Digitale Souveränität: Hoffnungsträger für Social Media und Co.
IMAGO/NurPhoto
Wie kann jede*r Einzelne unabhängiger von großen Tech-Konzernen werden? (Symbolbild)
„Souveränität“ ist aktuell wohl das Wort schlechthin in der Digitalpolitik. Nicht zuletzt wegen der Unberechenbarkeit eines Donald Trump wollen Deutschland und die EU unabhängiger werden von den großen Tech-Konzernen, die meist aus den USA oder China kommen. In der Theorie bedeutet das lediglich ein paar Klicks für den Wechsel weg von den Plattformen, Servern und der Software dieser Konzerne, hin zu europäischen Alternativen.
In der Praxis sieht es jedoch komplizierter aus. Denn die digitalen Strukturen, in denen sich die meisten Menschen auf die eine oder andere Art befinden, sind über Jahre, teils sogar Jahrzehnte, gewachsen. Und das macht es für viele Menschen schwer, sie zu verlassen. Wer sein Social-Media-Konto löscht, läuft in Gefahr, Kontakte zu verlieren. Wer den Messanger-Dienst wechselt, wird dadurch möglicherweise weniger erreichbar. Und selbst ein Wechsel des E-Mail-Anbieters ist durchaus mit Aufwand verbunden – denn wer erinnert sich schon noch genau, welche anderen Konten alle über die alte E-MailAdresse laufen?
„Digital Independence Day“ an jedem ersten Sonntag im Monat
Doch wer dazu bereit ist, den Wechsel zu wagen, hat auch jetzt bereits eine große Auswahl an unabhängigen Alternativen. Die Initiative „Save Social“ hat daraus – gemeinsam mit Organisationen wie dem Digitalverein D64, ver.di Hamburg und dem Chaos Computer Club – eine Art Feiertag gemacht, den „Digital Independence Day“ (auf deutsch etwa „Tag der digitalen Unabhängigkeit“).
An jedem ersten Sonntag im Monat soll die Aktion Menschen dazu bewegen, einen Wechsel hin zu unabhängigen Tech-Anbietern zu vollziehen. Dazu stellt die Initiative auf einer Website auch sogenannte Wechselrezepte zur Verfügung, in denen Schritt für Schritt erklärt wird, wie man beispielsweise von der Google-Suchmaschine zur deutschen Alternative Ecosia wechseln kann. Und auch andere Initiativen, wie das Projekt „European Alternatives“ geben online einen Einblick, wie vielfältig unabhängige digitale Alternativen sein können.
E-Mail-Klassiker und grüne Browser aus Deutschland
Die meisten Menschen nutzen für ihre E-Mails Angebote der us-amerikanischen Konzerne Google oder Microsoft (Outlook), doch in Deutschland dürften vielen auch die Anbieter web.de und GMX bekannt sein. Obwohl auch hierzulande Google die meisten E-Mail-Nutzer*innen verzeichnet, bieten letztere auf der Suche nach mehr digitaler Unabhängigkeit klare Vorteile: Sowohl bei web.de als auch bei GMX handelt es sich um deutsche Anbieter, deren Daten auf Servern in Deutschland liegen. Zugriff anderer Regierungen darauf – wie es bei Google und Microsoft aufgrund der US-Gesetzeslage jederzeit möglich wäre – sind damit ausgeschlossen.
Auch was Internetbrowser und Suchmaschinen angeht, bleibt Google bislang auch in Deutschland unangefochten. Dabei gibt es für beides mit Ecosia eine Alternative aus Deutschland. Die Versprechen des Unternehmens: Klimaneutralität und Datenschutz. Tatsächlich lässt Ecosia pro 45 Suchanfragen einen Baum pflanzen und setzt zudem auf Erneuerbare Energien und effiziente Technologie.
Der Datenschutz wiederum ergibt sich durch die Funktionsweise. Als „Proxy-Suchmaschine“ leitet Ecosia die Suchanfragen seiner Nutzer*innen anonymisiert an andere Suchmaschinen weiter. Die Ergebnisse sind also dieselben, die man auch bei beispielsweise Google bekäme. Es werden aber, anders als bei Suchen mit anderen Suchmaschinen, keinerlei persönliche Daten gespeichert.
Alternativen für Messenger und Social-Media aus Europa
Auch zu Whatsapp, dem wohl meistgenutzten Messanger-Dienst im Europäischen Raum, gibt es Alternativen. Und die werden für immer mehr Menschen interessant. Denn hinter Whatsapp steckt der US-amerikanische Digitalkonzern Meta, zu dem auch Instagram und Facebook gehören, und der bereits seit zehn Jahren immer wieder mit Negativschlagzeilen vor allem beim Daten- und Jugendschutz auffiel.
Die beliebteste Alternative dürfte aktuell der US-amerikanische Messenger „Signal“ sein, der ebenfalls mit sehr hoher Datensicherheit wirbt und von einer gemeinnützigen Stiftung entwickelt wurde. Mit „Threema“ bietet jedoch auch die Schweiz eine sichere und unabhängige Alternative, bei der die Verschlüsselung der Nachrichten an oberster Stelle steht.
Was soziale Medien angeht, kommt mit der in Deutschland entwickelten Plattform „Mastodon“ eine viel diskutierte Alternative ebenfalls aus Europa. Vor allem wegen der vergleichsweise umständlichen Handhabung blieb die große Beitrittswelle hier zwar bisher aus – doch einige Prominente Nutzer*innen, so beispielsweise die ehemalige SPD-Vorsitzende Saskia Esken, sind bereits auf Mastodon aktiv.
Das „Fediverse“: Lohnt sich der Online-Föderalismus?
Was Mastodon so besonders macht, ist vor allem das Umfeld, in das die Plattform integriert ist. Denn Mastodon ist Teil des „Fediverse“, das mit in etwa mit „Föderales Universum“ umschreiben kann. Es handelt sich dabei um einen Zusammenschluss von voneinander unabhängigen sozialen Netzwerken.
Der Clou des ganzen: Man braucht lediglich ein einziges Konto, um Inhalte auf allen Netzwerken posten und sehen zu können. Und es gibt keinen großen Konzern, der an den Daten verdient. Neben Mastodon, das als Twitter-Pendant im „Fediverse“ gilt, gibt es beispielsweise mit „PeerTube“ auch ein YouTube-Pendant und mit „Pixelfed“ eine Plattform, die Instagram ähnlich ist.
Die komplexen Strukturen des „Fediverse“ und seinen verschiedenen Plattformen und diverser Server ist allerdings zweischneidig. Einerseits macht es sie unabhängig. Andererseits wird die Handhabung für Nutzer*innen dadurch jedoch – verglichen mit den großen Internet-Platzhirschen – nicht besonders niedrigschwellig.
Das ist auch anhand der Nutzer*innenzahlen von Mastodon sichtbar: Zwar stieg die Zahl der registrierten Accounts nach Angaben der Plattform bislang von Jahr zu Jahr, die Zahl der monatlich aktiven Nutzer*innen ist allerdings eher rückläufig.
Künstliche Intelligenz: Europäische Alternativen bereits vorhanden
Auch in Sachen Künstliche Intelligenz (KI) hat Europa einiges zu bieten. Das Unternehmen „DeepL“, das ein Online-Übersetzungs-Tool ähnlich wie Google Translate anbietet, hat beispielsweise seinen Sitz in Köln. Die europäische Alternative für bekannte KI-Chatbots aus den USA wie ChatGPT oder Gemini kommt wiederum aus Frankreich. Dort hat das Unternehmen Mistral AI den Chatbot „leChat“ entwickelt.
Startschuss für digitale Souveränität bei EU-Gipfel im Winter 2025
Doch auch wenn es bereits eine Vielzahl von Plattformen und Software gibt, die aus europäischen Ländern oder von gemeinnützigen Organisationen kommen: Der Weg zur vollständigen digitalen Unabhängigkeit dürfte noch ein weiter sein. Denn dazu gehört mehr als ein neues E-Mail-Postfach oder eine anonyme Suchmaschine. Stattdessen sind es vor allem Server und Cloud-Speicher, die unabhängig sein müssen, sowie die digitalen Strukturen in der Industrie.
Mit dem europäischen Gipfel zur digitalen Souveränität im November vergangenen Jahres hat die Politik zwar einen Startschuss gegeben, doch ein vollständiger Wandel wird Zeit, Willen und Ressourcen brauchen, so sind sich Expert*innen einig. Und selbst wer individuell digital souverän werden will, der braucht Anreize – denn noch empfinden viele Menschen die Abstriche, die sie für eine Unabhängigkeit von den großen Konzernen machen müssen, als zu groß.