Kultur

„Die unendliche Erinnerung“: Ein Aufklärer als Gefangener des Vergessens

Früher hielt Augusto Góngora die Erinnerung an die Grausamkeiten der Diktatur wach. Nun verliert der einstige Top-Journalist jegliche Erinnerung. Der chilenische Dokumentarfilm „Die unendliche Erinnerung“ erzählt vom Leben mit Alzheimer. Und von einer außergewöhnlichen Liebe.

von Nils Michaelis · 27. Dezember 2023
Die unendliche Erinnerung

Das Private ist öffentlich: Augusto Góngora und Paulina Urrutia bei einer Theateraufführung.

Eines Tages muss die Frau das großformatige Foto von der Wand im Schlafzimmer entfernen. Weil sich ihr Mann nachts davor fürchtet. Er hält die beiden Menschen auf dem Bild für Eindringlinge. Er erkennt sie nicht. Diese Menschen sind er selbst und seine Frau. Es ist ihr Hochzeitsbild. 

Der Mann heißt Augusto Góngora. Jahrzehntelang war er einer der bekanntesten Journalist*innen in Chile. „Erinnerung ist Identität“, hat er mal gesagt. Das war kurz nach dem Ende der Pinochet-Diktatur. Das Land war gerade dabei, seine Erinnerung – etwa an die Zeit vor der Militärherrschaft – wiederzufinden. 

Góngora trieb diesen Prozess mit einer Reihe von politischen Büchern, darunter „Die verbotene Erinnerung“, voran. In den 80er-Jahren arbeitete er für verbotene Untergrundsender. Nun avancierte er zu einem der prominentesten Gesichter im staatlichen Fernsehen. 

Abschied auf Raten

Doch was wird aus unserer Identität, wenn uns die Erinnerung abhandenkommt? Genau vor dieser Herausforderung stand Góngora vor einiger Zeit. 2014, im Alter von 62 Jahren, erkrankte er an Alzheimer. Es folgte ein jahrelanges Abgleiten ins Vergessen. Ein Abschied auf Raten.

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Die Oscar-nominierte Regisseurin Maite Alberdi („Der Maulwurf – ein Detektiv im Altenheim“) hat diese Entwicklung über Jahre begleitet. Ihr ist ein ebenso intimes wie respektvolles und schonungsloses Porträt gelungen. Nicht nur von Góngora im Winter seines Lebens, sondern auch von einer ganz besonderen Beziehung. 

23 Jahre lang lebte der Protagonist mit Paulina Urrutia, einer bekannten Schauspielerin und vormaligen Ministerin für Kultur und Medien, zusammen. Sie ist die Frau auf dem Hochzeitsfoto. Während des Corona-Lockdowns dokumentierte sie das heimische Geschehen mit der Videokamera. Alberdi drehte über die Jahre immer wieder mit einem kleinen Team im Haus des prominenten Paares.

Fesselnde Erzählung

Aus diesem Material formten die Filmemacherin und Cutterin Pamela Valenzuela eine stimmige und fesselnde Erzählung, die nahe an dem immer komplizierteren Ehealltag bleibt, zugleich zwischen den Zeitebenen mäandert und immer wieder die Frage aufgreift: Was bleibt von einem Menschen?

Es ist erschütternd und ein Glücksfall zugleich, dass wir an dem Verfall der körperlichen und geistigen Kräfte einer öffentlichen Figur teilhaben können. 

Erschütternd, weil wohl noch kein anderer Film die Folgen dieser immer häufiger auftretenden Krankheit so eindringlich eingefangen hat. Weil wir verfolgen, wie jemand, der einst Türen aufstieß und dabei half, sein Land ordentlich durchzulüften, immer mehr zum Gefangenen einer unheilbaren Krankheit wird. Umgeben von seinen geliebten Büchern, die für einen anderen Lebensabschnitt stehen.

Und ein Glücksfall, weil er zeigt, wie Góngora lange Zeit beharrlich gegen das Vergessen angekämpft hat. Und wie wichtig die Liebe war, die ihm dabei zuteilgeworden ist. Und wie reich sein Leben bis zum Schluss geblieben ist.

Die Erinnerung festhalten

Der Wirkung dieses Films kann man sich nur schwer entziehen. Sie lebt nicht zuletzt von der besonderen Verbindung zweier besonderer Menschen. Und das nicht nur, aber gerade im Zeichen von Alzheimer. 

Lange Zeit war es Góngoras Rolle und Erfüllung, die Verbrechen der der Diktatur nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Nun liegt es an ihm und zunehmend an seiner Ehefrau, seine Identität beziehungsweise die Erinnerung an sein früheres Leben festzuhalten.

Doch da ist immer wieder auch Raum für Zärtlichkeit und Witz: Dinge, die man wohl nicht primär mit dem Leben als Alzheimer-Patient*in verbinden würde. Klar wird aber auch: Selbst dieses außergewöhnliche Paar hat keine übermenschlichen Kräfte. Der tragische Prozess fordert in vielfacher Hinsicht seinen Tribut.

„Barbie“ verdrängt

Die Aufarbeitung der der Diktatur ist in Chile, wie auch in vielen anderen Ländern Südamerikas, längst nicht abgeschlossen. Die Erinnerung geht weiter. Aber unter anderen Umständen, wenn die Protagonist*innen der Erinnerungsarbeit verschwinden. Auch das erklärt den irren Erfolg dieses Dokumentarfilms in Chile, der sogar „Barbie“ von der Spitze der Kinocharts verdrängt hat. Und der nicht nur der bedingungslosen Liebe ein Denkmal setzt.

Info:

„Die unendliche Erinnerung“ („La memoria infinita“, Chile 2023), ein Film von Maite Alberdi, mit Augusto Góngora, Paulina Urrutia u.a., 85 Minuten, OmU, FSK ab 12.

Kinostart: 28. Dezember

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