Kultur

„Once Upon A Time in Gaza“: Krisengebiet zwischen Komik und Propaganda

13. February 2026 15:05:10
Selbstbehauptung in einem Reich der Willkür: Anhand von drei Männern erzählt das düster-ironische Drama „Once Upon A Time in Gaza“ von einer Welt, die es nicht mehr gibt.
Szene aus dem Film "Once Upon A Time In Gaza"

Unterwegs in Gaza: Lokalbetreiber Osama und Student Yahya kämpfen sich durch einen Dschungel aus Korruption und Gewalt.

Wer heute auf die Ruinen, die Toten und die Vertriebenen von Gaza blickt, kann sich kaum vorstellen, dass dort einmal so etwas wie ein halbwegs geordnetes Leben möglich war, selbst wenn diese Ordnung, von außen betrachtet, bizarr angemutet hat. Dass man dort Träume haben konnte, anstatt, wie während des jüngsten Krieges zwischen Israel und der Hamas und auch gegenwärtig, nur an das tägliche Überleben zu denken.

Erzählung über Gaza jenseits der Nachrichtenbilder

Dass all dies tatsächlich einmal möglich war, soll der Kinofilm „Once Upon A Time In Gaza“ („Es war einmal in Gaza“) vermitteln. Schon mit dem im Jahr 2020 erschienen Liebesfilm „Gaza mon amour“ („Gaza, meine Liebe“) hatten die Regisseure Tarzan und Arab Nasser das Ziel verfolgt, ihre Heimatregion jenseits der mit den Nachrichtenbildern verbundenen Klischees zu porträtieren. Mit ihrem neuen Film knüpfen die 1988 geborenen Zwillingsbrüder daran an. 

„Once Upon A Time In Gaza“ dreht sich um drei Männer und ihre Weise, sich in einem von Willkür, Korruption und Gewalt geprägten Alltag zu behaupten. Die Handlung setzt vor bald 19 Jahren ein. Im Jahr 2006 hatte die Hamas die Wahl gewonnen, was Israel, mit dem Wohlwollen der internationalen Gemeinschaft, mit der totalen Abriegelung des Küstenstreifens quittierte. Es folgten Kämpfe mit der rivalisierenden Palästinenserorganisation Fatah. Nun, im Sommer 2007, sitzen die radikalen Islamisten fest im Sattel und protzen mit ihrer Macht.

In dieser Zeit des Übergangs gerät einiges durcheinander und es öffnen sich neue Räume: Osama begnügt sich nicht mit den Einkünften seines Falafel-Restaurants und dealt nebenbei mit verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln. Sein Mitarbeiter und Freund Yahya hatte einst große Pläne als Student. Nun frittiert er bis spät in die Nacht Gemüsebällchen. Und träumt weiter. Auch Abou Sami hat Lust auf mehr. Als Polizist besitzt er überdurchschnittlich viel Macht über andere. Warum sollte er nicht auch von verbotenen Geschäften mit Medikamenten profitieren? An Osamas Falafeltresen laufen diese Stränge zusammen und es kommt zur Katastrophe.

Action-Propagandastreifen über einen „Märtyrer“ der Hamas

Die zweite Filmhälfte wird durch einen Film im Film bestimmt: Eines Tages winkt Yahya die Chance für den Durchbruch als Schauspieler. Die neue Führung in Gaza hat einen Action-Propagandastreifen über einen verdienten Kämpfer in Auftrag gegeben, der in der Eingangsszene zu Grabe getragen wurde. Der junge Mann bekommt die Titelrolle, weil er dem „Märtyrer“ täuschend ähnlichsieht. Doch dieses Glück ist nur von kurzer Dauer.

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Die eindringlichen Bilder vom wuseligen Alltag zwischen bröckelnden Betonfassaden vermitteln zunächst den Eindruck, als ginge es um ein möglichst realistisches Bild vom Alltag in Gaza. Tatsächlich aber lebt der Film vom Zusammenspiel von Elementen und Zitaten verschiedener Genres wie Western und Krimi. Nicht nur, aber gerade, wenn Blut fließt. Das beginnt schon beim Titel, der an Sergio Leones Klassiker „Once Upon A Time In The West“ („Spiel mir das Lied vom Tod“ ) und „Once Upon A Time In America“ („Es war einmal in Amerika“) verweist. Auch der epische Soundtrack verweist auf diese Schlüsselwerke. 

Jene Wesensmerkmale und eine gewisse ironische Distanz machen es möglich, dass „Once Upon A Time In Gaza“ zwar von jener Stadt und Region erzählt, man das Ganze aber auch in einem viel größeren Kontext, nämlich, ähnlich wie bei den genannten Klassikern Leones, unter dem Aspekt der „Gründerzeit“ betrachten kann. Und es schwingt die Frage mit, inwiefern Filmbilder als Waffe dienen können.

Auch in düsteren Momenten bleibt Raum für Komik

Auch bleibt selbst in vielen äußerst düsteren und bedrohlichen Momenten immer auch Raum für Humor und Absurdes. Das gilt ganz besonders von äußerstem Dilettantismus geprägten Filmaufnahmen, für die Yahya angeheuert wurde. Weil es für Spezialeffekte kein Budget gibt, wird am Set mit scharfen Waffen geschossen. Noch Fragen?

Trotz der historischen Verortung baut der Film auch Brücken in die Gegenwart. Immer wieder stolpern die Protagonisten in unerwartete Situation hinein und scheinen, jeder auf seine Art, den herrschenden Verhältnissen ausgeliefert zu sein. Einiges an dieser Erzählung bleibt fragmentarisch. Damit wollen die Nasser-Brüder zeigen, wie unvorhersehbar das Leben auch im realen Gaza ist: heutzutage mehr denn je. 

Ästhetische Brüche geben dieser Quasi-Tragikomödie ihr Gepräge, wenngleich die mal mehr und mal weniger subtile Ironie als Klammer durchaus ihren Dienst tut. Der Film ist nicht als allumfassende Erzählung über Gaza zu betrachten, dennoch liefert der begrenzte und eigenwillige Fokus interessante Einblicke, selbst wenn die Realität ihn längst überholt hat.

„Once Upon A Time In Gaza“ (Frankreich/Palästinensergebiete/Deutschland/Portugal/Katar/Jordanien 2025), ein Film von Tarzan und Arab Nasser, mit Nader Abd Alhay, Ramzi Maqdisi, Majd Eid u.a., 90 Minuten.

Im Kino

Weitere Informationen unter immergutefilme.de

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