Meinung

Edrutschsieg bei den Midterms: Ein Vertrauensvorschuss für die Demokraten

5. November 2026 08:58:51
Mit zum Teil historischen Ergebnissen gewinnen die Demokraten die Zwischenwahlen in den USA. Um auch bei der Präsidentschaftswahl in zwei Jahren erfolgreich zu sein, müssen sie den Vertrauensvorschuss nun einlösen.
Midterms Ergebnissen

Bei den Midterms konnten die US-Demokraten zum Teil historische Siege einfahren. Bis zur Präsidentschaftswahl bleibt aber noch einiges zu tun.

Es war mal wieder ein Rekordwahlkampf in den USA. Einige Beobachter*innen schätzen die Summe der Ausgaben aller Kandidat*innen sowie der kapitalstarken „Super PACs“ – Zusammenschlüssen von Geldgeber*innen – dieses Jahr auf etwa 11,9 Milliarden US-Dollar.

An einigen Orten werden noch Stimmen ausgezählt, doch eines ist schon klar: Eine überwältigende demokratische „Blaue Welle“ überzieht die Vereinigten Staaten. Die Demokraten haben die Umfragen sogar übertroffen und eine komfortable Mehrheit in beiden Kammern errungen.

Für die Republikaner könnte es noch härter kommen

Dass die Demokraten bei den aktuellen Beliebtheitswerten des Präsidenten das Repräsentantenhaus gewinnen würden, war praktisch sicher, denn die Partei des Präsidenten verliert traditionell Sitze bei den Midterms. Dass sie jedoch auch alle sechs umkämpften Senatssitze mit solch komfortablen Abständen gewinnen, ist ein historisch gutes Ergebnis.

Und es könnte noch härter für die Republikaner kommen: In Mississippi, einem der konservativen Südstaaten, wo 2024 mit mehr als 20 Prozent Abstand für Trump gestimmt wurde, sind beide Kandidaten bis auf wenige Dutzend Stimmen gleichauf. Es wäre der erste demokratische Senatssitz in Mississippi seit 1989. Auch in Alaska sieht es nach einem Sieg für die Demokraten aus.

Ein historischer Sieg in Kansas

In vielen Wahlkreisen, in denen Donald Trump noch vor zwei Jahren bei der Präsidentschaftswahl ohne Probleme Mehrheiten besorgen konnte, ist die Stimmung inzwischen gekippt. Zum Beispiel in Muscatine County in Iowa, hier konnte Josh Turek, der für die Demokraten im Senatsrennen antrat, mit sechs Prozentpunkten Abstand vor seiner republikanischen Konkurrentin die Wahl für sich entscheiden.

Vor zwei Jahren hatte Trump denselben Wahlkreis bei der Präsidentschaftswahl noch mit 15 Prozentpunkten Abstand vor Harris für sich entschieden. Ein weiteres Beispiel ist Kansas. Hier hat die demokratische Partei mit ihrem Kandidaten Adam Hamilton das erste Mal seit 1932 (!) einen Senatssitz in dem Staat gewinnen können.

Beeindruckender Achtungserfolg in Florida

Auch interessant sind die Ergebnisse aus Staaten, in denen Republikaner gewinnen konnten, zum Beispiel Florida. Hier behält zwar die Republikanerin Ashley Moody ihren Senatssitz, allerdings mit gerade einmal drei Prozent Vorsprung auf den progressiven Kandidaten des sozialistischen Flügels der Demokraten, der „DSA“, und das in einem der konservativsten Staaten des Landes. Trump hat Florida vor zwei Jahren noch mit mehr als 13 Prozentpunkten Abstand gewonnen. Auch wenn Trump dieses Mal nicht auf dem Zettel stand, sind das äußerst beeindruckende Zahlen.

Ein weiteres Beispiel ist Erie County im neunten Distrikt in Ohio, eine Gegend, die seit Jahren unter der Globalisierung und verschwindenden Industriejobs leidet. Hier hat bei den Midterms der demokratische Herausforderer Sherrod Brown gegen den Amtsinhaber John Husted (R) gewonnen. Noch 2024 hat Erie County mit 14 Prozentpunkten Abstand Trump gewählt.

Welche Konsequenzen ziehen die Republikaner?

Aber welche Erkenntnisse gewinnen wir aus diesen Ergebnissen? Was jetzt schon klar ist: Donald Trumps MAGA-Kandidaten wurden von den Wähler*innen entschieden abgelehnt. Die Zeit der sicheren Siege für Trumps Lieblingskandidat*innen scheint vorbei zu sein. Spannend wird nun, welche Konsequenzen die Republikaner nun aus diesem Ergebnis ziehen.

Wahrscheinlich ist, dass viele von ihnen versuchen werden, zunehmend Distanz zu Trump zu wahren, aus Angst davor, in Zukunft unwählbar zu sein. Das wäre der Anfang vom Ende des Trumpismus, wie wir ihn kennen, denn ein weiteres Unterwerfen unter Trump wäre nach dieser Wahl politischer Selbstmord für die Republikanische Partei. Trumps Zölle sowie die Benzinpreise aufgrund des Iran-Krieges haben es den republikanischen Kandidaten extrem schwer gemacht, besonders in den überraschend verlorenen Rennen in den Agrarstaaten Kansas und Iowa.

Ein Vertrauensvorschuss für die Demokraten

Zusätzlich haben die Demokraten dieses Jahr junge, dynamische und charismatische Kandidat*innen an den Start gebracht. Angesichts der individuellen Anforderungen der verschiedenen Staaten hat man für jeden Staat geeignete Kandidat*innen gefunden. James Talarico (Texas), Jon Ossoff (Georgia), Abdul El-Sayed (Michigan) und Gina Hinojosa (Texas) sind alle jung sowie rhetorisch begabt und haben die Schwächen der Republikaner zu ihrem Vorteil genutzt. Man kann diesen Wahlausgang also als eine Mischung aus republikanischem Vollversagen der letzten zwei Jahre und effizienten demokratischen Kampagnen verstehen.

Jetzt sollten die Demokraten schnell an die Arbeit, denn halten sie nicht, was sie den Wähler*innen versprochen haben, schlägt das Pendel schnell wieder in die andere Richtung aus. Es ist ein Vertrauensvorschuss, der genauso schnell wieder verpuffen kann, wie er kam.

Autor*in
Marlon Selke

studiert Politikwissenschaften in Göttingen. Zurzeit ist er an der Temple University in Philadelphia.

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