Geschichte

Vor 100 Jahren: Willi Eichler und der Widerstand

31. December 2025 09:27:02
1925 wird der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK) gegründet. Unter Willi Eichler erkennt der Bund früh die Gefährlichkeit der Nazis und bekämpft sie.
Ein Mann sitzt an einem Tisch

Er prägte den Kampfbund: Willi Eichler, hier in Göttingen im Jahr 1929.

Die Unterredung mit Professor Leonard Nelson, Gründer des Internationalen Jugendbundes (IJB), in der Berliner SPD-Zentrale ist Formsache. Zu deutlich hat die radikale Jugendorganisation des ehemaligen Sozialdemokraten Nelson im Wahlkampf gegen die SPD agiert. Am 2. November 1925 beschließt der Parteivorstand einstimmig: Die Mitgliedschaft im IJB ist mit der Sozialdemokratie unvereinbar. Drei Wochen später gründet der Philosoph und Sozialist Nelson den Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK). Rund 300 Mitglieder schließen sich an.

Nelson führt den ISK mit uneingeschränkter Autorität, auch wenn er eine internationale Leitung einsetzt: seinen Privatsekretär Willi Eichler und die Schüler Wie Si-Juan und Zeko Torboff. Die Grundsätze des Jugendbundes bleiben bestehen: Der ISK versteht sich als Kaderorganisation, die Führungspersönlichkeiten für eine sozialistische Gesellschaft ausbildet. Die Anforderungen an die Mitglieder sind hoch: Verzicht auf Alkohol und Nikotin, Vegetarismus, Kirchenaustritt und Disziplin in der politischen Arbeit. Eichler übernimmt die Organisation des ISK und tritt aus der SPD aus.

Rückblick: Der Internationale Jugendbund, 1917 von Nelson gegründet, ist eine linksradikale Erziehungsgemeinschaft, die langfristig eine „Partei der Vernunft“ anstrebt. Er ist antimarxistisch, antiklerikal und demokratiekritisch. 1922 wirft die KPD die IJB-Mitglieder hinaus, 1925 folgt die SPD.

Willi Eichler: Von der SPD zur zentralen Figur des ISK

Nach Nelsons Tod 1927 wird Eichler zur zentralen Figur des ISK. 1932 veröffentlicht der Kampfbund den „Dringenden Appell“, der SPD und KPD zur Einheitsfront gegen Hitler aufruft. Albert Einstein und Erich Kästner unterstützen den Aufruf, doch politisch bleibt er wirkungslos. Der ISK erkennt früh die Gefahr des Nationalsozialismus.

Nach Hitlers Machtübernahme weicht der Kampfbund in den Untergrund aus. Seine straffe Organisation erweist sich als Vorteil: Der ISK löscht systematisch alle Spuren, organisiert geheime Treffpunkte und baut Verbindungen ins Ausland auf, um Nachrichten und Material zu transportieren. Ende 1933 flieht die Führungsriege um Eichler nach Paris, wo alle Fäden zusammenlaufen. Der Widerstand setzt auf Sichtbarkeit: Flugblätter, Klebezettel, kurze Botschaften, die die NS-Propaganda angreifen. In mehreren Städten entstehen Untergrundzellen, die sich streng an Eichlers Regeln halten: Schweigen, klare Zuständigkeiten, kein Risiko ohne politischen Nutzen.

Im Exil organisiert Eichler eine publizistische Gegenöffentlichkeit. Seine „Neuen Politischen Briefe“ – später „Reinhart-Briefe“ – erreichen über komplizierte Wege weiterhin Leser im Reich und liefern unabhängige Informationen über Repressionen und Stimmungslage. Der ISK veröffentlicht zudem internationale Schriften wie „Germany Speaks“, die das Ausland über das NS-Regime aufklären sollen. 1940 flüchten die Pariser ISK-Mitglieder nach London, wo sie am 19. März 1941 gemeinsam mit SPD, SAP (Sozialistische Arbeiterpartei), und der Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“ die „Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien“ gründen.

Nach Kriegsende: Auflösung des ISK, Beitritt zur SPD

Nach Kriegsende treffen sich im August 1945 nahe Hannover 30 ISK-Mitglieder mit Willi Eichler. Sie beschließen, den Kampfbund aufzulösen und geschlossen der SPD beizutreten. Die Erneuerungsdebatten der 50er Jahre werden von ihnen mitgeprägt. So gehört Willi Eichler zu den Hauptautoren des Godesberger Programms, das die Sozialdemokratie neu ausrichtet. Die Historikerin Susanne Miller, die dem Kampfbund seit ihren Jugendjahren verbunden ist, arbeitet ebenfalls am Entwurf mit. Oder Alfred Kubel – er wird 1970 Ministerpräsident von Niedersachsen.

Der Anspruch des ISK, Vernunft und politische Verantwortung zu verbinden, wirkt in der SPD weiter – als stille Tradition einer kleinen, unbeirrbaren antifaschistischen Gruppe.

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Thomas Horsmann

ist freier Journalist und Redakteur.

 

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