Meinung

Auswege aus der Krise: So gewinnt die SPD wieder Glaubwürdigkeit

27. März 2026 12:50:26
Die SPD steckt in der Krise. Ohne klare Vision droht der Absturz. Warum die Parteispitze jetzt liefern muss – und worauf es ankommt, schreibt Christian Wolff in einem Meinungsbeitrag.
 Im Willy-Brandt-Haus trifft sich am Freitagnachmittag die SPD-Spitze, um über Wege aus der Krise der Partei zu beraten.

Im Willy-Brandt-Haus trifft sich am Freitagnachmittag die SPD-Spitze, um über Wege aus der Krise der Partei zu beraten.

So niederschmetternd das Wahlergebnis für die SPD in Rheinland-Pfalz auch ist, so erwartbar war es. Denn seit der für die SPD desaströsen Bundestagswahl 2025 hat sich personell, programmatisch und strategisch wenig getan. Daran ändern auch die vielfältigen innerparteilichen Debattenforen wenig. Im Gegenteil: Sie spiegeln die programmatische Misere der Sozialdemokratie nur wider.

Denn bis jetzt hat die SPD nicht vermitteln können, warum man sie wählen sollte und welche Programmatik sie im Parlament vertreten will. Stattdessen strahlt die Partei vor allem eines aus: eine langweilige Alltäglichkeit, verknüpft mit einer biederen Bemühtheit. Das liegt vor allem an einer fehlenden Vision, an einer positiven Erzählung sozialdemokratischer Politik. Über keine Visionen zu verfügen, ist aber eine besondere Art von Blindheit, eben einer Krankheit. Der nun schon lange währende Krankheitsverlauf macht die Lage der SPD derzeit so aussichtslos.

SPD ohne Vision: Die eigentliche Krise

Wenn die SPD überleben will, dann muss sie jetzt eine zugkräftige Erzählung für das menschliche, soziale Zusammenleben vor Ort, für ein Europa als Friedensmacht, für eine Politik zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen entwickeln. Eine solche Vision hat die Funktion, den Bürger*innen zu vermitteln, was die Grundanliegen der Sozialdemokratie sind, von woher und zu welchen Zielen sie auf kommunaler, Landes- und Bundesebene Politik betreiben will.

Die SPD benötigt diese Zielvorstellungen, um von ihnen aus und auf sie hin eine Politik der kleinen Schritte zu vollziehen. Visionen dienen dem Ziel, dass sich politische Ideen nicht im Alltäglichen verlieren. Die Politik der kleinen Schritte baut die Stufen, um von der Vision in die Wirklichkeit zu gelangen.

Glaubwürdigkeit zurückgewinnen

Derzeit kann kaum noch jemand erkennen, von welchen Zielen sich die Politik der SPD ableitet. Dieser Missstand kann nicht dadurch behoben werden, dass Profilierung als Opposition in der Regierung betrieben wird. Das ist zum Scheitern verurteilt. Vielmehr muss die SPD aufzeigen, dass das, was sozialdemokratische Minister*innen tun und die Bundestagsfraktion beschließt, ein kleiner Schritt auf die Vision hin ist.

Das aber kann nur gelingen, wenn die SPD ihre Vision von Gerechtigkeit, von einem friedlichen Zusammenleben der Völker, von einem sozial und demokratisch gestalteten Lebens- und Bildungsumfeld mit konkreten, menschennahen Schritten untersetzt. Wenn aber statt der Vision einer europäischen Friedensordnung die SPD den Rüstungswettlauf in einer kriegerischen Welt zum Programm erhebt, die Bürger*innen gleichzeitig in sozialdemokratisch regierten Kommunen und Bundesländer erleben, dass Schulen verrotten, das Wohnen unbezahlbar wird und die Infrastruktur des ländlichen Raums zerfällt, dann gerät die Sozialdemokratie in eine tiefe Glaubwürdigkeitsfalle.

Zwischen Aufrüstung und sozialem Verfall

Genau das ist in den vergangenen Jahren geschehen. Die SPD hat nicht wegen des Bürgergeldes Stimmen verloren, sondern weil viele Menschen in der reinen Alimentation von Erwerbslosigkeit keine Gerechtigkeitsidee mehr erkennen können – vor allem wenn Schritte zur Besteuerung der Vermögenden ausbleiben. Die tragische Folge: Das toxische Gemisch nationalistischer, rechtsradikaler Politik und einer Autokraten wie Putin, Trump oder Orbán huldigenden Friedensrhetorik einer AfD erscheint zu vielen Bürger*innen attraktiver als ein der Kontrolle weitgehend entzogenes gigantisches Aufrüstungsprogramm bei gleichzeitigem Zerfall von sozialer Lebens- und Bildungsqualität vor Ort.

Aus dieser Falle muss sich die SPD befreien, wenn sie sich als die Partei der europäischen Einigung, des Friedens und des sozialen Zusammenhalts profilieren will. Doch alles wird erheblich davon abhängen, ob die SPD sich aus ihrem Erschöpfungszustand befreien kann.

Erneuerung beginnt vor Ort

Das ist eine Herausforderung, der sich jedes SPD-Mitglied stellen muss – ebenso wie all jene, die den Zustand der Partei mit Sorge betrachten. Gerade weil die Grundideen sozialdemokratischer Politik unter Druck geraten sind, müssen sie offensiv und positiv in den politischen Diskurs eingebracht werden – weniger rhetorisch, sondern durch erfahrbare politische Entscheidungen vor Ort.

Die SPD wird sich nicht durch Auftritte eines ausgelaugten Spitzenpersonals in Talkshows erneuern, sondern durch weitsichtig handelnde Sozialdemokrat*innen in kommunalen Gremien, in Vereinen und Institutionen. Dort gilt es, dem Zerfall der offenen, vielfältigen, demokratischen Gesellschaft entgegenzuwirken – und sozialdemokratische Grundanliegen wieder sichtbar und erlebbar zu machen.

Zuerst erschienen im Blog des Autors

Christian Wolff ist seit 55 Jahren SPD-Mitglied.
SPDings – der „vorwärts“-Podcast

SPDings – der „vorwärts“-Podcast, Folge 46 mit Christian Wolff

1992 wurde der „klassische Wessi“ Christian Wolff Pfarrer an der Thomaskirche in Leipzig. Zum 35. Jahrestag erzählt er, warum er „Wiedervereinigung“ für den falschen Begriff hält.

Verfügbar auf: Spotify radiopublic Pocket Casts Google Podcasts
Autor*in
Christian Wolff
Christian Wolff

ist evangelischer Theologe und seit 2014 als Blogger und Berater für Kirche, Politik und Kultur tätig. Seit 1970 ist er Mitglied der SPD.

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7 Kommentare

Gespeichert von Thomas Schreier-Alt (nicht überprüft) am Fr., 27.03.2026 - 16:14

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Inhalte und Darstellung unserer Partei sehe ich nicht als den eigentlichen Grund für die Krise. Problematisch ist vielmehr, dass die SPD (oft zwangsweise) als Juniorpartner in fast allen Koalitionen auftritt, eigene Inhalte nur "weichgespült" umsetzen kann und die frustrierten Wähler somit in die Extreme (Linke, BSW, AfD) treibt.
Wir müssen auch mal Koalitionsverhandlungen abbrechen und so Neuwahlen erzwingen, damit klar wird: ohne eine starke SPD ist keine stabile Regierungsbildung möglich.

In den vergangenen Koalitionen mit der CDU konnten wir unser Inhalte recht gut einbringen. Nur leider kamen diese nicht als Plus auf das Konto der SPD, sondern zugunsten der Kanzlerin Merkel.
Dieser wurde daraufhin, aus der CDU, ein zu linker Kurs vorgeworfen.
Wir hatten die Chance 2021 mit der Ampel. Verkackt.
Fazit: SPD und CDU machen beide die gleiche Politik. Ohne eine CDU-Führung bekommt die SPD kein Regieren hin.
Was machen wir draus? Wir "retten" uns in eine Koalitionen mit der CDU.

Das Problem: 1. In Ba-Wü wird die SPD nicht einmal als mögliche Koalitionspartnerin gebraucht, d.h. sie wird auch nicht für eine stabile Regierungsbildung benötigt. 2. Wenn die SPD in einer Koalition Juniorpartnerin ist, dann kommt es darauf an zu verdeutlichen: Um die positiven Ansätze in der Regierung zu verwirklichen, ist eine SPD geführte Regierung notwendig. Das ist der SPD zwischen 1966-1969 eindrucksvoll gelungen - und zwar durch eine gelungene Kombination von konstruktiver Regierungsarbeit und einer auf Veränderung ausgerichteten Parteiprogrammatik und entsprechender politischer Praxis.

Gespeichert von Walter König (nicht überprüft) am Sa., 28.03.2026 - 18:34

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Die Glaubwürdigkeit hat die SPD für mich schon 2005 mit Hartz IV verloren.
Dann versuchte man fast 20 Jahre später Fehler leicht mit dem Bürgergeld zu korrigieren und
rudert jetzt wieder zurück. Die Erklärungen von vor 3 Jahren sind jetzt auf einmal wieder "falsch".
Wie glaubwürdig soll dies sein?
Der größte Gegner der SPD wird bald die 5 Prozent Hürde werden.
Das Frankenstein Monster "AfD" hat auch die SPD mitgeschaffen. Es wird bald alles blockieren und auch erst indirekt und dann direkt mitregieren.

Gespeichert von Ludger Thölking (nicht überprüft) am So., 29.03.2026 - 15:36

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SPD muss sich was trauen

Lars Klingbeil, SPD sollte aufhören von neuen Wohltaten für die Arbeiter zu faseln. Kommt eh nichts nach, bei keiner Partei. Denen die haben wird gegeben, bei denen die wenig haben wird gekürzt. Seit Jahrzehnten. Mit Gerhard Schröder SPD ging mit Agenda 2010 und Hartz IV das Elend für die Arbeiter und Rentner richtig los. Der Totengräber der SPD ist in Wahrheit Gerhard Schröder gewesen. Die SPD sollte sich mal wieder was trauen und gerechte Politik machen.
Und als erste Reformmaßnahme fordern, daß Politiker, neue Beamte und Selbstständige endlich in die Rentenversicherung einzahlen.
Schluß mit Extrawürsten für Politiker und neue Beamte. Diese eklatante Ungleichbehandlung von Rentnern und Pensionären ist durch nichts, aber auch gar nichts mehr zu rechtfertigen. Das wäre dann auch wieder eine gerechtere und bürgernahe Politik. Und dann würden vielleicht auch wieder einige Leute SPD wählen.

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Mo., 30.03.2026 - 10:59

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Das sollte das neue Grundsatzprogramm der SPD sein.
Ja.

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Di., 31.03.2026 - 09:40

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Wolffs Text sollte das neue Grundsatzprogramm der SPD sein.
Ja.