Rentenreform: Warum die Demografie nicht das Problem ist
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Behauptet wird, dass die Rente kurz vor dem Kollaps steht, weil es immer mehr alte Menschen gibt. Die Fakten sagen aber etwas anderes
Prognosen irren. Das ist an sich kein Problem, würden sich diese Irrtümer nicht über Jahrzehnte zu Mythen entwickeln, die Ängste schüren. Für Buchautor und Wirtschaftsjournalist Andreas Hoffmann sind der schlimmste Mythos die Bevölkerungsprognosen, die sich rückblickend fast alle als falsch herausgestellt haben. Mit Folgen. Zum Beispiel in der Rentendiskussion: Hier sorgt die Behauptung, dass zu viele Alte von zu wenig Jungen finanziert werden müssen, regelmäßig zur Schlussfolgerung, dass unser Rentensystem kurz vor dem Zusammenbruch stehe. Hoffmann ist anderer Meinung und tritt den Gegenbeweis an.
In seinem aktuell erschienenen Buch „Die erfundene Bedrohung“ räumt er auf mit der Dramatisierung der alternden Gesellschaft und einer „Angstindustrie“, die den demografischen Wandel dafür verantwortlich macht, dass Rente, Gesundheit und Pflege nicht mehr finanzierbar seien. Für Hoffmann ist Demografie nicht die „Mutter aller Probleme“, eine Aussage, die jüngst auch von Vertretern der Jungen Union bemüht wurde, sondern vielmehr die „Mutter aller Ausreden“. Die alternde Gesellschaft ist seiner Meinung nach ein Zustand, der sich gestalten lässt.
Trotz schlechter Prognosen: Rente bleibt stabil
Es ist genau dieser Perspektivwechsel, den Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas bei einer Buchvorstellung im Beisein des Autors am Montag in Berlin hervorhebt. Die SPD-Vorsitzende empfiehlt die Lektüre als Alternative zur vorherrschenden „Kastrophenrhetorik“, wonach die gesetzliche Rente dem Untergang geweiht sei. Das Buch liefere Fakten, die in den vergangenen Debatten untergegangen seien.
Beispielhaft nennt Bas, dass entgegen aller Prognose die Rentenbeiträge in den letzten Jahren nicht gestiegen, sondern von 20,3 Prozent im Jahr 1999 auf 18,6 Prozent im Jah 2025 gesunken seien. Auch gebe es wie prognostiziert, nicht weniger Menschen, die in die Rentenkasse einzahlten, sondern sieben Millionen mehr Beschäftigte als zur Jahrtausendwende. „Überhaupt hätten die Menschen in diesem Land noch nie so viel gearbeitet wie 2022“, so Bas.
Trotzdem gibt es Reformbedarf, davon ist auch Hoffmann überzeugt. Nur welche Reformen wirken, welche nicht? Auf diese Fragen gibt das Buch überraschende Antworten. Stichwort Lebensarbeitszeit verlängern: Die Einführung der Rente mit 67 habe Hoffmanns Recherchen zufolge tatsächlich wenig gebracht. Daran spare die Rentenversicherung gerade einmal „ein bis zwei Prozent ihrer Ausgaben, aber nicht sofort, sondern erst nach fast 30 Jahren.“
Private Vorsorge als Flop
Gleichzeitig treibt den Autor die Frage um, warum in einem Land, das händeringend Fachkräfte sucht, knapp 2,9 Millionen junge Menschen ohne Ausbildung sind. Sein Vorschlag: „Wer den Fachkräftemangel beheben will, sollte weniger über Geburtenrückgang und Boomer klagen, sondern Schulen, Berufsschulen, Gymnasien und Universitäten verbessern.“
Und auch beim Thema privater Vorsorge durch Kapitaldeckung weiß das Buch einiges Beizutragen. Enttäuschend seien die Ergebnisse kapitalgedeckter Absicherungen, die vom Staat unterstützt werden, wie Riester- und Rürup-Rente sowie den sogenannten „Pflege-Bahr“. Für Hoffmann eine „Trilogie es Scheiterns.“ Andererseits freut Kapitaldeckung „Banken und Versicherer, weil sie mehr Geschäft machen“, es freut auch Unternehmen, „weil sie weniger Abgaben zahlen“ und „Kapitaldeckung freut Konservative und Liberale, weil der Staat Geld spart.“
Doch genau in diese Richtung geht der jüngst von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vorgeschlagene „Paradigmenwechsel“ in der deutschen Rentenpolitik. Danach soll die gesetzliche Rentenversicherung zwar bleiben, die private und die betriebliche Altersversorgung aber eine wesentlich größere Rolle spielen als bisher.
Rentenkommission vor schwieriger Aufgabe
So gesehen kommt das Buch zum richtigen Zeitpunkt. Das sieht auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas so. Bis Ende Juli will die von der Regierung einberufene Rentenkommission Vorschläge erarbeiten, um die gesetzliche Rente zukunftsfest zu machen. Kein leichtes Vorhaben. Denn der Streit um das Rentenpaket zum Ende vergangenen Jahres machte deutlich, wie weit die Vorstellungen zur Finanzierung der gesetzlichen Rente innerhalb der Koalition auseinandergehen.
Trotz Debatte über den bevorstehenden „Rentenkollaps“ passierte das Gesetz den Bundestag, weiterreichende Reformen zur künftigen Alterssicherung stehen jedoch aus. Hier soll das 13-köpfige Gremium der „Alterssicherungskommission“ Reformvorschläge unterbreiten. Wenn möglich, sollten sie ihre Beschlüsse im Konsens fassen.
hat Politikwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert und ist Redakteurin beim vorwärts.