Comeback nach zehn Jahren: Deshalb will Anneke Graner wieder in den Landtag
Anneke Graner / SPD Baden-Württemberg
Von 2013 bis 2016 war Anneke Graner bereits Mitglied des baden-württembergischen Landtags - zehn Jahre später will sie wieder zurück.
In einer Woche wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Wie läuft der Wahlkampf?
Es läuft gut. Wir sind jetzt auf der Zielgeraden, das bedeutet natürlich auch, dass es nochmal richtig viele Termine sind. Aber das Feedback ist durchaus positiv – und das trotz der Umfragewerte. Wir bleiben also zuversichtlich und geben auch auf den letzten Metern noch unser Bestes.
Welche Momente aus dem Wahlkampf werden Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?
Auf jeden Fall viele. Aber mein persönliches Highlight ist da tatsächlich gar kein typischer Wahlkampftermin, sondern eine Demonstration am letzten Sonntag. Da fand hier in Ettlingen eine AfD-Veranstaltung statt – die AfD hier hatte zwei Landtagsabgeordnete aus Brandenburg eingeladen, die klar aus dem rechtsextremen Lager kommen. Thema sollte – ich zitiere – „Remigration in Theorie und Praxis“ sein.
„Es beflügelt mich immer sehr, wie oft man im Wahlkampf auch mit Menschen in Kontakt kommt, die eben nicht dieses Krisennarrativ bedienen, was bei vielen vorherrscht“
Aber es gab eben auch eine parteiübergreifende Gegendemonstration, und da habe ich gemeinsam mit zwei anderen Landtagskandidaten von der FDP und den Grünen eine Rede gehalten. Das war eine richtig gute Erfahrung, so über Parteigrenzen hinweg gemeinsam Haltung für die Demokratie zu zeigen. Und bei den Demonstrierenden kam das auch gut an.
Aber auch ansonsten gab es viele schöne Momente. Es beflügelt mich immer sehr, wie oft man im Wahlkampf auch mit Menschen hier im Kreis in Kontakt kommt, die nicht dieses Krisennarrativ bedienen, was bei vielen vorherrscht, sondern die Gesellschaft selbst mitgestalten und besser machen wollen.
Zum Beispiel?
Wir haben in Ettlingen eine Landeskoordinierungsstelle für Sternenkinder als Förderprojekt, die ich zu unterstützen versuche, wie ich nur kann. Das ist ein tolles Projekt, bei dem es darum geht, Eltern oder Angehörige, die ihr Kind während der Schwangerschaft, der Geburt oder im ersten Lebensjahr verloren haben, zu unterstützen. Das wurde von einer Frau auf die Beine gestellt, die selbst so einen Schicksalsschlag durchlebt hat und jetzt daraus etwas Positives gemacht hat – denn es gibt in diesem Bereich eine riesige Nachfrage nach Unterstützung. Die bereits vorhandenen Strukturen reichen einfach nicht.
Welche Momente im Wahlkampf waren besonders herausfordernd?
Das waren nicht unbedingt konkrete Momente, aber der Umgang mit der AfD hier bei uns hat mich jetzt noch einmal mehr beschäftigt, als ohnehin schon. Gerade dieses ständige Entscheiden, über welches Stöckchen man im Wahlkampf springen will und was man vielleicht einfach mal ignoriert – das war mir vorher nicht bewusst, dass man sich das immer wieder aufs Neue überlegen muss.
„Ich denke, dass es guttun würde, wenn man nicht immer sofort auf alles reagieren müsste“
2016, als Sie zuletzt für den Landtag kandidiert haben, war die AfD auf der politischen Bühne noch nicht so präsent, wie sie es aktuell ist. Haben Sie noch andere Veränderungen bemerkt im Vergleich zu damals?
Ja, auf jeden Fall. 2016 war ich Mitte 30 und wir haben noch vorrangig mit Pressemitteilungen gearbeitet. Soziale Medien waren da noch gar nicht in diesem Ausmaß relevant, wie sie es jetzt sind.
Heute hat sich das gedreht und ich sehe das ehrlicherweise ziemlich kritisch. Letztlich tragen die sozialen Medien maßgeblich dazu bei, dass wir ständig das Gefühl haben, alle müssen immer möglichst schnell zu allem etwas sagen, damit man noch wahrgenommen wird. Aber das verhindert, dass man sich mal auf ein Argument richtig einlässt und einfach nur zuhört. Gleichzeitig ist völlig klar: Ohne soziale Medien geht es nicht, die gehören mittlerweile zum Wahlkampf dazu. Ich denke nur, dass es guttun würde, wenn man nicht immer sofort auf alles reagieren müsste.
Wieso haben Sie sich entschieden, nach zehn Jahren noch einmal für den Landtag zu kandidieren?
Die Kandidatur ist mein Beitrag für unsere Demokratie. Auch in Baden-Württemberg wird die AfD immer stärker, und ich will mich als Kandidatin mit meinem Wahlkampf, und bestenfalls dann auch im Landtag, dagegenstellen. Der Ton ist härter geworden und der Wahlkampf schwieriger, aber es wird immer wichtiger, Flagge zu zeigen und sich einzubringen.
Als Landesbeamtin im Sozialministerium habe ich die Landespolitik außerdem auch schon aus dem „Maschinenraum“ kennengelernt – aber ich würde gerne wieder meine eigenen Ideen mit einbringen.
„Man kann das nicht einfach so stehen lassen, dass mittlerweile 20 Prozent der Jugendlichen schwere psychische Probleme haben“
Welche sind das?
Mein absolutes Herzensthema ist die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Die hängt für mich klar mit den sozialen Medien zusammen, da hat die Bundes-SPD das Thema auch schon klar gesetzt mit dem Vorschlag zum abgestuften Social-Media-Verbot. Hier vor Ort im Wahlkampf bin ich aber die Einzige, die dieses Thema immer wieder nach vorne bringt. Man kann das nicht einfach so stehen lassen, dass mittlerweile 20 Prozent der Jugendlichen schwere psychische Probleme haben.
Eigentlich ist das aber ein Thema der Bundespolitik. Inwiefern sehen Sie da auf Landesebene Gestaltungsspielraum?
Klar, die Gesetzgebung passiert auf Bundesebene. Es bringt nichts, wenn sich jedes Bundesland seine eigenen Regeln ausdenkt. Aber wenn es um den Schulbereich, beispielsweise um Medienkompetenz, geht, haben die Länder die Verantwortung. Die Leopoldina-Akademie hatte in ihrer Forderung nach einem Social-Media-Verbot für Kinder bis 14 Jahre gefordert, das Ganze zum Beispiel mit einer Öffentlichkeitskampagne zur Aufklärung zu begleiten – auch da könnten die Länder eine Rolle spielen.