Nürnberger SPD-Kandidat Nasser Ahmed: „Es ging nie nur um Provokation“
Sie haben an der Nürnberger SPD-Zentrale ein überdimensionales Plakat mit Ihrem Gesicht und dem Slogan „Mein N-Wort ist Nürnberg“ aufhängen lassen. Daraufhin gab es heftige bundesweite Reaktionen. Hat Sie das überrascht?
Ja, ich war überrascht, welch weite Kreise das gezogen hat. Mir war schon klar, dass es Gegenwind geben würde, wenn man eine so klare Position bezieht, aber die Intensität und Emotionalität dieser Debatte habe ich so nicht kommen sehen. Ich lese jeden Kommentar und höre mir die Kritik an.
Natürlich trifft und berührt mich das auch, weil ich selbst immer wieder solche schmerzhaften, rassistischen Erfahrungen gemacht habe. Deswegen ist es mir wichtig, das alles ernst zu nehmen. Ich will ein Oberbürgermeister sein, der aus so einer Perspektive heraus gegen Diskriminierung und für Menschenwürde und Demokratie kämpfen wird. Das ist mein Versprechen. Gleichzeitig habe ich eine andere Position als manche der Kritiker, und die lasse ich mir auch nicht nehmen.
Nasser Ahmed: „Ich lasse mich nicht von Rechtsextremen auf meine Identität festlegen“
Manche Kritiker*innen argumentierten, dass durch Ihr Plakat die rassistische Bedeutung des N-Wortes abgeschwächt werde. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?
Ich habe das gelesen und zur Kenntnis genommen, aber ich sehe das anders. Ich persönlich erlebe Rassismus im Alltag täglich, weil ich eine politische Funktion habe und in der Öffentlichkeit stehe. Ich setze mich dagegen zur Wehr, indem ich sage: Ich lasse mich nicht von Rechtsextremen auf diese Identität festlegen, sondern meine Identität ist Nürnberg. Das ist meine Heimat und ich kämpfe dafür, dass sie eine Stadt der Chancen wird, die sich jeder leisten kann, dass es bezahlbares Wohnen und Chancen für jeden gibt.
In den sozialen Medien gab es teilweise auch rassistische Reaktionen á la „So jemand sollte hier gar nicht kandidieren dürfen“. Zeigt Ihnen das, dass die Aktion richtig war?
Ich stehe vollkommen dazu. Das rechtsextreme Lager fühlt sich massiv dadurch angegriffen. Aber die Realität ist: Nürnberg ist multikulturell und vielfältig. Vielfalt ist keine Schwäche, sondern unsere Stärke. Deswegen lasse ich mich als schwarzer Oberbürgermeisterkandidat nicht von Rechtsextremen außerhalb der Gesellschaft stellen, sondern entscheide selbst, welche Identität ich habe. Das ist eine absolute Provokation gegen die Rechtsextremen und auch ein Signal in die Mehrheitsgesellschaft. So war es immer gemeint.
Nasser Ahmed: „Es macht mich traurig, wenn sich Menschen durch das Plakat schlecht behandelt fühlen“
Wie haben die Menschen in Nürnberg auf das Plakat reagiert?
Die allermeisten Nürnbergerinnen und Nürnberger, mit denen ich spreche – an Infoständen, an Schulen oder einfach auf der Straße – sagen mir seit einer Woche, dass sie es verstehen. Sie verstehen, was ich damit sage, und sie finden es mutig und richtig. Auch habe ich dutzende E-Mails bekommen von Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet, auch aus der schwarzen Community, die mir ein Lob ausgesprochen, mich bekräftigt oder sich bedankt haben.
Die Mehrheit versteht meine Botschaft. Es ist eine Botschaft in die Mehrheitsgesellschaft und gegen den Rechtsruck. Das bestärkt mich, auch wenn es mich traurig macht, wenn einzelne Menschen sich durch so ein Plakat nicht gesehen oder schlecht behandelt fühlen. Das nehme ich ernst und spreche auch mit diesen Menschen.
Nasser Ahmed: „Klar wollte ich ein Stück weit provozieren mit diesem Plakat.“
Dazu gehört beispielsweise auch die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD).
Ja, manche Schwarze Menschen sagen mir, dass sie ein Problem damit haben, selbst das zensierte N-Wort zu lesen. Das ist etwas, das ich so vorher nicht gesehen habe. Das respektiere ich. Trotzdem sagen die meisten von diesen Menschen, dass sie mich unterstützen. Das gibt mir Hoffnung.
Klar wollte ich ein Stück weit provozieren mit diesem Plakat, aber es ging nie nur um eine Provokation, sondern mir ging es darum, einen Inhalt zu transportieren. Der Inhalt lautet: Ich lasse mich nicht von euch festlegen, sondern entscheidend ist unsere gemeinsame Heimat und die Mehrheit in dieser Stadt, die Vielfalt, Demokratie und Menschenwürde will.
Ich werbe dafür in dieser Kampagne, es jedem zu ermöglichen, die Chancen zu bekommen, die ich hatte. Dass Nürnberg überhaupt funktioniert wie es funktioniert, ist auch Ergebnis von Jahrzehnten sozialdemokratischer Prägung. Der frühere SPD-Oberbürgermeister Uli Maly hat das immer die solidarische Stadtgesellschaft genannt. Ich möchte daran anknüpfen, damit es für alle selbstverständlich ist, zu sagen: Meine Heimat ist Nürnberg, meine Identität ist Nürnberg und ich gehöre hier dazu. Ich wünsche mir auch, dass meine Tochter mit diesem Selbstverständnis aufwachsen kann.
Nasser Ahmed: „Nun heißt es laufen, laufen, laufen.“
Wie geht es für Sie nun weiter?
Wir haben drei Offensiven ausgerufen, damit die Stadt der Chancen funktioniert. Wir brauchen eine Wohnungsoffensive, weil Wohnen die zentrale Herausforderung unserer Zeit ist. Wir brauchen eine Bildungsoffensive, damit Chancen wirklich Realität werden. Wir brauchen eine Innenstadtoffensive, da der Einzelhandel leidet. Die thematisch dazu passenden Plakate hängen seit Samstag überall in der Stadt.
Nun heißt es laufen, laufen, laufen. Denn nichts zählt im Wahlkampf so sehr wie der persönliche Kontakt. Daher plane ich eine groß angelegte Tür-zu-Tür-Kampagne und eine Punsch-Aktion auf den Marktplätzen. Die Menschen müssen spüren, mit Nasser Ahmed und der SPD geht auch für sie etwas voran in dieser Stadt.
ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo