Straffreiheit: Der falsche Bonus für Steuerbetrüger
imago/Sven Simon
Uli Hoeneß wurde 2014 wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Er hatte sich zuvor selbst angezeigt, aber keine Straffreiheit erhalten, weil die Selbstanzeige unvollständig war.
Bis zu 200 Milliarden Euro entgehen dem Staat Schätzungen zufolge jährlich durch Steuerbetrug. Das entspricht etwa dem Sechsfachen von dem, was Deutschland dieses Jahr in Schienen, Straßen und Brücken investiert. Geld, über das jedes Mal erbittert gestritten wird, wenn es um die Modernisierung dieses Landes geht.
Zu den Instrumenten im Kampf gegen Steuerhinterziehung gehört die Straffreiheit bei Selbstanzeige: Wer sich freiwillig meldet, bevor eine Steuerprüfung angesetzt war, entgeht einer Strafe. Seit es besteht, ist das Instrument umstritten. Kritiker*innen sagen zu Recht: Wer eine Person ausraubt, kommt schließlich auch nicht straffrei davon, nur weil er sich anschließend stellt. Wieso sollte das für jemanden gelten, der dem Staat das Geld für Schulen, Kitas und Krankenhäuser klaut?
Weshalb die Selbstanzeige hilfreich ist
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) will die Straffreiheit „in ihrer heutigen Form“ abschaffen. Das ist ein richtiger Schritt: Das Instrument sollte nicht komplett verschwinden, setzt aber in ihrer heutigen Form einen falschen Anreiz.
Zunächst einmal hat es einen unbestrittenen praktischen Nutzen. Wer sich offenbart, muss die hinterzogenen Steuern nachzahlen, dazu Zinsen und teils ordentliche Zuschläge. Außerdem muss er lückenlos die letzten zehn Jahre nacherklären. Unterläuft dabei auch nur ein Fehler, ist die Chance auf Straffreiheit vertan. Das erspart den personell unterbesetzten Finanzbehörden aufwendige Ermittlungen, die auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz kaum abfedern kann. Es gibt also gute Gründe, weiterhin Anreize für eine Selbstanzeige zu schaffen.
Warum Straffreiheit das falsche Signal sendet
Trotzdem müssen die Folgen einer Tat angemessen sein zu ihrer Schwere. Wer Millionen am Fiskus vorbeischleust, schadet der Allgemeinheit massiv. Er sollte sich unter keinen Umständen freikaufen können – auch nicht unter strengen Auflagen. Dass es selbst in schweren Fällen von Steuerbetrug oder organisierter Steuerhinterziehung möglich ist, straffrei davon zu kommen, sendet ein falsches Signal.
Eine Selbstanzeige sollte ihren Anreiz behalten, aber keine Straffreiheit garantieren. Denkbar wären stattdessen gemilderte Strafen.
Ohnehin ist fraglich, ob die ursprüngliche Idee der Straffreiheit aufgeht. Die meisten Steuersünder*innen melden sich ja nicht, weil sie urplötzlich einsichtig werden. Als die Bundesregierung 2006 Steuer-CDs ankaufte, schnellten die Selbstanzeigen nach oben, nicht aufgrund eines schlechten Gewissens, sondern weil die Angst in der Regel mit dem Entdeckungsrisiko steigt.
Mehr Entdeckungsrisiko statt Hoffnung auf Einsicht
Die Pläne des Bundesfinanzministers gegen Steuerkriminalität setzen genau dort an: Ein neues Zentrum mit mehr Steuerfahndern, bessere digitaler Ermittlung und Datenaustausch, eine stärkere Vernetzung der Behörden, auch international. Schwere Fälle von Steuerhinterziehung sollen wieder als Verbrechen gelten, mit Freiheitstrafen von bis zu 15 Jahren, und nicht wie bisher mit maximal zehn.
Das ist der richtige Hebel: Ein handlungsfähiger Staat lebt nicht von der Hoffnung auf Einsicht, sondern von der Gewissheit, dass Steuerbetrug – früher oder später – ohnehin entdeckt wird und wirksam geahndet.
Sehr geehrte Frau Hensen, es ist gut, dass Sie dieses Thema weiter in der Diskussion halten. Sehr gut!
Nur - die SPD ist hier viel zu langsam !!!
Schon 2018 hat Norbert Walter-Borjans das hervorragende Sachbuch
Steuern - Der große Bluff
vorgelegt.
Da steht schon vieles von dem, was auch heute noch (und verstärkt) "unter den Nägeln brennt".
Hat das in der Spitzen- SPD niemanden interessiert ???
Oder galt/gilt auch in den entscheidungsrelevanten Ebenen der SPD die
Waigel'sche These/das Waigel'sche Totschlagsargument: Kapital ist ein scheues Reh!?
Lieber Helmut,
leider muss ich Dir in einem Satz widersprechen, wenn Du schreibst "die SPD ist hier zu langsam", denn in meinen Augen ist sie nicht zu langsam, sondern untätig (!!!).
Was nützen Plakate, Demos, Infostände vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt etc., wenn unsere Regierungsmitglieder weder gegen Steuerhinterzieher noch gegen Steuerungerechtigkeit, horrende Profite der Ölmultis, Immobilienkonzerne etwas unternehmen? Diese Untätigkeit bzw. devote Haltung gegenüber den Pseudochristen in der Regierung schadet hauptsächlich der SPD und hilft der AfD!!!
Lieber Peter,
einem aufrechten und klugen SPD-Urgestein wie Dir kann ich in der Sache nicht widersprechen.
Das von mir verwendete "zu langsam" kann eine Umschreibung sein für den Zustand, dass die SPD
hier jedenfalls 'mehr' will als die BlackRock-Merz-CDU.
Dass dies alles noch viel zu defizitär ist, bedarf keine Frage! Aber 'etwas' ist besser als gar nichts.
Mit besten Wünschen für eine gute Zeit - Helmut
Jetzt bin ich etwas irritiert. Dachte ich doch bislang, dass man durch die Taufe und einem damit verbundenen Bekenntnis - unwiderruflich und unumkehrbar - in die christliche Gemeinschaft aufgenommen ist. Sollte sich daran etwas geändert haben? Entscheiden neuerdings andere Verfahren oder Institutionen - vielleicht die KAB Trier - hierüber?
Herr Kolb, ist das Ihr wahres Niveau ???
P.S.
War Jesus von Nazareth Mitglied der Katholischen Kirche, einer Protestantischen, einer Orthodoxen Kirche ?
Bestimmt nicht !
Steuerhinterziehung ist und bleibt strafbar. Richtig! Bei Steuerverschwendung ist es anders. Richtig oder falsch? Ich weiß es nicht. "Kapital ist ein scheues Reh" - investiertes Kapital sucht - immer - Rendite, was denn auch sonst? Die Steuer- und Abgabenreglung aller Staaten wie auch die international gehandelten Staatsanleihen berücksichtigen solche banalen Binsenweisheiten. Klar, dass "Sozialismus" deshalb von Anfang an international ausgelegt sein wollte. Warum, Herr Gelhardt, wechseln Sie nicht zur Partei "Die Linke"? Viele Genossen sind schon dort! Andere allerdings auch in der AfD.
Ich mache aus meinem politischen Herzen keine Mördergrube. Gerne für Sie zur Klarstellung:
Ich bin und bleibe demokratischer, unabhängiger, ökologischer Links-Sozialist.
Dass Sozialismus "deshalb von Anfang an international ausgelegt sein wollte" halte
ich inhaltlich für absolut richtig.
Zu "Andere allerdings auch in der AfD" -
Dazu kann ich nur sagen: Das waren n i e wirkliche Sozialdemokraten / Demokratische Sozialisten!
Und: Gegen Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens!