Meinung

Warum uns der Krieg zwischen Afghanistan und Pakistan Sorge machen sollte

9. März 2026 00:00:00
Der Krieg zwischen Pakistan und Afghanistan könnte sich zum regionalen Flächenbrand ausweiten. Es liegt auch im deutschen Interesse, genauer auf die Krisenregion in Südasien zu schauen.
Straßenszene im pakistanischen Peshawar

Straßenszene im pakistanischen Peshawar

Mit martialischen Worten eskalierte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif vor einer Woche den Konflikt mit Afghanistan: „Unsere Geduld ist am Ende. Jetzt herrscht offener Krieg zwischen uns und euch.“ Nur wenige Stunden zuvor hatte Pakistan Luftangriffe auf Kabul, Kandahar und die Provinz Paktia geflogen, während entlang der Grenze schwere Gefechte tobten und afghanische Drohnen Ziele in Pakistan ins Visier nahmen. 

In internationalen Schlagzeilen konnte sich die Eskalation am Hindukusch nicht lange halten

Die Opferzahlen steigen nach UN-Angaben seitdem stetig und verschlimmern die ohnehin schon desolate humanitäre Lage vor allem auf afghanischer Seite. In den internationalen Schlagzeilen konnte sich die Eskalation am Hindukusch allerdings nicht lange halten. Denn am nächsten Tag griffen Israel und die USA den Iran an. Seitdem wachsen die Sorgen um eine immer weitere Ausweitung des regionalen Flächenbrands in der Region des Nahen und Mittleren Ostens bis nach Südasien. 

Das ohnehin schon komplexe Puzzle von Akteuren und Interessen in den beiden miteinander verbundenen Regionen verkompliziert sich weiter. In Deutschland müssen wir uns selbstkritisch eingestehen: Den Entwicklungen in Afghanistan wurde seit der Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Und zu oft rückte auch Pakistan im Schatten der prioritären deutsch-indischen Partnerschaft in den Hintergrund. Auf Afghanistan wie auch auf Pakistan braucht es dringend einen strategischeren Blick.

Doch der Reihe nach: Der afghanisch-pakistanische Konflikt hat tiefe historische Wurzeln. Bis heute hat keine afghanische Regierung die 1893 zwischen dem kolonialen Britisch-Indien und dem Emirat Afghanistan festgelegte und mit der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans 1947 zementierte Durand-Linie offiziell als Grenze anerkannt. 

Immer wieder kommt es zu Kämpfen entlang der Grenze

In den letzten Jahren gab es mehrere längere Kampfepisoden entlang dieser umstrittenen Linie, die das Siedlungsgebiet der Paschtunen durchschneidet. Seit Oktober 2025 galt ein brüchiger, von Katar und der Türkei vermittelter Waffenstillstand.

Unmittelbarer Auslöser der jüngsten Eskalation war ein verheerender Selbstmordanschlag durch die pakistanische Terrororganisation Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) auf eine schiitische Moschee in Islamabad Anfang Februar, bei dem über 30 Menschen getötet und knapp 200 verletzt wurden. 

Die TTP in Pakistan ist eine eigenständige Bewegung und nicht zu verwechseln mit den afghanischen Taliban, obgleich sie dschihadistische Brüder im Geiste sind. Ihre Terrorakte haben insbesondere seit dem Fall Kabuls stark zugenommen. Dabei zielen sie bewusst auf die Zentren der staatlichen Macht bis in die pakistanische Hauptstadt. 

Pakistan hat seine Flüchtlingspolitik verschärft

Pakistan wirft Afghanistan vor, der TTP ebenso wie dem lokalen Ableger des Islamischen Staates einen sicheren Rückzugsraum zu geben. Pakistanischen Militäroperationen gegen afghanische Ziele fallen immer wieder Zivilisten zum Opfer, zuletzt auch Mitglieder eines afghanischen Cricket-Teams. Zudem wurde die Grenze mit einem massiven Zaun befestigt und Übergänge für Personen wie Waren wurden wiederholt geschlossen. 

Die pakistanische Seite hat auch die Flüchtlingspolitik verschärft und hunderttausendfach afghanische Geflüchtete „rückgeführt“ – genauso wie Geflüchtete aus dem Iran. Die ohnehin dramatische wirtschaftliche und soziale Not in Afghanistan wird so noch einmal verstärkt. 

Den De-facto-Machthabern in Kabul und ihrer Führung in Kandahar kommt das in ihren Bemühungen um Stabilisierung und Wiederaufbau denkbar ungelegen. Militärisch ist Pakistan den afghanischen Kämpfern, die nicht zuletzt von nach dem Abzug der internationalen Truppen erbeuteten Waffen und Ausrüstung zehren, deutlich überlegen. Pakistan hat zudem die Hoheit über den afghanischen Luftraum. 

Nicht nur die USA scheiterten in Afghanistan

Aber bereits die Sowjetunion, die USA und andere Staaten mussten die schmerzliche Erfahrung machen, dass die Überlegenheit ihrer Armeen allein keinen Sieg am Hindukusch bedeuten muss. Für Pakistan ist das besonders bitter, hatte man doch gehofft, vom Machtwechsel in Afghanistan zumindest ein Stück weit profitieren zu können – nachdem man jahrelang mindestens toleriert hatte, dass afghanische Aufständische und Terrorgruppen, auch solche mit Verbindungen zum brutalen Haqqani-Netzwerk, auf pakistanischem Gebiet Schutz fanden. Eine Fehlkalkulation, wie sich nun zeigt.

Geopolitisch spielen vor allem China und Indien eine herausgehobene Rolle im Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan. Die chinesisch-pakistanische „Allwetter-Partnerschaft“ wird durch Anschläge auf Infrastrukturprojekte im Rahmen des China-Pakistan Economic Corridor regelmäßig auf die Probe gestellt. Der Korridor soll – in Gestalt des Hafens von Gwadar – Peking den Zugang zum Arabischen Meer sichern, unter Umgehung des Nadelöhrs in der Straße von Malakka. 

Zugleich spielten in China produzierte Kampfjets und Militärtechnik eine wichtige Rolle bei Pakistans kurzem, aber gefährlichem Waffengang mit Indien in der Kaschmir-Region im Mai 2025.

Indien baut seine Beziehungen zu den Taliban aus

Indien baut im Zuge der regionalen Machtverschiebungen seine Beziehungen zu den Taliban aus, ohne sie formal anzuerkennen. Im Herbst 2025 war der afghanische Außenminister Muttaqi zu Besuch in Neu-Delhi; zudem möchte die indische Regierung ihre Botschaft in Kabul wieder vollwertig eröffnen. Ob deswegen gleich die pakistanische Behauptung trägt, Indien führe über die und mit den Taliban Krieg gegen Pakistan, steht auf einem anderen Blatt. 

Richtig ist aber, dass Indien vor allem bis zur Machtübernahme der Taliban 2021 einen strategischen Transportkorridor zwischen Indien und Afghanistan über den iranischen Tiefseehafen Chabahar zur Umgehung Pakistans forcierte. Der Krieg um den Iran bedeutet dabei nun einen weiteren Rückschlag für Indien. Besonders brisant für Delhi ist zudem, dass die Versenkung eines iranischen Kriegsschiffs durch ein US-U-Boot vor Sri Lanka den Konflikt inzwischen bis in den Indischen Ozean trägt.

Zu Recht war man in der Region nach dem chaotischen Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan besorgt über ein dadurch entstehendes Sicherheitsvakuum.

In Südasien ist ein Sicherheitsvakuum entstanden

Wir wissen heute: Es ist entstanden. In der jetzigen Lage ist das Risiko einer regionalen schiitischen Mobilisierung real, wie die tödlichen Zusammenstöße beim versuchten Sturm auf das US-Konsulat in Karatschi und ähnliche Bilder aus Lahore und Islamabad zeigen. 

Die Lage ist insbesondere in der Hauptstadt angespannt, nicht unähnlich dem „Marsch auf die Hauptstadt“ in Solidarität mit Gaza, den die islamistische Tehreek-e-Labbaik Pakistan im vergangenen Jahr inszeniert hatte. Auch Pakistans Teilnahme am Board of Peace von Donald Trump wird in der Bevölkerung kritisch gesehen, was zu weiteren Protesten geführt hat.

Zudem bleibt die Grenzregion Belutschistan ein Unruheherd. Dort hatten Iran und Pakistan Anfang 2024 wechselseitig Luft- und Raketenschläge auf militante Gruppierungen auf der jeweils anderen Seite der Grenze ausgeführt. Lokalen Berichten zufolge haben unlängst militante belutschische Gruppen aus Pakistan die Grenze in den Iran überschritten. Ob dies letztlich bestätigt wird oder nicht – derartige Meldungen verdeutlichen das Risiko einer weiteren Konfliktausdehnung.

Praxistest für einen geopolitischen Paukenschlag 

Abzuwarten bleibt, ob, und wenn ja, in welcher Form das im September 2025 zwischen Pakistan und Saudi-Arabien geschlossene Verteidigungsbündnis aktiviert wird. Pakistans Außenminister Ishaq Dar nahm vor einigen Tagen im Parlament direkten Bezug darauf und erklärte, man sei in Kontakt mit Iran, um weitere Angriffe auf Saudi-Arabien zu verhindern. 

Das Bündnis wäre ein schneller Praxistest für den als geopolitischen Paukenschlag beschriebenen Deal zwischen Islamabad und Riad. Denkbar ist aber genauso, dass der afghanisch-pakistanische Konflikt vorerst auf die beiden Kontrahenten beschränkt bleibt und entlang des bisherigen Eskalationsmusters weiter verläuft. Freilich wäre dies mitnichten beruhigend, vor allem wäre es für die vielen unschuldigen Zivilisten auf beiden Seiten ein Drama.

In jedem Fall sollten die besorgniserregenden Entwicklungen in und um Afghanistan und Pakistan für uns ein Weckruf sein. Wir haben das Land am Hindukusch spätestens mit dem Abschluss der Arbeit des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses und der Enquete-Kommission zu Afghanistan in der vergangenen Legislaturperiode des Bundestags aus den Augen verloren. Und wir haben die Menschen in Afghanistan allein gelassen. 

Deutschland hat viele Interessen in der Region

Das Schicksal von Millionen Afghaninnen und Afghanen darf nicht dauerhaft davon abhängen, welche De-facto-Autoritäten dort regieren. Den Frauen- und Menschenrechten ist damit nicht geholfen.

Zudem haben wir eigene Interessen – von Sicherheit über Migration bis zu Handel, Konnektivität und Ressourcen – die wir gerade in Südasien wieder strategischer in den Blick nehmen müssen. Nichts weniger gilt für Pakistan, wo nicht nur die verheerenden Fluten oder die hoch prekäre Lage von schutzbedürftigen ehemaligen Ortskräften und Partnern unsere Aufmerksamkeit brauchen. Eine Konkretisierung und Substantivierung der Interessenpartnerschaft mit dem bevölkerungsmäßig fünftgrößten Land der Erde liegt in unserem besonderen Interesse.

Der Beitrag erschien zuerst im ipg-journal

Autor*in
Mirco Günther

ist Leiter des Regionalbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung für Asien mit Sitz in Singapur. Er war zuvor Büroleiter in Afghanistan und hat Politikwissenschaft u.a. an der Harvard Universität und St. Andrews studiert.

Autor*in
Benedikt Ivanovs

ist in der Friedrich-Ebert-Stiftung im Referat Asien und Pazifik für Indien, Nepal und Pakistan zuständig. 

Weitere interessante Rubriken entdecken

Noch keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.