Kultur

„Lokis Urwald“: Wie ein Experiment von Loki Schmidt Früchte trägt

Was passiert, wenn der Mensch die Natur sich selbst überlässt? In Schleswig-Holstein startete Loki Schmidt ein einzigartiges Experiment, das inzwischen als „Lokis Urwald“ bekannt ist. Es ist noch lange nicht zu Ende.
von Susanne Dohrn · 25. April 2023
Am Brahmsee in Schleswig-Holstein verbrachten Loki und Helmut Schmidt viel Zeit. Hier startete auch das Experiment von „Lokis Urwald“.
Am Brahmsee in Schleswig-Holstein verbrachten Loki und Helmut Schmidt viel Zeit. Hier startete auch das Experiment von „Lokis Urwald“.

Birke, Vogelbeere und Zitterpappel waren die ersten, die den ehemaligen Acker eroberten, den inzwischen viele „Lokis Urwald“ nennen. Axel Jahn, Geschäftsführer der Loki Schmidt Stiftung, führt an einem sonnigen Apriltag durch den hügeligen lichten Laubwald. Am Eingang weist ein Schild, verfasst von Loki Schmidt, die „lieben Nachbarn“ darauf hin: „Dieses Gelände dient dem wissenschaftlichen Versuch, eine holsteinische Moränenlandschaft allein der natürlichen Entwicklung zu überlassen. Das Betreten ist widerruflich gestattet. Bitte bleiben Sie auf dem Trampelpfad. Hunde bitte nur an der Leine. Bitte keinen Abfall. Ihre Loki Schmidt.“

6,5 Hektar Ödland, gekauft von den Schmidts

Die sandigen Hügel hinterließen einst eiszeitliche Gletscher. Nun blühen auf dem Waldboden Buschwindröschen. In einer Senke wuchert dichtes Weidengebüsch. Totholz liegt herum, das nicht weggeräumt wird. Es soll wieder zu Humus, zu fruchtbarem Boden werden. Dazu brauche ein Baum etwa so lange wie er gelebt habe, erklärt Axel Jahn. In der Zwischenzeit speichert das abgestorbene Holz Wasser, es bietet Lebensraum für Insekten und Pilze. 1986 kauften Loki und Helmut Schmidt 6,5 Hektar Ödland unweit ihres Wochenendhauses am Brahmsee in Schleswig-Holstein. Zunächst hatte ein Landwirt dort Roggen angebaut. Ab 1976 ließ er den Acker brach liegen, denn der sandige Boden lieferte kaum Erträge. Statt wogendes Getreide erblickten Loki und Helmut nun bei ihren Spaziergängen eine Vegetation, die an besonders trockene, nährstoffarme Böden angepasst war – damals wie heute eine Rarität im intensiv landwirtschaftlich geprägten Schleswig-Holstein.

Loki Schmidt beschrieb den Anblick später so. „Überall gab es Trockenrasen – spärlich bewachsene, lückige Bestände mit kaum fingerhohen Pflanzen, ausgesprochenen Hungerkünstlern. Sie waren vielfältig und sehr artenreich. In den ersten Jahren grasten hier noch unzählige Kaninchen. Sie haben alle jungen Gehölze und viele der ausdauernden Arten verbissen, nur die Ungenießbaren überlebten. Dadurch wurden die Magerrasen erhalten.“ Als die Kaninchen nach und nach einer Viruserkrankung, der Myxomatose, zum Opfer fielen, beobachtete sie die Veränderung der Landschaft. Bäume breiteten sich aus, das Gelände wuchs langsam zu.

Lokis Experiment gegen Widerstände

Als engagierte Natur- und Pflanzenschützerin sah Loki Schmidt es als ihre Lebensaufgabe an, selten geworden Pflanzen zu schützen. Aber sie war auch eine Frau, die Sachen gerne auf den Grund ging, eine Frau, die Zeit ihres Lebens von wissenschaftlicher Neugier getrieben war. Der sich vor ihren Augen verändernde Acker inspirierte sie zu einem damals einzigartigen Experiment: Was passiert, wenn der Mensch die Natur sich selbst überlässt, wenn kein Baum gefällt, kein Totholz weggeräumt wird, keine wuchernden Brombeerbüsche entfernt werden? Ihr Experiment wurde mit Argusaugen beobachtet.

Zum Leidwesen von Naturschützer*innen verschwanden mit dem wachsenden Wald seltene Arten wie das Berg-Sandglöckchen mit seinen blauen Blütenknöpfchen und die pinkfarbene Heidenelke. Unliebsame Bäume wie die Späte Traubenkirsche, ein Einwanderer aus Nordamerika, machte sich breit und drohte heimische Baumarten zu verdrängen. Neophyt, invasive Art, schimpfen Naturschützer*innen diese verbreitungsfreudige Baumart. Loki ließ ich nicht beirren. „Sie war damit ihrer Zeit weit voraus, eine Pionierin“, sagt Axel Jahn. Damals konzentrierte sich der Naturschutz vor allem auf den Erhalt und den Schutz seltener Arten und ihrer Lebensräume. Loki Schmidts Herangehensweise, natürliche Prozesse zuzulassen und zu beobachten, sei revolutionär gewesen.

Eine Idee trägt Früchte

Sie blieb bei ihrem Plan abzuwarten und nicht einzugreifen. Inzwischen sterben die Traubenkirschen aus Mangel an Licht ab. Das Gleiche gilt für Pionierbäume wie die Birke. Lokis Urwald baut sich um, und zwar ganz von allein: Die Buche hat sich angesiedelt, Bergahorn und Eiche – die typische Vegetation für diese Region. Man sieht Bäume in engster Umarmung, wie Buche und Birke oder Buche und Traubenkirsche, aber das Bild täuscht. Die Bäume kämpfen miteinander um eine begrenzte Ressource: das Licht. Am Ende werden vermutlich die Buchen gewinnen, ist Axel Jahn überzeugt.

Und die Trockenheit, die den Buchen woanders so zu schaffen macht? Jahn winkt ab: „Hier in Schleswig-Holstein befinden uns im Einfluss atlantischer Tiefausläufer.“ Es werde vermutlich genug Regen geben. Inzwischen gehört das Waldstück der Loki Schmidt Stiftung. Susanne Schmidt, die Tochter, hat ihn nach Helmut Schmidts Tod der Stiftung geschenkt. Seit Beginn des neuen Jahrtausends sind Wildnisgebiete, die sich ohne menschlichen Einfluss entwickeln können, Bestandteil des Naturschutzes.

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Susanne Dohrn

ist freie Autorin und ehemalige Chefredakteurin des vorwärts.

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