Kultur

Dokumentarfilm Plastic Fantastic: Auf der Spur des gefährlichen Mülls

Plastik ist überall. Auch in Form wachsender Müllberge. Der Dokumentarfilm „Plastic Fantastic“ beleuchtet eine globale Umweltkrise aus vielerlei Perspektiven und bietet Lösungsansätze.

von Nils Michaelis · 26. Januar 2024
Plastikreste am Strand von Hawaii

Im Dauereinsatz gegen den Müll: Die Meeresforscherin Sarah Jeanne Royer sammelt Plastikreste am Strand von Hawaii.

Die Idylle am Strand von Hawaii scheint auf den ersten Blick nichts zu trüben. Wer genauer hinsieht, kann beobachten, wie sich dort eine Umweltkatastrophe abspielt. Täglich zieht Sara Jeanne Royer dort ihre Runden, um Plastikmüll einzusammeln. Der Ozean spült ihn an Land. Manche Stücke zeigen Bissspuren von Tieren, deren Magen sich mit den Stückchen füllt, bis sie daran zugrunde gehen. Es ist eine Sisyphusarbeit. Gegen die winzigen Mikroplastikpartikel tief im Sand sind die Meeresforscherin und andere Umweltaktivist*innen ohnehin machtlos.

Der Dokumentarfilm „Plastic Fantastic“ begibt sich auf die Spuren des Plastiks. Weil dessen Produktion seit Jahren steigt, wachsen auch die Müllberge, denn nur ein Bruchteil davon wird wiederverwertet. Auch, weil viele der unzähligen Plastiksorten nicht recyclefähig sind. 40 Prozent des weltweit produzierten Plastiks sind Einwegprodukte, sagt Sara Jeanne Royer. Die Kunststoff-Hinterlassenschaften setzen nicht nur der Umwelt zu: Längst sind sie auch im menschlichen Körper angekommen.

Regisseurin Isa Willinger spricht von einer „Kunststoffkrise“. Diese beleuchtet sie aus verschiedenen Perspektiven. Es geht um das Streben nach ökonomischem Wachstum, Umweltschäden und Protest, aber auch um Lösungen. So vielfältig wie die Sichtweisen sind auch die Protagonist*innen und Schauplätze ihres Films. 

Starke Kontraste

Die starken argumentativen Kontraste, die sich bei den Interviews mit Vertreter*innen von Wirtschaft, Forschung und Aktivismus ergeben, werden durch visuelle untermauert. In einer Szene schwärmt ein US-Lobbyist davon, welches Innovationspotenzial dem Plastik innewohne, man könne damit sogar den Hunger und sonstiges Elend beseitigen. Dem schließt sich eine Sequenz an, in der zu sehen ist, warum gerade Menschen in ärmeren Weltregionen unter dem Plastikmüll leiden: Irgendwo in Mittelamerika kippt ein Lastwagen seine gesamte Ladung in einen Fluss. 

Und doch ergibt sich ein ruhiger Erzählfluss, der immer wieder hinter die Fassade hinter der schönen Plastikwelt blickt. Auch, weil den Motiven der Gesprächspartner*innen breiten Raum gegeben wird. Wir erleben, wie Sharon Lavigne aus dem US-Bundesstaat Louisiana dagegen kämpft, dass eine weitere Plastikfabrik vor ihrer Haustür entsteht. Die andere habe schon genug Menschen das Leben gekostet, berichtet sie. 

Eine Straße in dem schmucklosen, vor allem von Schwarzen bewohnten Städtchen nennen sie hier die „Krebsallee“. Das Engagement der pensionierten Lehrerin richtet sich somit auch gegen rassistische und soziale Segregation ausnutzende Intentionen aufseiten der Wirtschaft.

Parallelen zum Atommüll

Stets macht der Film deutlich, warum die Thematik die Zuschauer*innen persönlich angeht. Zum Beispiel, wenn er zeigt, wie gravierend die Probleme mit dem Plastikmüll auch im angeblichen Recycling-Musterstaat Deutschland sind. Unter Tage stapelt ein Raupenfahrzeug riesige weiße Säcke. Sie enthalten Plastikstückchen aus den Filtern von Müllverbrennungsanlagen: Weil die Partikel nahezu unkaputtbar sind, müssen sie eingelagert werden. 

Die beklemmende Szenerie erinnert an Lagerstätten für Atommüll. Was unterstreicht: Auch Plastik ist eine Hinterlassenschaft der Wohlstandsgesellschaft, für die es noch immer keine tragfähige Art der Entsorgung gibt.

Was lässt sich gegen die Kunststoffkrise tun? Wie ernst ist es den Hersteller*innen, zu einer Entschärfung beizutragen? Und ist eine Welt ohne Plastik, das in unzähligen Errungenschaften des digitalen Zeitalters steckt, überhaupt möglich? 

Auf diesen Gebieten präsentiert der Film interessante Ideen und Denkanstöße, ohne den Anspruch auf endgültige Antworten zu erheben. Ein Hamburger Start-up hat aus Überresten der Getreide- und Bierproduktionen einen Stoff entwickelt, der dem auf Öl und Gas basierenden Plastik in nichts nachzustehen scheint, dafür aber kompostierbar ist. Aber hat diese Innovation gegenüber der mächtigen Mineralöllobby eine Chance?

Lektion für die Politik

Es gebe 500-mal mehr Plastikpartikel in den Meeren als Sterne in unserer Galaxie, heißt es zu Beginn des Films. Mit solchen Vergleichen und frei von Alarmismus macht Isa Willinger immer wieder den Ernst der Lage anschaulich. 

Ihr auch in Sachen Bildsprache sehr gelungener Film malt die Zukunft nicht nur in düsteren Farben. So ist zu erfahren, dass die UN-Vollversammlung im Jahr 2022 beschlossen hat, einen rechtsverbindlichen Vertrag gegen die illegale globale Plastikvermüllung auf den Weg zu bringen. 

Um die Kunststoffkrise zu meistern, muss auch die Politik innovativ und mutig sein. Auch das ist eine Lektion dieses ebenso tiefsinnigen wie unterhaltsamen Dokumentarfilms.

 

Info:

„Plastic Fantastic“ (Deutschland 2023), ein Film von Isa Willinger, Bildgestaltung: Julian Krubasik, Felix Pflieger, 101 Minuten

Im Kino

https://mindjazz-pictures.de/filme/plastic-fantastic/

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