Inland

„Gastarbeiter“-Denkmal in Berlin: Warum eine SPD-Abgeordnete dafür wirbt

30. Oktober 2026 12:41:01
Bis zu 14 Millionen sogenannte Gastarbeiter*innen haben einst mitgeholfen, die deutsche Wirtschaft in Schwung zu bringen. Was sie geleistet haben, werde bisher zu wenig gewürdigt, meint Sevim Aydin. Sie setzt sich für ein Denkmal in Berlin ein.
Sevim Aydin vor einer roten Haustür

Sevim Aydin ist SPD-Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus

Es habe sich schon etwas verändert, meint Sevim Aydin. Die SPD-Politikerin setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Berlin ein Denkmal für die sogenannten Gastarbeiter*innen bekommt. Denn was sie für Deutschland geleistet haben, verdiene einen Platz im Stadtbild und damit auch in der Erinnerungskultur. Einen Fortschritt beobachtet Aydin mittlerweile: Die Gesellschaft habe angefangen, über das Thema zu diskutieren.

Dazu beigetragen haben Filme wie die Dokumentation „Gleis 11“ des Regisseurs Çağdaş Yüksel aus dem Jahr 2021. Der Film porträtiert die erste Generation der „Gastarbeiter*innen“ in Deutschland. In Fürth erinnert seit 2021 eine Stele an ihre Leistungen. Der Dortmunder Stadtrat hat die Errichtung zweier Denkmäler beschlossen. In Köln ist das Museum „Selma“ in Planung, das „Geschichten der Migrationsgesellschaft“ erzählen soll, wie es auf der Website des Projektes heißt.

„Gastarbeiter”: Warum Berlin ein Denkmal plant

In Berlin hat sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dafür ausgesprochen, ein Denkmal „für die erste Generation der Gast- und Vertragsarbeiter*innen“ zu errichten. Das weitere Vorgehen soll nun eine Arbeitsgruppe koordinieren, die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eingerichtet wurde.

Sevim Aydin hat den Prozess mit angestoßen. Als damalige Bezirksverordnete brachte sie 2021 einen Antrag ein, in dem sie einen Erinnerungsort für „Gastarbeiter*innen“ vorschlug. Ohne diese wäre das deutsche Wirtschaftswunder nicht in so kurzer Zeit erreicht worden, begründete sie ihren Vorstoß damals. „Nur Wenige wissen um ihre Leistung, um ihren Beitrag für den Wohlstand, den Aufbau im Nachkriegsdeutschland und West-Berlin, der letztlich nicht unerheblich zur Etablierung einer vielfältigen Gesellschaft beigetragen hat. Sie haben unsere offene Stadtgesellschaft bereichert und die wirtschaftliche Entwicklung entscheidend mitgeprägt.“

Heute ist Aydin Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. In der aktuellen Folge des Vorwärts-Podcast „Brötchen, Basis, Bundestag“ erklärt sie: Es gehe ihr nicht nur um die türkeistämmigen Gast- und Vertragsarbeiterinnen, sondern um alle. Also auch diejenigen, die aus Italien oder Spanien zugewandert sind oder zu Zeiten der DDR nach Ostdeutschland gekommen sind.

Anwerbeabkommen mit der Türkei jährt sich zum 65. Mal

Der historische Hintergrund: In den 1950er und 1960er Jahren suchten deutsche Unternehmen händeringend nach Arbeitskräften. Das deutsche „Wirtschaftswunder“ hatte zu Vollbeschäftigung geführt. 1955 schlossen Deutschland und Italien ein erstes Anwerbeabkommen. Damit konnten deutsche Unternehmen legal Arbeitskräfte aus dem Mittelmeerstaat in Deutschland beschäftigen. Weitere Abkommen folgten, unter anderem am 30. Oktober 1961. Dieses jährt sich in diesen Tagen zum 65. Mal.

Mit Beginn der Ölkrise 1973 verschlechterte sich die Wirtschaftslage. Die Anwerbemaßnahmen wurden gestoppt. Bis dahin waren rund 14 Millionen Menschen zum Arbeiten in die Bundesrepublik gekommen. Etwa elf Millionen kehrten wieder in die Heimat zurück, doch viele blieben auch dauerhaft im Land.

Weshalb „Gastarbeiter*innen” ein irreführender Begriff ist

Angeworben wurden überwiegend junge Männer, die für einfache und körperlich belastende Arbeiten im industriellen Gewerbe eingesetzt wurden. Häufig wurden sie in Sammelunterkünften auf engstem Raum untergebracht und arbeiteten zu niedrigen Löhnen. Zunächst galt ein Rotationsprinzip: Die Arbeiter*innen sollten jeweils nach zwei Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren. Später wurde dieses ausgesetzt und viele „Gastarbeiter*innen“ holten ihre Familien nach.

Der Begriff wird heute meistens in Anführungszeichen gesetzt. Denn manche Zugewanderten sind nicht nur als Gäste ins Land gekommen, sondern blieben dauerhaft. Zudem wurden sie häufig nicht besonders gastlich behandelt und teils sogar ausgebeutet.

Trotz dieser Geschichte begann Deutschland erst in den 2000er Jahren, sich als Einwanderungsland zu definieren – und die Bedingungen für eine Integration der Zugewanderten zu verbessern. Etwa jeder vierte Mensch in Deutschland hat heute einen Migrationshintergrund.

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Gespeichert von max freitag (nicht überprüft) am Fr., 30.10.2026 - 15:40

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der Bau der Berliner Mauer. Ohne diesen hätte es weder Gastarbeiter gegeben noch die Bildungsoffensive der 60er Jahre. Bis zum Mauerbau wurde der durch die wirtschaftliche Entwicklung stetig steigende bedarf an Arbeitskräften und Akademikern durch den Zustrom aus dem Osten gedeckt. Es gab keine Notwendigkeit, Arbeiter im Ausland anzuwerben oder den Bildungsaufstieg aus Nichtakademikerhaushalten zu forcieren.
In diesem Sinne haben dann die Gastarbeiter die eine Lücke gefüllt. Sie haben, und das ist nicht gering zu schätzen, die Aufrechterhaltung des Wirtschaftswunders möglich gemacht. Das Wirtschaftswunder begründen konnten sie nicht, weil sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht im Lande waren. Das mit dem Wirtschaftswunder waren "wir" schon selbst- man mag es beklagen, aber dennoch war es so.

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