Die EVP-Fraktion zieht sich natürlich auf die Argumentation zurück, dass sie ja nichts dafürkönne, wer für ihre Anträge stimmt. Aber das halte ich für Unsinn. Die für das Lieferkettengesetz zuständige Abgeordnete bei den „Patrioten“ aus der Le-Pen-Partei „Rassemblement National“ hat sich ja öffentlich damit gebrüstet, dass sie EVP sie vor der Abstimmung täglich angerufen habe, um sich zu versichern, dass ihre Fraktion auch wirklich für die Änderungsanträge der EVP stimmt.
René
Repasi
Der zuständige christdemokratische Berichterstatter hat uns früh signalisiert, dass seine Fraktion das nicht mitträgt und offen mit anderen Mehrheiten geliebäugelt.
Ihre Fraktion hat lange nach einem Kompromiss bei Lieferkettengesetz mit der EVP gesucht. Woran ist der gescheitert?
Zur Ehrlichkeit gehört dazu, dass es sich bei den Verhandlungen um ein sehr verworrenes Verfahren gehandelt hat. Uns als S&D-Fraktion war die Haftungsfrage besonders wichtig, ob also ein Unternehmen dafür haftbar gemacht werden kann, wenn sich Zulieferer nicht an die Vorgaben des Gesetzes halten. Der zuständige christdemokratische Berichterstatter hat uns früh signalisiert, dass seine Fraktion das nicht mitträgt und offen mit anderen Mehrheiten geliebäugelt.
Es ging dann im zuständigen Rechtsausschuss einige Male hin und her. Zwischenzeitlich trat noch unsere Schattenberichterstatterin zurück, sodass ich die Verhandlungen übernehmen musste. Damals hatte ich Hoffnung, dass es in der EVP Kräfte gibt, die einen Wert an sich darin sehen, dass man Kompromisse in der Mitte des Parlaments schließt.
Die EVP hat dann im weiteren Verlauf aber immer weitere Forderungen gestellt, etwa die Löschung der Klimapläne. Das lässt bei mir nur die Schlussfolgerung zu, dass der EVP gar nicht an einer Einigung der demokratischen Kräfte gelegen war. Und das, obwohl wir den allergrößten Teil des Lieferkettengesetzes gemeinsam verhandelt hatten.
Nach der Entscheidung vom Donnerstag ist viel von einem „Dammbruch“ die Rede und vom Ende der „Brandmauer“. Ist mit der EVP-Fraktion nun überhaupt noch eine Zusammenarbeit möglich oder werden sich solche Situationen nun wiederholen?
Das hängt aus meiner Sicht sehr stark damit zusammen, mit welchem EVP-Verhandler man es zu tun hat. Die verhandeln in ihren Bereichen relativ autonom, ohne dass die Fraktionsführung sich da einmischt. Manchen ist mehr daran gelegen, eine Mehrheit im demokratischen Spektrum zu bekommen. Andere haben wenig Hemmungen, mit den Rechtsextremen zusammenzuarbeiten. Dabei spielt auch immer eine Rolle, wie die Situation in den jeweiligen Herkunftsländern ist.
René
Repasi
Uns ist die pro-europäische Mehrheit im Parlament sehr wichtig, aber wir können auch nicht diejenigen sein, die der EVP immer dann zu Mehrheiten verhilft, wenn es ihr gerade passt, und ansonsten stehen die Rechtsextremen als Reserverad parat.
Nach der Abstimmung haben Sie den Vorsitzenden der EVP-Fraktion, Manfred Weber, scharf kritisiert. Wieviel Schuld trägt er an den Vorkommnissen?
Weber hat schon länger nach einer Gelegenheit gesucht, in der er zeigen kann, dass es alternative Mehrheiten im Europaparlament gibt. Insofern hat er die Situation nicht unbedingt angeheizt, aber sie doch zumindest billigend in Kauf genommen. Auf Ebene der Ausschüsse gab es solche Situationen ja schon öfter, aber bisher nicht im Parlament. Manfred Weber verfolgt bei der Zusammenarbeit mit der extremen Rechten eine Salami-Taktik: erst mit kleinen Entscheidungen, dann mit rechtlich nicht bindenden Resolutionen und jetzt mit der Abstimmung im Parlament. Bisher hat sich der Staub nach einem ersten Aufschrei immer schnell gelegt. Mal sehen, wie es diesmal sein wird. Den großen Widerstand aus den Hauptstädten der EU sehe ich bisher jedenfalls nicht.
Wie wird die S&D-Fraktion damit umgehen?
Das werden wir jetzt beraten. Uns ist die pro-europäische Mehrheit im Parlament sehr wichtig, aber wir können auch nicht diejenigen sein, die der EVP immer dann zu Mehrheiten verhilft, wenn es ihr gerade passt, und ansonsten stehen die Rechtsextremen als Reserverad parat. Das werden wir nicht mit uns machen lassen.
Ursula von der Leyen und ihre Kommission sind im vergangenen Jahr mit einer pro-europäischen Mehrheit gewählt worden. Was bedeutet die Entscheidung von Donnerstag für sie?
Ursula von der Leyen kann darüber nicht glücklich sein. Die Kommission war ja an der Ausarbeitung des Lieferkettengesetzes beteiligt und wir haben sie früh gewarnt, dass die Haftungsfrage für uns eine rote Linie ist. Das wurde in den Wind geschlagen. Insofern kann man Ursula von der Leyen nicht vorwerfen, dass sie aktiv daran gearbeitet hat, dass es so kommt wie es jetzt gekommen ist. Aber über die Art und Weise wie es zum Entwurf des Gesetzes gekommen ist, hat einen Beitrag dazu geleistet.
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.
male, die Sperrminorität, die wir aus der Brandmauer erzielen, in Frage gestellt worden, und es wird sich zeigen, wie diese Frage sich zukünftig entwickeln wird. Nun geht der CDSU auch noch die J U von der Fahne, so dass wir den Rentenkompromiss, ohnehin kein Ruhmesblatt der Sozialdemokratie, auch noch werden aus der Hand geben müssen. Ich hoffe doch sehr, dass es unserer Führung gelingt, hier noch einmal mit großem Nachdruck die Brandmauer zu verteidigen. Wo und was wären wir ohne sie?
Herr Weber, wie bereits Merz im vergangenen Winter, hat bewiesen, dass das Gerede der "CD"U/"CS"U von einer Brandmauer völlig unglaubwürdig ist. Wenn es um Machteroberung, Machterhalt oder vor allem Profitinteressen der Lobbyisten geht, wird die sogenannte Brandmauer als irrelevant oder gar nicht existent betrachtet.
Daher muss die SPD im Bund sowie die S&D-Fraktion im EU-Parlament vorsichtig mit den Pseudochristen umgehen und gerade im EU-Parlament die weitere Zusammenarbeit aufkündigen, weil auf die EVP erwiesenermaßen kein Verlass ist.
Vielleicht ist diese Abstimmung ja auch ein Symptom dafür, dass die Verordnungen aus Brüssel gelegentlich so neben der Realität liegen, dass ihnen widerfährt, was jetzt passiert ist? Man kann die Menschen und Unternehmen auch überfordern mit seinen (gutgemeinten) Ideen. Dr. Dieter Falk, AGS BV Hessen-Süd
Man, die SPD, kann darüber klagen, dass die Brandmauer auch in Brüssel immer durchlässiger wird. Strategisch ist es aber schon seit längerem so, dass eine Mehrheit links von der CDSU (- ich breche das Brüsseler Problem auf die BRD herunter -) nur gegen CDSU und AfD gefunden werden kann. Die (eher) linken Parteien müssten darum einen Weg für ein gemeinsames Auftreten/ für einen Zusammenschluss, was auch immer, finden. Wer also nur über die Brandmauer und ihre allmähliche Durchlässigkeit lamentiert, gerät in den Verdacht, so zu agieren, um sich die einzige Option für eine Regierungsbeteiligung zu erhalten. Selbst (– jetzt wieder in Brüssel -) wenn er die Zusammenarbeit über die Brandmauer hinweg am Lieferkettengesetz festmacht.
Für René Repasi „gehört zur Ehrlichkeit dazu, dass es sich bei den Verhandlungen um ein sehr verworrenes Verfahren gehandelt hat“. (Das ist bei geostrategischen, geopolitischen Zusammenhängen immer so. Aber BRD und EU haben bei der Abschätzung der Konsequenzen
ihres Handels noch massiven Nachholbedarf, andernfalls wären wir jetzt nicht in der prekären wirtschaftlichen und politischen Lage, in der wir sind.) Zum Schluss aber haben ganz schnöde reale Abhängigkeiten den Ausschlag beim Wahlverhalten in Brüssel gegeben: „Die USA und Katar hatten Brüssel massiv aufgefordert, seine Nachhaltigkeitsregeln zu entschärfen – sonst drohten wirtschaftliche und energiepolitische Konsequenzen“ (Berliner Zeitung, 16.11.25). Katar und USA hatten unmissverständlich damit gedroht, der EU den LNG-Gashahn zuzudehen. Die EVG hat uns das Gas gerettet, ohne das bei uns alle, im Wortsinne alle, Lichter ausgehen würden.
Der Weg, der uns in diese Lage geführt hat, wurde bereits 2008 betreten und 2022 mit Turbozündung begangen.
Die Debatte rund um die AfD ist missraten. Die inhaltlichen Unterschiede zwischen CDU und AfD sind gering und nehmen weiter ab. Einen extremen Flügel haben beide Parteien (im Übrigen sind wir in der SPD davor auch nicht gefeit).
Taktisch gesehen kann man die AfD nicht dauerhaft marginalisieren und auch nicht verbieten. Dazu ist sie zu groß und breit aufgestellt. Sie ist nicht klar verfassungsfeindlich, da hilft auch die ganze Kosmetik nichts. Unter demokratischen Gesichtspunkten ist der Ansatz ebenfalls abzulehnen, weil die Wähler der AfD dadurch nicht abgeholt, sondern vom demokratischen Diskurs noch mehr abgestoßen werden.
Die SPD hat sich verkalkuliert. Die Gründe für die Stärke der AfD liegen unter anderem in der Abkehr der SPD von ihren wesentlichen Inhalten wie Umverteilung, Prosperität und brandtsche Ostpolitik. Da das mit CDU, FDP und Grünen nicht machbar ist, wäre schon lange Opposition angesagt. Wir verdanken die Situation also der Postengeilheit unserer Parteiführung.